»Schönen Dank auch«, murmelt sie angeekelt.
»Ich vergesse doch immer wieder wie anstrengend so eine Schule sein kann. Zwei Stunden Unterricht ist schlimmer als eine Zwölf-Stunden-Schicht«, flucht sie. Aus einer geöffneten Schublade holt sie eine Waffe und das dazugehörige Waffenholster heraus, befestigt alles mit schnellen Griffen an ihrer Hose und klemmt sich die Polizeimarke an den vorderen Bund. Sie atmet tief durch und blickt zu ihrem Kollegen.
»Und Jake, was liegt heute an?« Ihr Kollege schüttelt flüchtig den Kopf.
»Nichts Besonderes, nur den Bericht von unserem Fall am Samstag beenden und dann haben wir noch ein Treffen mit J.R.« Neve lehnt sich in den Stuhl zurück und grinst spitzbübisch.
»Ach, versucht der Hahn mal wieder ein Korn zu finden?«, kichert sie frech und trinkt einen weiteren Schluck von diesem misslungenen Experiment, das sich Kaffee schimpft.
Gegen Mitternacht lenkt Jake seinen Wagen aus der Bryan Street unter die Unterführung des James Lick Freeway, der am Ende in die Oakland Bay Bridge mündet. Irgendwie recht gelangweilt folgt Neve ihm mit ihrem Wagen. Ihre Wege werden sich nach diesem Meeting für den heutigen Tag trennen.
Sie steigt aus, geht zu Jake, der gemütlich in seinem Auto sitzen bleibt und klopft an das Fahrerfenster. Gleich nachdem es ein Stück weit geöffnet ist, hält sie ihm eine Hand entgegen.
»Heute bist du dran.« Ohne zu zögern, holt Jake sein Portemonnaie und drückt Neve fünfzig Dollar in die Hand. Währenddessen tastet sie die Gegend mit ihrem Blick ab, bis sie eine flüchtige Kopfbewegung nach vorne macht.
»Da ist er«, murmelt sie, woraufhin Jake zu einem der Stützpfeiler blickt. Dort versteckt sich ein kleiner schmächtiger Mann.
Mit schweren Schritten, weil ihr Akku für heute mehr als leer ist, schleift sich Neve zu ihm. Schon auf dem halben Weg bekommt sie einen Brechreiz, als ihr klar wird welcher Gestank ihr von J.R. gleich entgegenkommen wird. Er ist ein Penner von der Straße, der seine Fühler in sämtliche Richtungen ausgestreckt hat. Und genau aus dem Grund ist er sehr nützlich und hilfreich für die Polizei.
»Was hast du für uns?«, fragt Neve, als sie J.R. mit sicherem Abstand gegenübersteht. Hektisch blickt sich der Mann um. Er schaut sogar völlig nervös zum Beton des Freeway hoch, der über ihren Köpfen rauscht.
»In zwei Tagen treffen sich die Outer Sunsets mit den Five Dogs in der Chestnut Street, nahe dem Jack Early Park, um Waffen gegen Drogen zu tauschen«, berichtet er hektisch. Bei den Worten Five Dogs fängt Neves Herz zu rasen an. Sofort hat sie Sams Gesicht vor Augen. Innerhalb einer Sekunde betet sie, dass sie sie dort nicht antreffen wird. Denn das würde ihr den ganzen Abend vermiesen.
»Weißt du wie viele dabei sein werden?«, fragt Neve, ohne sich die Nervosität, die gerade in ihrem Körper tobt, anmerken zu lassen.
»Ich denke mal, dass es der normale Standard sein wird. Vier von beiden Seiten.« Neve bedankt sich nickend und hält J.R. den fünfzig Dollarschein entgegen. Als er sich diesen schnappen will, zieht sie ihn zurück.
»Was genau weißt du über die Five Dogs?«, fragt sie ohne vorher überlegt zu haben. Nervös dribbelt J.R. von einem Fuß auf den anderen. Hecktisch blickt er sich um.
»Die Five Dogs? Denen möchte ich nachts ohne Panzerschutz nicht begegnen!«
»Das weiß ich selbst. Erzähle mir etwas was ich noch nicht weiß«, flucht Neve.
»Ok.« Noch immer nervös, blickt sich J.R. sich erneut um, als wenn er das Gefühl hätte, dass die Luft mit Wanzen versehen wäre.
