Cengiz fühlt sich freundschaftlich genötigt ihm Contra zu geben.
Laber doch nich', du stehst doch drauf.
Deine Generation steht drauf! Und wat laberst du hier?
Kevin deutet mit der halbleeren Flasche in seiner Hand auf Lilli, die zwischen Schockstarre und Unglauben für das Mundwerk der beiden Männer, hin und her pendelt.
Macht der mich schlecht vor so 'ner heißen Schnecke. Lilli Milli glaub dem Penner nich', ich mag's zwar schmutzig, aber dabei muss keiner dreckig werden, naja vielleicht 'n bisschen. Wat is' jetzt? Ill-Lil, wat werft ihr ein?
Maras Augen fixieren Lillis wachsende Furcht. Sie legt eine Hand auf die menschliche Schulter und ein Lächeln in ihre Worte.
Wir verhandeln nicht.
Maras Worte kraxeln sich die mächtige Betonfassade hinter ihr hoch und verwirbeln über dem Sims.
Es gibt keinen Grund zur Furcht.
Lillis Gesicht wird taub, es wehrt sich.
Aber die Tafel!?
Ich sage dir wir verhandeln nicht. Die Katholiken lügen. Sie würden uns niemals helfen.
Maras Worte kriechen Lillis Nacken hoch.
Lilli, mach dir keinen Kopf. Geh nach oben und sprich mit Amora.
Mara drückt sie kurz an sich und schenkt ihr ein angesäuseltes Lächeln.
Ok.
Lilli nimmt einen tiefen Atemzug, dreht sich auf dem Hacken um und verschwindet wieder im Haus. Kevin stellt seine Flasche auf den Boden, die noch ein paarmal im Kreis schwankt, bevor sie einen festeren Stand findet als ihr Besitzer.
Mara, Engelchen, muss ich mir, für die 'ne Duschhaube überziehen oder reicht Gummi für unten rum? Die is' ja voll durch, Napoleon-Style.
Jungs?
Cengiz und Kevin antworten im Canon.
Ja?!
Maras schmunzeln bricht das wenige Licht in alle Spektralfarben.
Baby-Pitbullwelpen!
Baby-Pitbullwelpen?!
Cengiz fällt fast hinten über.
Dat zählt nich'!
_KAPITEL 14
_Wohnküche
S
amson schiebt dem jungen Exorzisten einen Stuhl hin.
Setzen Sie sich! Sie dürfen sich rechtfertigen.
Die Sekunde bevor der Prediger das Angebot annimmt, scheint endlos. Das Polster ist schon seit Jahren verschlissen, aber es ist erstaunlich gemütlich. Der schwere schwarze Stoff presst sich in die orange Sitzschale. Eine der drei Glühbirnen über dem Küchentisch platzt fast vor Verzücken. Vinzenz gewinnt etwas wieder, was in Nepomuks Blut über den Küchenboden fließt. Er spult die Worte ab, während er sein Gewand und sein Kruzifix richtet.
Ich bin nicht mit leeren Händen gekommen und ich werde nicht mit leeren Händen gehen. Dieses Angebot ist mehr als großzügig. Einen gefallenen Engel gegen die Erlösung jedes Dämons, egal wer am Tag der Apokalypse siegreich ist. Kein ewiges Feuer. Und ich bin überzeugt, wenn die Dämonen die Menschen nicht mehr heimsuchen, wird Legion nie wieder erscheinen. Ein Anruf reicht und die Tafel ist im Handumdrehen hier. Ohne die Tafeln könnt ihr das Ritual gegen Legion nicht vollziehen. Also, worauf warten wir noch?
Luzifer meldet sich zu Wort.
Vielleicht plagen wir uns ganz gerne mit euch rum. Definitiv habt ihr, bei weitem, mehr zu verlieren als wir.
Vinzenz legt die Hände flach auf den Tisch.
Wenn Legion siegreich ist, sitzen wir alle im selben Boot. Wenn am Tag des Jüngsten Gerichtes das Gute siegreich ist und ihr nicht auf seiner Seite steht, werdet ihr ins ewige Feuer geworfen. Gebt uns den Engel und ihr seid auf der sicheren Seite.
Sein Blick endet auf Johannes.
Du machst dir das zu einfach, Prediger. Und dein Glauben ist schwach. Wir haben keinen Grund Angst vor der Hölle zu haben, auch wenn der gnädige Herr Exorzist das anders sieht. Was gut und schlecht ist, wissen so wenige Menschen. Wir sind sehr konsequent im Gegensatz zu euch und falls es dir noch niemand gesagt hat, Gott ist die Konsequenz in Person. Ihr seid naiv, wenn ihr denkt, er wird euch nicht strafen, für die Inquisition, den Ablasshandel, die Kreuzzüge und jedes Gramm Gold in euren Kirchen und Truhen. Es ist egal ob Gott oder Legion eure Seelen in die Finger kriegt, gefickt seid Ihr so oder so. Wenn Legion Gott eure Seelen entreißt, werdet ihr erfahren was bedeutet gejagt zu werden.
