1 ...8 9 10 12 13 14 ...25 Morosow schoss in seinem Sitz nach vorn und sein Frettchengesicht war nun deutlich näher, als er ihn unterbrach: »Sie, Sokolow. Sie sind genau der richtige Mann dafür.«
»Genosse Morosow...«
»Sie sind noch nicht sehr lange in Deutschland. Ihr aktueller Posten scheint Ihnen aber durchaus zuzusagen.« Morosow wartete einen Augenblick, um seinen Worten die beabsichtigte Bedrohlichkeit zu verleihen. »Um ehrlich zu sein, bin ich von Ihrer Arbeit bisher weniger beeindruckt, als ich dies von einem Mann Ihrer Reputation erwartet hatte. Dieser Fall bietet Ihnen jedoch Möglichkeiten.«
»Und welche Möglichkeiten wären das?« Sokolow biss sich auf die Zunge. Er hasste solch vorlauten Äußerungen bei seinen eigenen Untergebenen.
»Sie müssen bedenken, dass es sich um eine Entführung handeln könnte. Es könnten faschistische Kräfte hinter dem Verschwinden der Jungen stecken. Wenn sie sich tatsächlich nicht auf dem Garnisonsareal aufhalten, dann werden Sie nicht vermeiden können, die Deutsche Volkspolizei einzuschalten.«
Das Ganze wurde immer besser, dachte Sokolow. Aber wenigstens hatte der Generalleutnant damit tatsächlich einen sachlichen Grund, ihm den Fall persönlich zu übertragen. »Und Sie denken, dass ich aufgrund meiner Sprachkenntnisse am besten geeignet bin, diese... Liaison zu führen?«
»Sie haben es erfasst, Oberst Sokolow.«
Es war spät am Abend, als das Dienstfahrzeug der sowjetischen Hauptverwaltung Aufklärung mit Sokolow wieder auf den Parkplatz der Schweriner Kaserne zurückkehrte. Er meinte fast, das erleichterte Aufatmen seines Fahrers zu hören, als der den Wagen auf dem gekennzeichneten Stellplatz plaziert und den Motor abgestellt hatte.
»Wenn das alles war, Genosse Oberst...«, setzte der Mann an. »Oder soll ich Sie noch gleich das Stück–«
»Nein, das ist nicht notwendig.« Sokolow stieg aus. »Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, Andrej.« Der Geheimdienstoffizier nahm seine Aktentasche aus dem Kofferraum und betrat das Gebäude durch den hinteren Eingang.
»Guten Abend.«
Er war nicht wirklich überrascht, Iljin an seinem üblichen Platz hinter dem Schreibtisch des Vorzimmers zu sehen. Sokolow nickte und nahm die warme Mütze ab. Im Vergleich zu den Temperaturen in Sankt Petersburg war Schwerin derzeit nicht winterlich, dennoch fror er hier häufiger als zu Hause. Entweder wurde er langsam weich oder es war diese Nässe in der Luft, die so unangenehm zwischen alle Lagen Kleidung kroch.
»Ich habe die bisherigen Informationen zum Vorgang Orlow/Petrow auf Ihrem Schreibtisch zurechtgelegt, Genosse Oberst. Es sieht–«
»Nicht jetzt, Iljin«, schnitt Sokolow ihm das Wort ab. »Ich werde mich heute Abend mit dem befassen, was Sie zusammengetragen haben. Und dann werden wir morgen früh darüber sprechen.«
»Aber–«
Sokolow warf die Tür hinter sich ins Schloss. Sein Arzt würde ihn für seinen Blutdruck rügen, doch es gelang ihm nicht, die Wut über den Verlauf des Tages zu unterdrücken. Iljin mit seiner beflissenen Art machte das Ganze nicht besser, denn Sokolow fragte sich noch immer, ob sein Assistent ihn mit Absicht bei seinem Vorgesetzten hatte ins Messer laufen lassen.
Nun gut, dachte Sokolow, nachdem er etwa eine Stunde später die Unterlagen auf seinem Tisch vollständig gesichtet hatte. Wenigstens war Iljin kein Vorwurf zu machen, denn anders als vermutet, hatte nicht er, sondern ihr Vertreter in der Garnison Hagenow direkte Meldung nach Wünsdorf gemacht. Kurz nachdem der dortige Kommandant auch die Deutsche Volkspolizei informiert hatte.
Aus den Aufzeichnungen des Kommandanten wurden Sokolow einige interessante Aspekte des Vorganges klar: Es war nicht der von Morosow geschätzte Major Orlow, sondern die Eltern des anderen Jungen, die den Kommandanten unter Druck gesetzt und die Einschaltung der Polizei gefordert hatten, nachdem die erste Suche erfolglos verlaufen war. Zwischen den Zeilen meinte er außerdem zu lesen, dass das Verschwinden möglicherweise nicht so gänzlich unerwartet und einmalig war, wie die Petrows glaubten. Der Kommandant schrieb von einer gewissen Tendenz zum Ungehorsam, die zumindest an dem jungen Orlow aufgefallen sei. Oberst Sokolow lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte nachdenklich ins Leere.
