In den nächsten Tagen verkaufte der Kleinunternehmer schnell alles, was er besaß. Das war nicht viel. Mit großer Mühe gelang es ihm, den verfallenen Kiosk für ein paar zerknitterte Euro in andere Hände zu übergeben. – Euro? Weil Amerika über den Ozean schwer zu erreichen war, bis Europa aber war es nur ein Katzensprung. Und Petro hatte nachgedacht: Es war besser, in Europa wie seit der Antike schon zu Fuß zu laufen, als in Amerika einem Cowboy gleich mit einem Pferd herumzuhopsen.
Er konnte sich noch sehr gut erinnern, wie die Ukraine, begeistert von der neuen Schokoladenregierung, begonnen hatte, unter der irrsinnigen Losung „Wer nicht hüpft, der ist ein Moskal“ gemeinsam auf- und abzuhüpfen. Sie waren so lange gehüpft, bis die Halbinsel Krim vor Erschütterung weggefallen war. Petro wollte nichts mehr riskieren. Seitdem hatte er zu hüpfen aufgehört und reagierte nervös auf das Wort sowie alle Fortbewegungsmittel, die man damit in Verbindung brachte.
Im Kopf des zukünftigen Flüchtlings kreiste der immer wiederkehrende Gedanke: „Nach Europa flieht jeder, der Lust hat. Und wenn sie dort jetzt schon mit ein paar Hunderttausend Zuwanderern nicht zurechtkommen, was wird erst, wenn sich vierzig Millionen Ukrainer dorthin auf den Weg machen? Oh, man musste sich beeilen, um dort Fuß zu fassen, bevor die Massen aus der Ukraine herbeiströmten und Europa niederwalzten.“
Europa war groß, aber Petro hatte keine Schwierigkeit bei der Auswahl des Landes. Im ukrainischen Fernsehen, dem er keinen großen Glauben schenkte, hatte er die deutsche Kanzlerin Frau Merkel gesehen. Mit trauriger Stimme und schiefem Lächeln sagte sie: „Deutschland nimmt alle Flüchtlinge auf, die nach Deutschland kommen. Das ist unsere Pflicht, und wir werden sie erfüllen. Herzlich willkommen!“ Frau Merkel glaubte unser junger Ukrainer sofort und vollkommen. „Mir wird es gelingen!“, dachte er voller Überzeugung und hatte ab sofort nur noch ein Ziel vor Augen. Auf nach Deutschland!
Warum nicht fahren, wenn die Kanzlerin selbst einlädt?
Wenig später, als Petro seine Klamotten in den Rucksack packte, fiel ihm plötzlich etwas ein: „Merkel hat ja Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten eingeladen. Ich aber bin ein Ukrainer, wenn auch nur zur Hälfte. Und angeblich haben wir auch keinen Krieg. Es gibt Tote und Verletzte, Tank- und Bombenangriffe, aber keinen Krieg! Nicht einmal Polen will meine Landsleute aufnehmen, obwohl wir wie Brüder sind ...“
Schwere Gedanken trieben Petro in eine Sackgasse. Er setzte sich hin, senkte den Kopf und versank in Überlegungen. „Wohin soll ich denn fliehen? Nach Polen darf ich nicht, weil ich nur väterlicherseits Ukrainer bin. Mütterlicherseits bin ich Russe, ich könnte mich also nach Russland begeben ... Nein, nach Russland möchte ich nicht. Dort muss ich arbeiten, und außerdem ist es dort kalt und man bekommt nur geringe Sozialhilfe. Unser neuer Präsident sagte, dass die Ukraine besser der Schwanz von Europa als ein Randgebiet Russlands sei. Ihm aber geht es in Kiew sehr gut. Und was soll ich machen? Ohne Geld, Unterkunft und ohne Perspektiven? Mir bleibt nichts übrig, als mich am europäischen Schwanz festzuklammern. Dass es unter dem Schwanz oft stinkt, lässt sich überleben. Die Hauptsache ist, nicht abzufallen, wenn er heftig zu wedeln beginnt.
Aber wohin soll ich mich denn nun begeben? Nach Bulgarien? Nein! Wie schade, dass ich für Deutschland kein Flüchtling bin ...“ Unvermittelt schlug Petro sich auf die Stirn, erhob sich vom Sofa und fing an zu tanzen, während er vor sich hin sprach:
„Kluger Junge, was bin ich doch für ein kluger Junge! Meine Cousine Oksana lebt doch in Deutschland! Sie ist schon lange mit einem Deutschen verheiratet. Also, beschlossene Sache, ich fahre zu ihnen. Vordergründig erstmal zu Besuch, und dort wird man dann sehen, wohin das Schicksal führt. Leider ist mir nur ihre Anschrift unbekannt … Aber Hauptsache, ich kämpfe mich durch. Mit Verwandtschaft gehe ich nicht verloren!“
Petro tänzelte zu seinem Rucksack und begann, ihn zu packen. Er steckte zerknitterte T-Shirts, eine Wasserflasche und ein paar Packungen Kekse ein. Über seine weise Voraussicht und auf die bevorstehende Reise nach Deutschland freute er sich sehr.