Luzifer stellt sich neben Johannes.
Lass uns das nochmal zusammenfassen, ihr könnt so weitermachen wie zuvor und wir opfern den Engel, der mehr für die Menschheit getan hat, als euer ganzer Verein zusammen. Dazu machen wir uns vom Acker und überlassen euch das Feld. Ich glaube wir haben ein unterschiedliches Verständnis von Großzügigkeit.
Vinzenz hebt mit einem zitternden Grinsen seinen Kopf.
Was willst du denn noch, meinen Erstgeborenen? Ihr werdet alle erlöst, was wollt ihr mehr?!
Es herrscht eine dickflüssige Stille, bis Johannes Stimme die Luft zerschneidet.
Mara wird nicht erlöst. Was hat sie davon, dass wir sie opfern?
Du hättest sie einfach gehen lassen sollen, dann wäre sie jetzt nicht in dieser Lage. Sie wäre beim Herrn.
Die Worte fallen kalt aus Vinzenz Mund. Johannes Fingernägel ziehen vier kurze Strecken auf dem Küchentisch.
Du kannst froh sein, dass ich heute in guter Stimmung bin, ansonsten hätte ich dir den Unterkiefer, für diese Frechheit, ausgerissen, Pfaffe. Der Erzengel Michael ist versessen auf …
Gott wird dem Erzengel verbieten euch zu helfen.
Dieser Wichser würde alles tun, um Mara durch das Himmelstor zu schleifen, selbst wenn er dabei zum Dämon wird! Du kriegst deine scheiß Feder, Gott wird Mara und mich für immer trennen und die Dämonen bleiben hier, um hinter euch aufzuräumen, aber nur wenn wir Legion nicht besiegen können.
Ihr stört euch an einem Opfer? Wie viel Blut habt Ihr vergossen, wie viel Leid habt Ihr zugefügt?
Stellvertretend für den restlichen Raum verliert Johannes kurz seine Beherrschung.
Ich diskutiere doch nicht mit einem Katholiken über das Zufügen von Leid! Wenn Legion hier aufkreuzt treten wir ihn in seinen fleischgewordenen Arsch, aber vorher verliert der Papst sein Haupt. Nicht mal für beide Tafeln und die Bundeslade, liefern wir einen von uns an euch aus!
_KAPITEL 15
_Frankreich // 1245
D
er Sonnenaufgang schleicht sich an zwei Liebende heran. Das Korn wiegt im Takt des Windes den Morgentau von den Stängeln. Maras Fuß streichelt sanft über Johannes Unterschenkel. Der Dämon dreht sich mit schlafenden Liedern und einem wohligen Lächeln, auf den Rücken. Der Tau auf Maras nackter Haut rinnt ihre Form hinunter. Es kitzelt die Tropfen. Sie steht auf und streckt im Gedanken ihre Flügel, während ihre Beine durch das goldene Feld streichen. Sie geht ein paar Schritte die Anhöhe hinunter, wobei das Licht sich auf ihrer Haut wärmt. Mara kniet sich und riecht an einer einsamen Mohnblüte. Ihre Finger streichen über den grünen Stängel, doch sie weigert sich die Anmut zu pflücken. Die grünen Augen schweifen über den friedlichen Horizont. Sie richtet sich auf und dreht sich wieder zu Johannes. Das Korn biegt sich unter ihren filigranen Schritten, bis sie sich wieder neben Johannes legt und ihr Haupt auf seine Brust bettet. In ihren Ohren mischt sich der drehende Wind mit Johannes Herzschlag. Licht fließt durch seine Augenlider.
Johannes?
Ja?
Werden die Menschen eines Tages aufhören?
Ihre Worte klingen weniger besorgt als stagnierend.
Ich meine, werden sie jemals … ich versteh nicht wie sie sich lieben und kurz darauf so grausam zueinander sein können. Sie müssen doch … irgendwann …
Das ist Freiheit.
Sich gegenseitig abzuschlachten?
Sich unschuldig zu fühlen, nachdem man es getan hat.
Mara fühlt wie Johannes ruhige Stimme durch seinen warmen Körper strömt.
Gott macht es den Menschen im Leben zu schwer und zu leicht im Tod. Er will sich seinen Fehler nicht eingestehen.
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