Wisst ihr das Leben, also das Leben, das ist wie…
Lautes Klopfen unterbricht sowohl das Vorspiel, als auch den wahrscheinlich klügsten Satz der nie vollendet wurde.
Sind wir hier im Mittelalter? Klingelt, so wird euch aufgetan. Kannst du mal kurz… Ich hab grad' beide Hände voll.
Pablo greift voller Vergnügen nach der linken und rechten Pobacke seiner Begleiterinnen. Die Dame zu seiner rechten öffnet die Türe. Zwei Männer in schwarzen Kutten stehen davor. Die Blicke des einen huschen zwischen Pablo und den spärlich bekleideten Frauen hin und her. Der Blick des anderen ruht still auf dem Antlitz der wachsenden Schadenfreude.
Seid ihr wegen des Weltuntergangs hier?
Pablos Ausdruck ist durchtränkt von Hochmut. In Hochmut will er untergehen und in Wollust will er ertrinken. Der Herr wird ihm diesem Gefallen tun. Er hat es sich verdient. Vinzenz Kopf dreht sich zu Nepomuk, doch der alte Mann bleibt starr.
Wir suchen Johannes, welchen Nachnamen er sich momentan gibt, ist uns nicht bekannt.
Pablo senkt seinen Kopf, dabei verharrt sein Focus starr in Nepomuks Augen. Das Tier im Menschen zerrt an seiner Stimme.
Stockwerk Neun! Wer suchet, der findet.
Die Runen verbleichen mit einem Luftzug auf den Wänden. Der Raum wird dunkler, jedoch nur für Nicht-Menschen.
Wir haben 'nen weiten Weg bis oben, sie können ja mit dem Aufzug fahren, wenn sie es drauf anlegen wollen. Ich geh Knattern, ihr Lappen. Sayonara!
Pablo schiebt seine Begleiterinnen, die breite Treppe hinauf. Die Asiatinnen tippeln schnellen Schrittes voran.
Wer als erste oben ist, darf als erste oben liegen!
_KAPITEL 4
D
ie zerkratzten Türen schließen sich unbeeindruckt hinter den Priestern. Der Fahrstuhl tut seine Pflicht. Als die Kabine beginnt sich den Schacht hoch zu quälen, schießt Vinzenz Adrenalinspiegel an die Decke des Aufzugs. Verhandlungen mit Dämonen sind kein Bestandteil der Ausbildung.
_1.Stock
Seine Hände zittern, als hätte man ihm eine Schlinge aus Stacheldraht um die Kehle gelegt.
_2.Stock
Ihm wird kalt, eine Gänsehaut krabbelt seine Waden hoch. Er unterdrückt den Schüttelfrost.
_3.Stock
Er sieht in den dreckigen Aschenbecher der 30 Jahre alten Apparatur.
_4.Stock
Die zwei Neonröhren an der Decke des Fahrstuhls flackern zweimal.
_5.Stock
Nepomuk steht, auch ohne seinen Gehstock, fest wie ein Fels, im fahrenden Raum.
_6.Stock
Die Kabine hüllt sich in Dunkelheit. Der Reihe nach sterben die Lampen in den Knöpfen, die zu sechs unbewohnten Etagen führen. Die urzeitliche Etagenanzeige folgt ihrem Beispiel.
_7.Stock
In der Dunkelheit fängt der Motor des Fahrstuhls an, Laute aus den Bronchien zu ringen.
_8.Stock
Die Zeit bleibt für den faltigen Mann stehen. Zigarettenrauch quillt aus seiner Nase.
Ich dachte du holst mich als sie mich in die Röhre geschoben haben, dann dachte ich mich du holst mich, als sie mir die erste Infusion gelegt haben. Warum lebe ich überhaupt noch? … Ich bin zu alt für diese Scheiße! … Mir ist egal ob ich lebend aus dieser Box steige, ich bin hier, wie ihr verlangt habt.
_9.Stock
Die verkratzen Türen Fahrstuhltüren öffnen sich vor den befreiten Priestern. Dumpfe Basswellen dringen in die Kabine.
_KAPITEL 5
_Etage 9, Flur
G
rüner Absinth zieht Schlieren durch Adams Glas. Seine Augenlider sind kurz davor endlich aufzugeben. Er ist am Ende und die Wand ist seine letzte Gefährtin. An ihr ziehen Runen durch den Flur, doch sie leuchten nur schwach zum Takt der klarer werdenden Musik. Seine Beine versagen, er sackt an der kahlen Gefährtin zusammen. Adams Sicht wird trübe, das Licht flimmert auf seiner Netzhaut, seine Lippen werden taub. Gleich ist es soweit. Als er den Fußboden erreicht, treten die Katholiken durch die schwere Metalltüre, ihr Quietschen ist Adams letzter Vorhang. Vinzenz schließt ihn langsam hinter Nepomuk. Adams unscharfer Blick fixiert den rissigen Boden vor ihm. Schleifend streckt er ein Bein nach dem anderen aus. Der Gang des alten Exorzisten ist langsam, aber er lässt sich von der leichenblassen Schnapsleiche nicht ausbremsen. Vinzenz und Nepomuk steigen nichtssagend über ihn. Stotternd dreht Adam seinen Kopf zu ihnen, seine Worte sind klar.