Kellers Stimmung hatte sich kaum aufgehellt, als er nach einer guten Stunde Fahrt auf den rissigen Asphalt des Hinterhofes der Nervenklinik rollte. Der alte Backsteinbau war heruntergekommen. Nicht einmal die rußigen Spuren vergangener Zimmerbrände hatte man beseitigt. Mit seiner Laderampe, den metallenen Außenaufgängen und der garagenähnlichen Einfahrt wirkte das Gebäude eher wie eine aufgelassene Fabrik oder eine Lagerhalle. In so einer Einrichtung wäre er von ganz alleine verrückt geworden.
Nirgendwo brannte ein Licht, obwohl es bereits dämmerte. Er parkte den Wartburg direkt vor den eisernen Schiebetoren. Hier fuhr jedenfalls niemand raus, während er seine Befragung durchführte. Eigentlich gab es überhaupt keinen Grund für eine solche Maßnahme, aber schaden konnte sie auch nicht – und wenn er nur das unfreundliche Personal mit seiner Blockade ärgerte. Wie befürchtet gab es an der Rückseite des Klinikgebäudes keine Klingel. Nachdem weder das Dröhnen seiner Faustschläge noch das Rütteln an der Tür zur Laderampe eine Reaktion im Haus provozierten, machte Keller sich grummelnd auf den Weg zum Haupteingang auf der anderen Seite.
»Ja?«
»Oberleutnant Keller von der K, Mordkommission Leipzig. Ich war heute Nacht schon einmal hier.«
Keine Antwort, nur das Grundrauschen der Gegensprechanlage. Keller schlug mit der flachen Hand auf das Messinggitter des Lautsprechers. »Aufmachen!«
»Ja, Sie wünschen?«
Keller versuchte, ruhig zu bleiben. »Oberleutnant Keller von der Kriminalpolizei in Leipzig, ich ermittle im Tötungsdelikt Professor Wolfgang Heise.«
»Ja?«
»Ich muss noch einige Personen befragen. Für meinen Bericht. Öffnen Sie die Tür.«
Keine Reaktion aus der Gegensprechanlage. Es reichte jetzt.
»Wenn Sie nicht augenblicklich die Tür öffnen, werde ich von meiner Schusswaffe Gebrauch machen. Anschließend haben Sie eine Hundertschaft hier, die dieses Irrenhaus mit Mann und Maus auf den Kopf stellt. Und Sie nehme ich mir höchstpersönlich vor.«
Ein leises Klicken.
Keller marschierte geradewegs in die geflieste Eingangshalle, auf die Schwester zu, die mitten im Raum stand, als hätte sie vergessen, wo sie gerade hinwollte. »Wieso behindern Sie die Arbeit der Volkspolizei, Bürgerin Springfeld? Gibt es da etwas, was ich wissen sollte?«
Im Damenbart der korpulenten Stationsschwester sammelten sich Schweißtropfen. »Ich wusste nicht... Ich dachte, die Untersuchungen wären abgeschlossen. Der Fall ist doch klar, Herr Kommissar.«
»Oberleutnant«, korrigierte er scharf. »Kommissar gibt's schon lange nicht mehr; und wenn dann Oberkommissar, Genossin Springfeld.« Angewidert beobachtete er, wie ihr Schweiß auf den Kittel tropfte. »Ich muss noch einmal mit dem Patienten Doktor Kaltenbrunn sprechen. Und während Sie mich begleiten, können Sie mir auch gleich erklären, warum der Fall klar ist. Kommen Sie. Wo ist das Zimmer des Patienten, Genossin?«
Sie schüttelte heftig den Kopf und ruderte mit den Armen. Keller zuckte zusammen, als er Schweißtropfen fliegen sah. »Also, das geht momentan wirklich nicht, Genosse Oberleutnant! Der Patient ist ruhiggestellt. Es wird frühestens morgen möglich sein, ihn zu sehen.«
»Bringen Sie mich sofort zu Kaltenbrunns Zimmer. Ich kann auch selbst jeden Raum durchsuchen, wenn Ihnen das lieber ist.«
Springfeld gewann wieder an Fassung. »Das ist nicht möglich, Genosse Oberleutnant. Der Patient wurde verlegt. Sie können ihn jetzt nicht sprechen.«
»Verlegt?« Keller verlor die Geduld und ergriff den Oberarm der Krankenschwester, die dies mit einem lauten Quieken quittierte. »Sie erzählen mir jetzt, was es mit dieser Verlegung auf sich hat, oder ich vergesse meine Manieren. Also?«
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