Robert blickte jetzt noch grimmiger als zuvor.
„Das Geschäft der russischen Mafia ist der Sumpf, die Prostitution, der Menschenhandel. Sie bringen Pillen in die Discos, plündern Konten via Internet, verschieben Antiquitäten oder Immobilien, gründen dubiose Import-Export-Firmen. Nur heute töten sie nicht mehr demonstrativ, um damit ihre Visitenkarte für jeden Ermittler sichtbar zu hinterlegen, wie sie es noch vor wenigen Jahren getan haben. Ihre Mordmethoden sind inzwischen viel ausgefeilter, kunstvoller geworden. Sie machen sich ihre Finger nicht mehr schmutzig. Doch sie sind immer da und sehr gefährlich.“
Robert sinnierte nun schweigend vor sich hin, stellte sich dann wieder vor die Pinnwand und sah auf die großen, grauen, noch freien Flächen, an denen noch keine Fotos oder Karteikarten mit Hinweisen angeheftet waren. Dann sagte er: „Sie interessieren sich eigentlich nur dafür: Wer hat den besten Zugang zum Markt? Wer die günstigsten Preise? Und wie hoch ist das Entdeckungsrisiko? Und sie waschen ihr Geld so lange, bis es sauber ist.“
Jan konnte Roberts Gedankengängen noch immer nicht richtig folgen. Was hatte dieser Bogdanowitsch mit dem Mordopfer zu tun? Und warum sagte er nicht, von wem er den Namen erfahren hatte?
Dann jedoch nahm Robert plötzlich das Foto, das die Tätowierung am Unterarm des Opfers zeigte, von der Pinnwand und schob es vor Jan auf den Schreibtisch.
„Mitunter ist der entscheidende Beweis genau das, was fehlt. Manchmal ist es nicht das, was du siehst, sondern das, was du nicht siehst.“ Er tippte mit dem Finger auf das Foto. „Kennen Sie sich mit Tattoos aus?“
„Nicht wirklich“, antwortete Jan.
„Warum nicht? Ihr habt doch eigentlich alle heute solche Dinger auf der Haut.“
Jan musste grinsen. „Ich jedenfalls nicht. Solche Tattoos sind übrigens allen Polizeischülern untersagt. Bereits bei unserer Bewerbung sind wir darauf hingewiesen worden.“
„Wie jetzt? Das glaube ich nicht. Ist mir da vielleicht was in den letzten Jahren entgangen? Habe ich da was nicht kapiert?“
Jan schwang seinen Drehstuhl in Richtung des PCs und öffnete die Website der Polizeiakademie Niedersachsen, dann begann er einen darauf veröffentlichten Text vorzulesen: „Bei Tätowierungen beachten Sie bitte Folgendes: ‚Die Tätowierung darf auch beim Tragen eines kurzärmligen Uniformhemdes nicht sichtbar sein und keinen verfassungsfeindlichen oder abfälligen Inhalt haben‘.“
„Verfassungsfeindliche oder abfällige Inhalte!“ Robert musste lachen und bewegte sich dabei fast krampfartig, drehte sich aber nicht um. „In welche Kategorie würden Sie diese Tätowierung einordnen?“
Jan überlegte kurz, bevor er antwortete: „Vielleicht in abfällige Inhalte? Keine Ahnung. Es käme auf die jeweilige Auslegung an.“
„Aber dieses Tattoo ist doch nur Kitsch, Herr Onken. Was soll daran abfällig sein?“
Jan entschloss sich endlich dazu seinem Vorgesetzten Paroli zu bieten: „Erstens: Es kommt darauf an, wer sowas trägt. Und Zweitens: an welcher Körperstelle so ein Tattoo eingestochen wird.“
Robert freute sich, weil es ihm endlich gelungen war, Jan aus der Reserve zu locken.
„Sie kennen sich also doch ganz gut aus. Also, ich frage mich die ganze Zeit schon, welche Bedeutung dieses Motiv eventuell symbolisieren könnte. Und Sie wissen es offensichtlich, aber lassen mich die ganze Zeit über im Dunklen herumtappen.“
„Also gut. Sie sagten doch vorhin selbst, dass es manchmal nicht das ist, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht. Wenn Sie es unbedingt wissen wollen, was ich sehe, auch gut: Es ist ein typisches Arschgeweih. In diversen Kreisen auch Schlampenstempel genannt.“
„Arschgeweih? Schlampenstempel? Ich muss zugeben, Sie verblüffen mich jetzt vollkommen. Und was ist es, was Sie auf diesem Foto nicht sehen?“
„Ganz eindeutig. Das Tattoomotiv passt nicht auf einen männlichen Unterarm. Sowas lassen sich Frauen über ihr Hinterteil tätowieren.“
Jan sprang auf und ging einige Schritte auf und ab. „Wo haben Sie all die Jahre lang hingeguckt? Solche Tattoos kamen Ende der 90er groß in Mode. Nabelfreiheit! - Und? - Fällt jetzt der Groschen?“
Robert fühlte sich in die Defensive gedrängt. Seine Tonlage wurde wieder etwas weicher.