»Vom Marina Boulevard bis zum Alemany Boulevard und bis zur Küste, beherrschen die Five Dogs einen großen nördlichen Teil von San Francisco. Ihr Anführer heißt, glaube ich, Matt. Ich denke mal, dass er in zwei Tagen die Übergabe auch selbst führen wird. Solche großen Geschäfte wickelt er gerne eigenhändig ab, weil er in der Hinsicht kaum Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Leute hat. Der Einzigen der er das noch zutrauen würde, wäre eine gewisse Sam. Sie ist seine rechte Hand und schon von Jugendbeinen an mit dabei. Die Five Dogs schrecken vor nichts zurück, wenn es darum geht, ihren Teil von Frisco zu schützen. Was aber im Gegensatz zu anderen Gangs von Frisco an den Five Dogs interessant ist, ist die Tatsache, dass sehr viele von ihnen eigentlich ein völlig seriöses Leben führen. Sie gehen tagsüber normalen Jobs nach, bezahlen Rechnungen und Steuern und tauchen erst abends in das Gangleben ein. Und genau das ist das Unberechenbare an ihnen. In der einen Sekunde sitzen sie in ihren Büros und unterhalten sich mit ihren Arbeitskollegen über die neusten Börsenzahlen und in der Mittagspause pusten sie einem das Gehirn weg, wenn ihnen einer von einer anderen Gang über den Weg läuft. Deshalb sind sie so gefürchtet, weil man bei ihnen nie weiß, was in ihren kranken Köpfen abgeht und was als nächstes passiert.« Innerlich schüttelt Neve wütend den Kopf, lässt sich nach außen hin aber nichts anmerken.
»Weißt du ob sie irgendwelche Spielzeuge haben, oder spezialisieren sie sich nur auf Drogen und Waffen?« J.R.s Augen beginnen zu leuchten. Ein kleines Lächeln huscht über seine gerissenen und spröden Lippen.
»Klar spielen die Five Dogs. Sie klauen teure, schnelle oder getunte Autos und verkaufen sie, nachdem sie Friscos Straßen unsicher gemacht haben und illegale Straßenrennen mit den Perlen gefahren sind«, grinst er. Wahrscheinlich sieht er sich gerade hinter dem Steuer eines getunten Hondas sitzen. Aber mit den fünfzig Dollar, die Neve ihm dann doch endlich reicht, wird er nicht weit kommen.
Noch entkräfteter als zuvor, schleift sie sich zu Jake zurück, während J.R. wieder in der Dunkelheit und dem Gestank der Straße verschwindet. Sie berichtet ihrem Kollegen von den neuen Informationen. Die Dinge über die Five Dogs, lässt sie mit Absicht außen vor, weil sie diese nur für sich braucht. Sie muss genau wissen mit wem sie es zu tun hat und wie sie Sam im Zaum halten kann.
»Wollen wir noch auf ein Bier irgendwo hinfahren?«, fragt Jake. Erschöpft schaut Neves ihn an.
»Sorry, aber ich habe noch eine Verabredung. Morgen können wir gerne eine Runde machen. Bis morgen und schlaf später schön«, verabschiedet sie sich von ihm und geht zum Wagen zurück. Der Wind trägt ihr nur ein kurzes »Du auch, bis morgen!« von ihrem Kollegen hinterher.
Gähnend steuert Neve ihren Wagen in die 11th Street und parkt vor dem Cream Club. Lustlos steigt sie aus, betritt den Club und sieht Jessica auch schon an einem der Tische im hinteren Teil sitzen.
»Einen doppelten Espresso und ein Bier bitte«, bestellt sie am Tresen auf dem Weg zum Tisch. Dann lässt sich auf einen der Stühle fallen. Sie blickt zu der farbigen Frau hinüber und lächelt vertraut.
»Hi«, begrüßt sie sie und drückt ihr einen Kuss auf die Wange.
»Du siehst müde aus.« Besorgt streicht Jessica ihrer Freundin über den Kopf.
»War ein langer Tag heute. Ich mache ja im Moment wieder Vertretung in der Schule«, klärt Neve sie auf. Nickend bedankt sich bei der Bedienung, die ihr den rettenden Espresso hinstellt. Ohne zu zögern inhaliert sie diesen.
In dem Moment, in dem sie die kleine Tasse auf den Tisch zurückstellt, fällt plötzlich jemand neben ihnen auf den freien Stuhl. Neve dreht sich um. Für einen Moment bleibt ihr die Luft weg, als Sam sie mit einem allessagenden Blick frech angrinst. Sie zieht eine Augenbraue kokett hoch. Dieser Hohn, der Bände spricht, frisst sich bis in die kleinste Ecke ihres zarten Gesichts.
»Du weißt schon, dass dies hier ein lesbischer Club ist?«, fragt sie spottend und wartet keine Antwort von Neve ab.
»Ich wusste, dass du in denselben Kreisen verkehrst wie ich. Also brauchst du nicht weiter deinen toughen Schein zu wahren, denn dafür ist es jetzt eh zu spät«, lacht Sam unverschämt. Sie blickt zu Jessica, reicht ihr die Hand und stellt sich namentlich vor, was diese ihr etwas überrumpelt gleichmacht. Dann nimmt sie Neves Bierflasche, setzt diese an und trinkt einen großen Schluck.
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