Wenn die Grundidee der Bekenntnisse gut wäre, wenn eine Pflichterfüllung darin läge, unsere kindischen Vergehen aufzusuchen und unsre unvermeidlichen Fehler zu erzählen, würde auch ich vor dieser öffentlichen Buße nicht zurückweichen. Aber nach meiner Ansicht ist diese Art sich anzuklagen durchaus nicht demüthig, auch hat sich das allgemeine Gefühl nicht täuschen lassen. Es ist weder nützlich noch erbaulich zu wissen, daß Jean Jacques Rousseau meinem Großvater drei Francs zehn Sous gestohlen hat, um so mehr, da die Thatsache nicht erwiesen ist. [Dies ist der Tatbestand, wie ich ihn in den Papieren meiner Großmutter gefunden habe: „Francueil, mein Mann, sagte eines Tages zu Jean Jacques, laßt uns in's Theater français gehen. Ja wohl, sagte Rousseau, das wird uns wenigstens für eine oder zwei Stunden zu gähnen geben. — Dies ist vielleicht die einzige witzige Antwort, die er in seinem Leben gegeben hat und noch dazu ist sie nicht sehr geistreich. Vielleicht war es an diesem Abend, daß Rousseau meinem Manne drei Francs zehn Sous entwendete. Uns ist die Erzählung dieser Spitzbüberei immer wie eine Affectation erschienen. Francueil hatte keine Erinnerung daran bewahrt, er dachte sogar, daß Rousseau sie erfunden hätte, um die Zartheit seines Gewissens zu beweisen und um zu verhindern, daß man an Sünden glaubte, die er nicht bekannte. — Und überdies, wenn es wahr wäre, guter Jean Jacques! Ihr müßtet heute Eure Peitsche ganz anders knallen lassen, wenn wir nur die Ohren danach spitzen sollten.“] Auch ich erinnere mich, in meiner Kindheit heimlich und mit Vergnügen zehn Sous aus dem Geldbeutel meiner Großmutter genommen zu haben, um sie einem Armen zu geben. Ich finde, daß darin kein Grund liegt, mich zu loben oder anzuklagen; es war ganz einfach ein dummer Streich, denn um das Geld zu bekommen, brauchte ich es nur zu verlangen.
So sind die meisten Fehler von uns ehrlichen Leuten auch weiter nichts, als dumme Streiche, und wir wären sehr thöricht, uns deshalb vor den Unredlichen zu beschuldigen, die das Böse mit Kunst und Vorbedacht ausüben. Das Publikum besteht aus den Einen und Andern, und es ist ihm wahrlich zu viel Aufmerksamkeit bewiesen, wenn wir uns schlechter darstellen, als wir sind, um es zu rühren oder ihm zu gefallen.
Ich leide unendlich, wenn ich den großen Rousseau sich so erniedrigen und sich einbilden sehe, daß er durch Uebertreibung oder wohl gar Erfindung dieser Sünden sich von den Herzensfehlern reinigt, die seine Feinde ihm zuschreiben. Durch seine Bekenntnisse hat er sie sicherlich nicht entwaffnet; aber genügt es nicht, um ihn rein und gut zu glauben, die Theile seines Lebens zu lesen, in denen er sich anzuklagen vergißt? nur in diesen ist er unbefangen; das fühlt sich leicht.
Darum, mögen wir rein oder unrein, klein oder groß sein, es bleibt immer Eitelkeit, kindische, unglückliche Eitelkeit, die eigne Rechtfertigung unternehmen zu wollen. Ich habe nie begriffen, wie ein Angeklagter auf der Bank des Verbrechens irgend etwas zu erwiedern vermag. Ist er schuldig, so wird er es noch mehr durch die Lüge, und die entdeckte Unwahrheit fügt zu der Härte der Strafe Demüthigung und Schande. Ist er aber unschuldig, wie mag er sich so weit erniedrigen, dies beweisen zu wollen?
Und hier handelt es sich doch um Ehre und Leben — aber wenn wir uns im gewöhnlichen Verlauf des Daseins so leidenschaftlich bemühen, die Verleumdung zurückzuweisen, die Jeden, auch den Besten erreicht, und die Vortrefflichkeit unseres Ich zu beweisen, müssen wir entweder in uns selbst verliebt sein, oder ein wichtiges Unternehmen zu vollführen haben. Mag eine Rechtfertigung im öffentlichen Leben zuweilen nothwendig sein — im Privatleben wird Niemand durch Reden seine Rechtschaffenheit beweisen, noch uns von seiner Vollkommenheit überzeugen. Wir müssen denen, die uns kennen, die Sorge überlassen, uns von unsern Mängeln freizusprechen und unsre Eigenschaften zu schätzen.
Endlich, da wir für einander verantwortlich sind, giebt es kein für sich allein stehendes Vergehen. Es giebt keine Verirrung, von der nicht irgend Jemand Ursache oder Mitschuldiger wäre, und es ist unmöglich, sich selbst anzuklagen, ohne den Nächsten zu beschuldigen — nicht allein den Feind, der uns angreift, sondern häufig auch den Freund, der uns vertheidigt. Das hat Rousseau gethan und das ist schlecht. Wer kann ihm verzeihen, mit seinen eigenen Bekenntnissen auch die der Frau von Warrens abgelegt zu haben?
