Das Wolfsrudel lebte in Frieden, zu fressen war meist ausreichend vorhanden und den Bauern, die in der Nähe ihre Höfe hatten und ihre Felder bestellten, konnte man meistens aus dem Wege gehen. Wenn mal hier oder da einem Bauern ein Huhn oder eine Gans fehlte, fiel das nicht weiter auf die Wölfe zurück - es konnte ja auch ein Fuchs gewesen sein. Und wenn ein Schaf auf der Weide gerissen wurde, dann vermuteten die Bauern eher, dass wieder mal ein hungriger Bär aus den nahen Bergen gekommen war. Allerdings, wenn mal mehrere Schafe oder sogar Ziegen und Rinder angegriffen worden waren, dann konnte es auch für die Wölfe sehr gefährlich werden. Dann nahmen nämlich die Bauern ihre Gewehre und versuchten, die Wölfe zu vertreiben oder sogar zu töten.
2. Der junge Wolf und seine Familie
»Wolf, was ist mit dir?«, fragte die Frau des Leitwolfes. Sie stand am Herd und kümmerte sich um das Mittagessen. Ihr Gesicht aber hatte sie ihrem Mann, dem Leitwolf des Rudels, zugewandt. Sie trug Sorgenfalten im Gesicht.
»Seit vielen Wochen beobachte ich dich«, sagte sie. »Du sprichst nur noch in kurzen Sätzen und nach dem Essen verziehst du dich gleich auf dein Zimmer oder läufst einsam im Wald umher. Bitte, was bedrückt dich?«, fragte sie einfühlsam und schaute ihn dabei sehr ernst an.
Wolf saß am großen Küchentisch, eine Tasse Kaffee vor sich, die er langsam zwischen den Pfoten drehte. Dabei betrachtete er die zarten Wellen des Kaffees in der Tasse, als wenn er aus ihnen eine Antwort lesen könnte.
»Frau«, begann er schließlich. Seine Stimme war leise und klang unglücklich. »Du weißt, dass ich nicht mehr lange Leitwolf sein kann. Viele Jahre habe ich unser Rudel geführt und immer konnte ich euch ein guter Leitwolf sein. Aber nun werde ich langsam älter und es wird Zeit, dass ich mich um einen guten Nachfolger kümmere.«
Da verstand sie seine großen Sorgen, denn auch sie wusste, dass seit vielen Generationen der Leitwolf immer nur aus seiner Familie gekommen war. Zwar hatten sie einen Sohn, den jungen Wolf, der auch alt genug war, in ein oder zwei Jahren Leitwolf zu werden, jedoch weder die Eltern, geschweige denn ein Wolf aus dem Rat der Alten würden dem Sohn des Leitwolfes dieses hohe und schwere Amt zutrauen wollen. Es wäre das erste Mal, dass ein Wolf aus einer anderen Familie Leitwolf werden würde.
Während seine Eltern in der Küche saßen und leise über ihn sprachen, saß der junge Wolf in seinem Zimmer am Schreibtisch und las in dicken Büchern, stöberte mal in diesem Buch, mal in jenem oder schlug ein Lexikon auf, um nach einer bestimmten Erklärung zu suchen.
So war es fast jeden Tag. Seine Hausaufgaben hatte er immer sehr schnell gemacht. Das war auch kein Wunder, denn in seiner Klasse, es war die Abschlussklasse der Wolfsschule, war er in fast allen Fächern der Beste. Doch während die anderen Wolfsjungen und Wolfsmädchen aus seiner Klasse im Wald spielten oder versuchten, Fallen zu bauen, und aus sicherer Entfernung Hühner und Gänse der Bauern beobachteten und überlegten, wie sie diese wohl unerkannt packen könnten, las er in seinem Lieblingsbuch. Seine Urgroßmutter hatte es ihm zum achten Geburtstag geschenkt. Die Geschichten in diesem Buch erzählten von einem Leitwolf, der eine Wolfsfrau gewesen war. Diese ungewöhnliche Leitwölfin trug den Namen Emma. Emma war bis ins hohe Alter von allen Wölfen ihres Rudels geachtet und respektiert. Obwohl es manche Wolfsmänner im Rudel und auch anderswo gab, die viel kräftiger waren als sie, entstand daraus nie ein Problem. Auch später, als sie nicht mehr Leitwölfin sein konnte, weil ihre Beine an Schnelligkeit nachgelassen hatten und ihre Nase die Fährte eines verletzten Rehs in vielen Kilometer Entfernung nicht mehr sicher aufnehmen konnte, wurde sie immer noch bei wichtigen Entscheidungen um Rat gefragt.
