Walik Dark nickte.
„Wir sollten mal die Wände abtasten“, schlug er vor.
Die Raumfahrer machten sich daran die Wände abzutasten. Kein Millimeter wurde ausgelassen. Aber man hatte ja Zeit, und so brauchten sie sich nicht zu beeilen.
„Hier“, rief Gryk.
Der Katzenmensch hatte eine lose Platte im Fußboden gefunden. Mit Hilfe von Han Suurbier löste Gryk die Platte vollends und legte sie beiseite. Unter der Platte kam ein Gitter zum Vorschein, unter der eine Art Schacht gähnte. Das musste der Luftschacht sein. Irgendwo musste es einem doch durch den Schacht gelingen, ins Freie zu gelangen.
„Da müssen wir rein“, meinte Cart.
Han nickte und ging dann zu den Betten. Er riss kurzerhand die Laken von den Betten der Gefangenen und begann aus ihnen ein Seil zu flechten.
Noch einmal überprüfte er das Seil auf seine Belastbarkeit, dann war es fertig. Er führte es den anderen vor.
Ein Aufzug wäre den Männern zwar lieber gewesen, aber Han Suurbiers Seil war die einzige Chance, aus dem Gefängnis von Lutonia zu entkommen.
Cart befestigte das Seil sorgfältig am Schachteingang, und Han ließ es dann langsam herunter.
Zuerst wurde Walik Dark heruntergelassen, dann folgte Han Suurbier, und als dritter kletterte Cart Rhegan. Shelbar Gryk kam zuletzt dran, weil der Katzenmensch das größte Gewicht besaß.
Nun waren sie alle auf dem Boden des Schachtes. Der Schacht selber war alles andere als sauber. Dazu hatten die Männer noch unangenehme Gerüche und schleimige Kriechtiere auszuhalten, die hier in den Schächten ihr armseliges Dasein fristeten.
Hinter einem Gitter bemerkten sie nun einen anderen Gang. Er schien die Fortsetzung des Schachtes zu sein.
Das Gitter wurde nach einigen Anstrengungen der Mänenr und mit Hilfe der Krallen des Katzenmenschen entfernt, und so konnten Cart und die anderen ihren Weg fortsetzen.
Es war kein angenehmer Weg, aber der einzig mögliche.
„Das sieht aber mehr nach einem Abflusskanal aus als nach einem Lüftungsschacht“, meinte Walik Dark.
„Ist das nicht egal?“, fragte Cart Rhegan.
„Diese Insekten“, stöhnte Shelbar Gryk.
„Wir scheinen wirklich in einem Abflusskanal gelandet zu sein“, vermutete Han Suurbier.
Überall war es glitschig und rutschig. Die Insekten waren fast nicht mehr auszuhalten und die Gerüche wurden immer unerträglicher. Dazu kam noch eine fast vollkommene Dunkelheit, die die Männer fast blind umherirren ließ.
Cart fragte sich, ob man ihre Flucht schon entdeckt hatte. Er schaute auf die Leuchtziffern seiner Uhr. Um diese Zeit kam normalerweise ein Roboter und brachte ihnen, was sie zum Leben brauchten. Sie mussten ihre Flucht also schon entdeckt haben. Was würde man unternehmen? Würde man die Kanäle vergasen, so dass sie hier ersticken mussten? Das konnte gut sein. Aber warum wollte Luun Thorkild die Existenz Acans leugnen?
Wussten die Aulaner, dass Acan hinter dem raschen Aufstieg Lutons stand? Suchten die Aulaner deshalb nach den Koordinaten? Wussten die Verantwortlichen in Lakor Bescheid?
Die Männer standen jetzt zeitweise knietief im Schlamm. Sie stolperten, standen wieder auf, stolperten und liefen weiter. Irgendwann musste der Ausgang kommen. Nur wann, das wusste keiner. Jetzt kam die erste Gangbiegung. Die Männer sahen die Schatten von Leuchtstoffröhren, die vor langer Zeit einmal gebrannt hatten. Doch die Lampen waren erloschen. Nach der Gangbiegung konnten die Männer noch nicht das Licht der Sonne sehen. Statt dessen sahen sie fast nichts. Sie taumelten vorwärts, nur von den Mauern geleitet und von den Insekten geärgert.
Plötzlich hielt Cart Rhegan an.
„Stopp, Leute, ich habe etwas gehört.“
Die Männer horchten angestrengt.
„Schritte“, sagte Han schließlich.
Cart nickte.
„Die sind sicher wegen uns hier unten“, meinte Gryk.