Is' offen.
Man kann den schweren Takt in den schwarzen Kutten hören, in Adams Ohren klingt es als würde man einen Teppich ausklopfen. Seine Stimme wird schwächer.
Er wird euch töten.
Nepomuks Gang bleibt unverändert, Vinzenz Blick trifft eine endlose Sekunde auf Adams Zustand. Der alte Lehrmeister gibt eine Anweisung.
Lass ihn. Er hat sein Schicksal gewählt.
Nepomuks Blick weicht keinen Grad von der weißen Türe am anderen Ende des Flures ab. Adams Stimme flimmert.
Ihr wählt euer Schicksal.
Vinzenz Blick schnallt zurück. Nepomuks Stimme ermahnt ihn.
Er hat es verdient.
Mit seiner letzten Kraft leert er seine Lungen.
Einen Scheiß hab ich verdient. Einen Scheiß hab ich verdient, du dreckiger Kinderficker!
Vinzenz Finger drücken gegen die, im Takt vibrierende, Wohnungstüre. Adams Finger entlassen sein Glas in die Freiheit.
Klack.
_KAPITEL 6
Edel geht die Welt zu Grunde
_Wohnküche
G
länzende Pappbuchstaben hängen über dem Türrahmen, sie erinnern an die Happy Birthday-Schriftzüge von Kindergeburtstagen. »Weltuntergang!« Im verqualmten Raum, der offen in das schmucklose Wohnzimmer übergeht, befindet das »Who is Who« der verstoßenen Unterwelt. Es riecht nach erlesenem Cannabis und Schießpulver. Auf der Gästeliste stehen, unter anderem, Baphomet der Götze der Tempelritter, der blinde Erzengel Sammael besser bekannt als Gevatter Tod, Mammon und Melchom, welche die Gier der Menschheit gegen sie richteten, Jahi die Mutter der Hurerei, Abaddon der den Schlüssel zur Hölle mit sich trägt, Nybbas der durch seinen Willen vom Menschen zum Dämon wurde, sowie sein Gegenstück Behemot, den die Menschen, als Rache der Natur, fürchten. Die Menschen die mit ihnen ausgelassen und fröhlich feiern, sind Berufene und Auserwählte. An einem runden Holztisch, der, wie fast alles im Raum, eher auf den Sperrmüll gehört, sitzen zwei Dämonen, zwei Menschen und der Gastgeber Johannes. Ihr Lachen ist ehrlich und kräftig. Auf der mehr oder weniger festliche Tafel thront eine antike Absinthfontaine aus Kristallglas mit verzierten Silberfüßen und Feenemblem. Eine schwachblaue Flamme lodert auf dem Kopf des geschichtsträchtigen Stück Handwerkskunst. Siedender Zucker tropft langsam in die hellgrüne Brühe und schlägt Wellen, die am edel verzierten Kristallglas brechen. Ein silberner Hahn, in Form eines Totenkopfes, ist das Schmuckstück der Apparatur. Daumen, Mittel- und Zeigefinger drehen den Hahn auf, die hellgrüne, fast milchige, Flüssigkeit, läuft, durch die Augen des silbernen Totenschädels, in ein schmuckloses ausgespültes Senfglas, dem drei Colagläser und eine Tasse mit Zwiebelmuster folgen. Die Finger drehen den Hahn zu und die Tränen versiegen. Menschen und gefallene Engel tanzen, trinken und lachen, bis die Exorzisten den Raum betreten.
Die Luft versteinert und bricht an den Schritten der Kuttenträger. Die Nadel des Plattenspielers erhebt sich von dem alten Stück Schellack als wolle sie einen Blick, über die Köpfe der Gäste, auf die Lebensmüden werfen. Allein ein Augenpaar ist nicht auf Nepomuk und Vinzenz gerichtet. Der Gastgeber erhebt sich nur gemächlich von seinem wackelnden Stuhl und zündet seinen Blunt an dem lodernden Zucker an. Er inhaliert den Rauch tief in seinen Verstand und versinkt wieder in seinem schmucklosen Holzstuhl. Er ist in Feierstimmung, er hat schließlich ein halbes Jahrhundert auf diese Nacht gewartet. Die nicht menschlichen Gäste fletschen, mit geschlossenen Mund, ihre kampferfahrenen Zähne. Nepomuk schiebt, ohne Berührungsängste, ein paar Dämonen zur Seite, bis er freien Blick auf Johannes hat. Vinzenz erhascht scheu ein paar Gesichter, die zwar ihren Hass nicht verstecken, aber alle menschlich erscheinen. In rachsüchtiger Absicht tippt eine zierliche Fingerspitze auf seine Schulter.
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