Als die Darsteller unter Hassos Führung erschöpft durch die seitlich angebrachten Gardinen, die die Kulissen von der Außenwelt abschirmten, wieder ins richtige Leben hinaustraten, hatten sie jede Menge Hände von Gratulanten aller Altersklassen zu schütteln, vom älteren Herrn im Smoking, Oberstudiendirektor Dr. Weber, der sie natürlich als Erster zu der gelungenen Aufführung beglückwünschte und Stolz bekundete, bis zu der kleinen Sextanerin Wiebke von Waldstätten, die Tim mit einer halb verdorrten Narzisse in der Hand anstrahlte. »Große Klasse, der Karl«, hieß es immer wieder. Aber auch: »Super gespielt, Franz.« Hasso hörte genau hin. Auch seine Mutter war neben der Bühne erschienen, um ihrem Sohn zu gratulieren. »Wer ist denn der schmucke Bengel, der den Karl gespielt hat?«, wollte sie wissen.
»Ein Freund«, antwortete Hasso.
»Der kann aber spielen, dein Freund!«
Hasso konnte nicht leugnen, dass Tim zu einem »schmucken Bengel« herangewachsen war. Er eroberte die Herzen im Sturm – nicht nur anlässlich dieses Stücks, in dem er zudem eine sympathische Figur hatte spielen dürfen, wohingegen er selbst, Hasso, einen hässlichen und gemeinen Intriganten gemimt hatte. Franz war zwar ohne jeden Zweifel die schwierigere und provokantere Rolle – Hasso hatte viel aus sich herausholen müssen –, aber welcher Zuschauer bewertete die schauspielerischen Leistungen einer Schulaufführung schon unter derart professionellen Gesichtspunkten? Es war also kein Wunder, wenn Tim, ungeachtet der schauspielerischen Leistung an sich, mehr Zuschauersympathien entgegenschlugen als ihm, und damit tröstete Hasso sich. Natürlich war ihm auch nicht verborgen geblieben, dass er kein so schönes, formvollendetes Gesicht hatte wie sein Freund Tim. Keiner hatte das bei der Besetzung so direkt sagen wollen, aber er wusste es trotzdem: Sein Aussehen hatte ihn die Hauptrolle gekostet. »Wir haben eben alle unsere Stärken und Schwächen«, antwortete Hasso mit bescheidenem Understatement auf die lobenden Worte, die ihm galten, und nahm lächelnd noch ein paar Gratulationen entgegen.
Glücklich und zufrieden, aber auch todmüde sanken die drei Freunde weit nach Mitternacht in ihre Kojen und zogen, endlich wieder allein miteinander, ihre persönliche Bilanz des erfolggekrönten Unternehmens TAG. Noch einmal standen ihnen die einzelnen Szenen vor Augen, vor allem diejenigen, die, erkennbar an den lauten Lachern, beim Publikum besonders gut angekommen waren. Die meisten – immerhin in dieser Hinsicht hatte er den Schauplatz als Sieger verlassen – waren bei Hassos aussichtsloser Werbung um Amalia zu hören gewesen. »Du hast den aber auch so was von schmierig gespielt«, witzelte Kirri. »Ich dachte echt, du rutscht gleich auf der Schleimspur aus.«
Tim gab zu, im zweiten Akt einen »bösen Hänger« gehabt zu haben. Plötzlich sei der Text wie weggeblasen gewesen. Er habe sich gefühlt wie in einem luftleeren Raum. »Hat kein Schwein gemerkt«, beruhigte ihn Kirri. »Du warst Spitze, das sagen doch alle.«
»Keine Frage«, bestätigte Hasso.
»Aber das größte Lob gebührt ohne Frage unserem Franz im Schlafrock«, urteilte Tim überschwänglich.
»Pfaffengewäsche, Pfaffengewäsche!«, wiederholte Hasso mit sich überschlagender Stimme seinen Text und brachte damit alle noch einmal zum Lachen. Übermütig stimmten sie zu guter Letzt noch eine Strophe von »So ein Tag, so wunderschön wie heute« an, ehe dumpfes Protestklopfen aus dem Nachbarzimmer sie jäh verstummen ließ.
Die Einnahmen, die durch den Eintrittspreis von fünf Mark erzielt worden waren, gingen zur Hälfte als Spende an UNICEF. Die andere Hälfte wurde am nächsten Tag, Sonntag, im Bellini , einem der nobelsten Restaurants der Stadt, in üppige Pizzas, zahllose Schalen Eiskrem, etliche Colas und Genussmittel sonstiger Art umgesetzt, wie es vorher höchst basisdemokratisch beschlossen worden war. Auch ein paar Biere waren dabei. Die Besetzung ließ es sich so richtig gutgehen. In der gelösten Atmosphäre ließen die Schauspieler einander gegenseitig hochleben, und jeder brachte einen Trinkspruch aus: »Auf die Gebrüder Moor!« und all die anderen Figuren des Stücks. Schließlich wurde auch auf den guten, alten Friedrich Schiller noch angestoßen. Er konnte sich nicht mehr dagegen wehren.