Verzeih' mir Jean Jacques, daß ich Dich tadle, indem ich das herrliche Buch Deiner Bekenntnisse schließe! Ich tadle Dich, aber auch das ist eine Huldigung, denn dieser Tadel zerstört weder meine Achtung noch meine Begeisterung für den Kern Deines Werkes.
Ich meinestheils will hier kein Kunstwerk schaffen; ich verwahre mich sogar dagegen; Mittheilungen wie diese haben nur Werth durch Natürlichkeit und Unbefangenheit — auch möchte ich mein Leben nicht wie einen Roman erzählen, denn der Inhalt würde in der Form verschwinden.
Ich werde also ohne Ordnung und Zusammenhang reden und selbst in viele Widersprüche verfallen dürfen. Die menschliche Natur ist nur ein Gewebe von Inconsequenzen und ich glaube gar nicht — aber auch gar nicht — an diejenigen, die behaupten, daß sie sich mit dem Ich von gestern immer im Einklang befunden haben.
Meine Arbeit wird demnach auch in der Form Spuren des Sichgehenlassens meines Geistes tragen; und um damit den Anfang zu machen, werde ich die Darlegung meiner Ansicht von der Nützlichkeit dieser Memoiren hier beschließen, und sie in der fortschreitenden Entwicklung der Geschichte, die ich jetzt beginne, durch Beispiele zu vervollständigen suchen.
Möge keiner von denen, die mir Böses gethan haben, erschrecken, ich erinnere mich ihrer nicht; und möge kein Freund des Skandales sich freuen — ich schreibe nicht für ihn.
Ich bin geboren im Jahre der Krönung Napoleon's, dem XII. Jahre der französischen Republik (1804). Mein Name ist nicht Maria Aurora von Sachsen, Marquise von Dudevant, wie einige meiner Biographen entdeckt haben, sondern Amantine Lucile Aurore Dupin und mein Mann, Franz Dudevant, legt sich keine Würden bei. Er ist nie mehr gewesen, als Secondelieutenant der Infanterie und war siebenundzwanzig Jahr alt, als ich ihn heirathete. Wer ihn zu einem alten Obersten des Kaiserreichs macht, verwechselt ihn mit Herrn Delmare, einer meiner Romanfiguren. Es ist wirklich nur zu leicht und erfordert keinen Aufwand von Erfindungskraft, die Lebensgeschichte eines Schriftstellers zu entwerfen, indem man die Fictionen seiner Erzählungen in die Wirklichkeit seines Daseins überträgt.
Vielleicht hat man auch ihn und mich mit unsern Vorfahren verwechselt. Maria Aurora von Sachsen war meine Großmutter; und der Vater meines Mannes war Cavalerie-Oberst zur Kaiserzeit. Aber er war weder roh noch mürrisch, sondern der beste und sanfteste der Männer.
Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken — auf die Gefahr hin mich mit meinen Biographen zu veruneinigen und ihr Wohlwollen durch Undank zu vergelten — daß ich es weder zart, noch schicklich, noch redlich finde, wenn sie, um mich zu entschuldigen, weil ich in meinen ehelichen Verhältnissen nicht ausdauern konnte und auf Scheidung geklagt habe, meinem Gatten ein Unrecht aufbürden, über das ich, seit Wiedererlangung meiner Unabhängigkeit, vollständig geschwiegen habe. Es ist nicht zu verhindern, daß sich das Publikum in müßigen Stunden mit der Erinnerung solcher Processe beschäftigt, und daß es bald für die eine, bald für die andere Partei ein günstiges Urtheil festhält. Wer die Oeffentlichkeit solcher Verhandlungen nicht gescheut und überwunden hat, wird auch dies ertragen. Aber Schriftsteller, die das Leben eines Andern erzählen; die besonders, welche zu seinen Gunsten gestimmt sind und ihn vor der öffentlichen Meinung erhöhen oder rechtfertigen wollen, sollten nicht gegen sein Gefühl und seinen Willen handeln, indem sie ihn mit Stoß und Hieb zu vertheidigen suchen. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist in solchem Falle gleich der eines Freundes und unsre Freunde dürfen es nie an Rücksichten fehlen lassen, auf denen, streng genommen, die öffentliche Moral beruht. Mein Gatte lebt; er liest weder meine Schriften noch das, was über mich geschrieben wird — das ist eine Ursache mehr für mich, die Angriffe zurückzuweisen, deren Gegenstand er meinetwegen ist. Ich habe nicht mit ihm leben können, weil unsere Charaktere und Meinungen wesentlich verschieden waren. Thörichte Nachschläge haben ihn veranlaßt, sich in öffentliche Verhandlungen einzulassen, die uns gegenseitig nöthigten, uns zu beschuldigen — traurige Folgen einer unvollkommenen Gesetzgebung, welche die Zukunft verbessern wird. Seit meine Scheidung ausgesprochen und anerkannt ist, habe ich bereits meine Beschwerden vergessen, und darum muß mir jeder öffentliche Vorwurf gegen ihn unpassend erscheinen, da er an die Fortdauer eines Grolles glauben läßt, an dem ich keinen Theil mehr habe.
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