Der junge Wolf liebte seine Urgroßmutter über alles. Seine Liebe zu ihr war wie ein spannendes Geheimnis. Zu ihr ging er mit seinen Büchern, wenn er mal etwas nicht verstanden hatte oder mehr wissen wollte, als aus Büchern zu erfahren war. Für ihn war seine Urgroßmutter die Klügste unter allen Wölfen und wäre es nach ihm gegangen, wäre nur seine Urgroßmutter Leitwölfin geworden, obwohl er mit seinem Vater als Leitwolf auch sehr zufrieden war.
Von ihr hatte der junge Wolf auch erfahren, dass es nur ganz, ganz selten vorkommt, dass Wölfe einen besonderen Namen tragen. Man musste schon etwas Außergewöhnliches geleistet haben, dann durfte man selbst einen Namen für sich wählen oder er wurde als eine Art Auszeichnung verliehen. Das war dann für das ganze Rudel und besonders für die Familie eine große Ehre. So soll es auch damals bei der Wölfin Emma gewesen sein.
Wie freute er sich auf die Vollmondnächte. Dann durfte er die ganze Nacht bei seiner Urgroßmutter bleiben. Das Buch über die große Wölfin Emma nahm er immer mit, denn wenn es dunkel geworden war, gingen Urgroßmutter und er zum Waldrand, setzten sich in das weiche Moos und Urgroßmutter las bei Kerzenlicht Geschichte um Geschichte vor. Manchmal leuchtete der Vollmond so hell, dass sie das Licht der Kerzen gar nicht benötigten. Ab und zu unterbrach sie ihr Vorlesen mitten in der Geschichte, dann blieben sie ganz still und gespannt sitzen, lauschten den Stimmen der anderen Tiere und leise erklärte sie dem jungen Wolf, wem diese oder jene Stimme gehörte. Mit der Zeit kannte er alle Stimmen des Waldes und der Felder und konnte sogar das Heulen der Wölfe, das von weit her zu ihnen herüberwehte, genau erkennen und unterscheiden. Obwohl er selbst schon alle Geschichten mehrmals gelesen hatte, jede Kleinigkeit genau kannte, waren die Geschichten, wenn Urgroßmutter sie vorlas, an Spannung nie zu übertreffen. Immer wieder kam es vor, dass er sich in die Zeit der großen Emma versetzt fühlte. Dann lief er in Gedanken an ihrer Seite, wenn es auf die Jagd ging, und erkundete mit ihr fremde Spuren. Oder manchmal ertappte er sich, wenn er leise anfing, mit den anderen Wölfen um die Wette zu heulen. Hin und wieder beobachtete Urgroßmutter, wie der junge Wolf sich in seinen Träumen in andere Welten entführen ließ. Einmal erwähnte sie leise: »Träume nur, mein junger Wolf, Träume sind wie die Wunschzettel der Seele.«
Lange Zeit noch saßen die Eltern des jungen Wolfes in der Küche. Schließlich unterbrach seine Mutter die bedrückende Stille, indem sie behutsam fragte: »Wolf, ich teile deine Sorgen, auch ich würde unseren Sohn gerne als deinen Nachfolger sehen. Meinst du nicht auch, wir sollten mal seine Urgroßmutter um Rat bitten?«
»Vielleicht hast du Recht, Frau.« Er führte seine Tasse Kaffee zum Mund, nahm einen kleinen Schluck und atmete schwer. Es schien, als sei er etwas erleichtert, als er wiederholte: »Ja, vielleicht hast du Recht. Wenn aus der Familie irgendjemand unseren Sohn genau kennt, dann ist sie es. Nur sie wird tief in sein Herz blicken können und uns sicherlich einen Rat geben.«
3. Die Urgroßmutter des jungen Wolfes weiß Rat
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