„Vielleicht bin ich schon zu alt, für solchen Kram. - Jan, Sie sind ein Ass!“
Jan legte aber noch einmal nach: „Die vorwiegend geschwungenen, verzweigten Fantasie-Ornamente werden übrigens Tribals genannt.“
„Tribals? Tribals? Tribals? Wenn ich nur wüsste, in welchem Zusammenhang ich diesen Begriff schon mal gehört habe“, sagte Robert.
„Tribal nennt sich auch eine Variante von elektronischer House-Musik“, half Jan etwas nach. Doch Robert grinste nur und winkte ab.
„House-Musik! Nein, nein, ganz bestimmt nicht!“ Er betrachte nochmals das Bild des Tattoos und verglich es mit dem stark vergrößerten Foto der Verzierungen auf der Armbanduhr. „Was meinen Sie? Könnten diese Tribals oder sogar das vollständige Tattoo irgendeine tiefere Bedeutung haben?“
Kaum hatte er diese Frage gestellt, klingelte plötzlich das Telefon auf dem Schreibtisch. Der Automechaniker meldete sich und teilte Robert mit, dass sein alter Volvo wieder in Ordnung wäre. Robert bedankte sich und wirkte sehr erleichtert. Fast so, als hätte er soeben erfahren, dass ein guter, alter Freund, der bereits im Sterben lag, ganz urplötzlich wieder zu neuer Lebenskraft gelangt wäre. Jetzt kam er leicht ins Schwärmen und erzählte weiter: „Zu meiner Zeit gab es mal einen bekannten Rockstar mit Namen Jim Morrison. Er war der Frontmann von The Doors . Dieser Typ machte damals ein ganz bestimmtes Tattoo überaus populär, weil er es selbst auf seinem Oberarm trug. Tausende seiner Fans eiferten ihrem Idol nach und ließen sich das gleiche Motiv an allen möglichen und unmöglichen Körperstellen stechen. Das Ding nannte sich Lizard King und stellte eine gekrönte Eidechse dar.“
„Na klar, Lizard King ist auch noch heute ein sehr beliebtes Motiv. Aber über die Herkunft des Eidechsenkönigs wusste ich bisher nichts. Nimmt man dagegen den Begriff Schlampenstempel wortwörtlich, wäre das schon definitiv mit einer abfälligen Bedeutung gleichzusetzen. Um damit die erste Frage zu beantworten“, sagte Jan.
„Manchmal muss ich mich wirklich über Sie wundern, und ich frage mich sogar allen Ernstes, woher Sie dies alles wissen. Von der Polizeiakademie ganz bestimmt nicht. Vermutlich aus dem Internet?“
„Woher sonst? Außerdem musste ich mir ja die Zeit vertreiben, als Sie heute in Bremen waren.“
„Dann können wir ja gleich mit unseren erfolgreichen und arbeitsteiligen Recherchen fortfahren. Ich benötige zum Beispiel alles, was Sie über einen gewissen Markus Danneberg, wohnhaft in Hamburg, Hittfelder Stieg 56 herausfinden können.“
„Ist das der Name der Leiche?“, fragte Jan.
„Vielleicht? Finden wir es heraus!“ Robert atmete tief durch. „Aber zuvor machen wir morgen beide eine kleine Dienstreise an die Nordseeküste. Sie haben ja schon ganz viereckige Klüsen von der unablässigen Bildschirmarbeit. - Und ziehen Sie sich die ältesten Klamotten an, die Sie in Ihrem Kleiderschrank finden können. Wir treffen uns dann morgen früh um 9 Uhr bei mir. Ist das in Ordnung?“
Enno Fedder und Hauke Schortens waren gerade mit Wartungsarbeiten auf dem Deck ihres Kutters beschäftigt, als die beiden Polizisten den Sielhafen erreichten. Robert stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz ab, dann schlenderten sie hinunter zum Schiffsanleger. Es versprach wieder ein brütend heißer Sommertag zu werden, aber hier am Meer wehte eine erfrischende Brise, die irgendwie Urlaubsstimmung aufkommen ließ.
„Moin Herr Fedder. Erinnern Sie sich noch an mich?“
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