„Sie werden eine gute Ausrüstung bei sich haben, wenn unsere Vermutung stimmt und sie wirklich uns suchen“, spekulierte Walik Dark.
„Was meinst du damit?“, fragte Cart.
Dark zuckte mit den Schultern.
„Ich dachte nur, dass wir sie unter Umständen überwältigen können.“
Gryk kraulte seine Barthaare.
„Kein schlechter Gedanke“, fand der Katzenmensch.
Die Schritte wurden lauter.
„Wir müssen uns verstecken“, meinte Han Surrbier.
„Da in die Nische“, befahl Cart.
Die Männer gehorchten und versteckten sich in einer Nische. Die Männer sahen jetzt einige Gestalten in Spezialanzügen und mit Scheinwerfern ausgerüstet. Es waren insgesamt drei Mann.
„Die schaffen wir“, meinte Gryk.
Dem Katzenmenschen machte die Dunkelheit wenig zu schaffen. Er konnte seine Pupillen derart erweitern oder verengen, das er sich bei grellem Licht und annähernder Dunkelheit immer noch orientieren konnte.
Mit einem tollkühnen Satz sprang Gryk auf die Gestalten zu. Mit wenigen Handgriffen und übermenschlichen Kräften überwältigte Gryk die kleine Patrouille. Cart, Han und Walik zogen die Kombinationen der Überwältigten an. Diese zogen die zerschlissene Kleidung der drei an. Gryk musste seine alte Kleidung anbehalten. Ihm wären die Kombinationen auf alle Fälle zu klein gewesen.
Die drei Mitglieder der Patrouille sahen sich betroffen an. Cart Rhegan trat zu ihnen.
„Wer war der Kommandant von eurer Patrouille?“, fragte Cart.
„Ich, Mister“, meldete sich einer der Männer.
„Wie ist Ihr Name?“
„Leutnant Temistokles O’Shay“, antwortete der Mann.
„Und wie heißen Ihre Kollegen?“
„Ren Borker und John Cabot!“
Cart blickte von einem zum anderen.
O’Shay war ein etwas älterer Mann. Die Haarsträhnen flogen ihm wild durch das Gesicht und sein Bart schien einen Rasierapparat nicht zu kennen. Cabot und Borker waren hingegen noch sehr junge Kadetten. Ren Borker hatte eine Wunde an der linken Schulter – sie musste von Gryks Krallen stammen. Wenn jemand etwas über Acan wissen würde, dann war es Temistokles O’Shay.
„Warum kreist Acan um Luton?“, fragte Cart.
O’Shay hustete. Er wusste ganz genau, dass die Frage an ihn gerichtet war, aber dennoch antwortete er nicht. er tat einfach so, als hätte er die Frage nicht gehört. Cart ballte seine Hände zu Fäusten.
„Antworten Sie, Mr. O’Shay!“, rief Cart.
Der Leutnant blickte zu Cart herüber. Der Lakornide sah jetzt das spitze Kinn und das dürre Gesicht O’Shays, in dem die Knochen deutlich sichtbar waren. Es war ein markantes Gesicht mit einem kühnen Profil.
Das Gesicht hatte in seiner Hässlichkeit eine eigentümliche Schönheit, die den Blick Cart Rhegans gefangenhielt.
„Also gut“, sagte O’Shay. „Ich weiß nicht alles, aber immerhin etwas. Acan hat Luton Hilfe angeboten. Schon vor einigen Jahren hatten wir Kontakt mit Acan. Es bestand aber immer äußerste Geheimhaltepflicht. Und dann ist Acan vor drei Monaten hier im Lutsol-System aufgetaucht.“
„Wissen Sie über die genauen Pläne der Raumstadt Bescheid, Mr. O’Shay?“
Der Leutnant schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, das wissen nur wenige. Außer Luun Thorkild und Jason Vorcher nur noch Ellery Woodman, der Chef der Datenabteilung von Luton.“
„Was wollt ihr eigentlich? Warum interessiert ihr euch für Acan?“, wandte sich John Cabot an Cart Rhegan.
„Wir wollen das Geheimnis eines alten Mythos lüften.“
„Ihr wollt nach Acan?“, fragte Cabot nun.
„Ja“, sagte Cart Rhegan nur.
Er wandte sich nun wieder Temistokles O’Shay zu.
„Führen Sie uns hier raus, O’Shay. Aber ich warne Sie. Wenn Sie Dummheiten machen, sind Sie dran, das verspreche ich Ihnen.“
Die Gruppe setzte ihren Weg fort. O’Shay führte sie, und Ren Borker und John Cabot wurden von Walik und Gryk streng bewacht.
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