»Das gibt bestimmt 'n paar Bonuspunkte in Deutsch«, spekulierte Kirri. Deutsch war, wie jedes Fach, nicht gerade Kirris Stärke, er konnte ein paar Sonderpunkte gut gebrauchen.
»Da hätten wir wohl schon die ungekürzte Fassung spielen müssen, wie Bräsig uns das zuerst aufschwatzen wollte.«
»Bräsig spinnt. Wie hätten wir das denn packen sollen in den paar Monaten? So gut unterrichtet er nun auch wieder nicht, dass bei ihm alle Schüler zu Wunderkindern werden.«
»Das Ganze war auch so ein toller Erfolg«, meinte Achim, der den treuen Diener Daniel gespielt hatte. »Timmi kann bald jede Braut im Schloss haben, wenn er so weitermacht...«
»Stimmt«, sagte Bert. »Oder hast du nicht mitgekriegt, Timmi, wie Yvonne dich die ganze Zeit angeglotzt hat? Ich sag' dir, die is' scharf auf dich, scharf wie –«
»Scharf wie ein Theatermesser, was?«, warf Hasso ein und brachte damit alle zum Lachen. Tim, dem solche Themen, zumal in Anwesenheit von Mädchen (die Not hatte ein paar weibliche Räuber erforderlich gemacht), peinlich waren, antwortete betont sachlich und unterkühlt: »So was kriegt man doch nicht mit, wenn man oben auf der Bühne steht. Da konzentriert man sich auf den Text und auf seine Rolle.«
»Yvonne hat sich auch die ganze Zeit mächtig konzentriert.«
»Man wüsste nur nicht genau zu sagen, auf welchen Teil von dir genau.«
»Ach, hört auf rumzulabern!«, meldete sich Bea zu Wort. »Yvonne is' nicht scharf auf ihn. Wer ein Auge auf unsern Timmi geworfen hat, ist Amalia! Derartig schmachtvolle Blicke können unmöglich nur gespielt sein, das ist wahre Sehnsucht!«
»Na, kein Wunder«, meinte Kirri, »er wollte sie ja heiraten. Das verfehlt bei Frauen nie seine Wirkung!«
»Ich fürchte«, wehrte sich Tim mit aufgesetzter Intellektualität, »euch fehlt eine gewisse Abstraktions- und Differenzierungskompetenz. Die Bühne ist nur 'ne Scheinwelt. Ein echter Profi«, erklärte er sachlich, »taucht zu hundert Prozent in diese Welt ein, solange er probt oder spielt, aber sobald die Realität ihn wiederhat, sollte die Scheinwelt der Bühne auch zu hundert Prozent passé sein.«
»Aber wenn das nun hundertprozentige Realität ist?«, kam die schlaue Antwort. »Wenn Amalias Liebe zu Karl nun den großen Sprung von der Scheinwelt in die Realität geschafft hat?«
»Quark!«, schimpfte Tim wenig eloquent.
»Dann müsste er sie ja vor Liebe umbringen«, warf Kirri ein. »Aber ich glaube, das packt er nicht!«
»Ich hab' mal von einem Schauspieler gehört, der verrückt geworden sein soll, weil er 'n Irren gespielt hat«, suchte Annette, die Darstellerin der Amalia, aus nachvollziehbaren Gründen das Thema zu wechseln, »in der Verfilmung von Einer flog über das Kuckucksnest .« Doch ganz offensichtlich war nur eine Minderheit an Gesprächen zu Themenfeldern aus Kunst und Kultur interessiert. Die Mehrzahl der Anwesenden hatte sich auf etwas anderes eingeschossen, das sie reizte und lockte, mehr jedenfalls als sachliche Erörterungen zu abstrakten Gegenständen.
»Und ich sag' dir, Yvonne ist doch in Timmi verknallt!«, beharrte Achim.
»Mann, das Thema scheint dir ja mächtig unter den Nägeln zu brennen«, konterte Bea. »Am Ende bist du es noch, der in Yvonne verknallt ist, hm? Wohl eifersüchtig, wa'?«
»Ich?«, rief Achim. Tim war froh, dass er dem Kreuzfeuer entronnen war. »Weibergeplärr! Yvonne! Die ist doch voll unscharf! Wenn schon, will ich 'ne geile Braut, die gut gebaut! Eine mit Holz« – er deutete mit beiden Handflächen auf seinen Brustkorb – »vor der Hütte!«
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