Auf seinem unrasierten Gesicht leuchtete ein Lächeln.
Kapitel 2 Zwei Männer, ein Glück
Die Reise bis zur slowakischen Grenze erwies sich als leicht und angenehm: In Kiew setzte sich Petro Schenko in den Zug und erreichte mit zwei Umstiegen die Stadt Uschhorod. Die warme Sommernacht verbrachte er auf dem Bahnhof. Am nächsten Morgen, während er laut und ausgiebig gähnte, gab er sich ganz dem Traum hin, dass er schon gegen Abend die Grenze zur Slowakei überqueren würde. Von dort führte Weg direkt nach Österreich und weiter – in das langersehnte Deutschland. Halbverschlafen trottete Petro zum Imbiss, wo er sich eine Flasche Bier, ein Glas Tee und zwei große mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen kaufte.
Nachdem er so viel gegessen hatte, dass er schon aufstoßen musste, begab er sich nach draußen und dehnte sich wie ein satter Kater nach dem Mittagessen. In der Nähe des Bahnhofeingangs stand ein schiefer Zeitungskiosk. „Mein Kiosk in Kiew sah viel schicker aus ...“, dachte Schenko, und zufrieden korrigierte er sich: „Mein ehemaliger Kiosk.“ Er fragte den Verkäufer nach einer Karte Europas: diese brauchte er, um sich besser orientieren zu können.
Als er vom Kiosk zurückging, lobte Petro sich für seine Umsicht und faltete die Karte auf. Plötzlich trübte sich sein Blick, den er auf das große geographische Blatt warf. Er staunte und lehnte sich an die Wand, um nicht umzufallen. Sehr bald aber kam er wieder zu sich, fand eine freie Bank, setzte sich bequem hin und breitete erneut die Karte aus.
„Ich verstehe schon, dass die Geschichte sehr in Bewegung ist und jeden Tag neue Überraschungen mit sich bringt – man kommt ihr einfach nicht nach. Heute weiß sogar der letzte Depp in der Ukraine, dass nicht Kolumbus, sondern der Ukrainer Kolumbenko Amerika entdeckt hat“, murmelte Schenko leise. Er versuchte sich zu beruhigen und sammelte seine zerstreuten Gedanken. „Wann hat es die Ukraine denn geschafft, Russland zu erobern? Ich habe Kiew vor einem Tag verlassen, habe ungefähr drei Tage keine Nachrichten geschaut, und auf der Karte liegt die Grenze zwischen der Ukraine und Russland schon hinter dem Ural, in Sibirien.
Welch eine Geschwindigkeit ...
Interessant, und wo bitte sind Polen und die Baltischen Staaten geblieben? Gehören die denn auch dem ukrainischen Vaterland?“
Petro brütete versonnen über diesem schweren Rätsel.
„Ich verstehe es einfach nicht. Bei der Nationalgarde konnte man doch keine großen Erfolge beobachten. Vor einem Monat noch sagte mein Nachbar, ein Major, dass die amerikanischen Spezialtruppen das Risiko eingegangen sind und in die Ukraine kamen, um unseren Soldaten beizubringen, richtig Krieg zu führen. Man musste lange auf die Amerikaner warten, verständlicherweise. Sie mussten zuerst sicher sein, dass sich auf dem ukrainischen Territorium keine russischen Truppen befanden.
Keiner möchte Probleme mit den ‚höflichen‘ Russen.
Die Amerikaner überzeugten sich schweigend und begannen dann mit der Lehre.
Sind wir denn wirklich so gute Schüler, dass wir es in einem Monat schaffen, das Kriegen zu erlernen und mit Blitzgeschwindigkeit ein Stück von Russland abzuschneiden? Keine ukrainische Armee, sondern Piloten der Formel 1! Rasend schnelle Meteoriten!
Dinge gibt’s …
Und wenn es so weitergeht, dann kommt die Ukraine auf den Geschmack und erobert ganz Europa? Dann wird es eine Ukrainische Union geben und keine Europäische ... Hahaha!!! … Mit Sitz in Kiew und nicht in Brüssel ...
Doch nein, nein, lieber nicht!
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