Vielleicht sind diese alten Schriften wahr. Vielleicht sind sie auch nur ein Märchen die Varlons II. Familie den Völkern bei der Gründung des Imperiums erzählt hat um ihre Stellung zu sichern. Die Gründung des Imperiums war ihrerzeit so bedeutend das sie die neue Zeitrechnung markiert. Das Jahr Null, indem das freie Reich - der Greif von Darcos fiel und sich Orannis Laarus, König von Artos zum Imperator krönte und Artos so zum Kaiserreich erhob.
Der Reichtum Artos beruht auf Edelsteinen und Edelmetallen. Das Kerngebiet des Imperiums ist gespickt mit Bergen und ergiebigen Minen. Solange die Menschen denken können wurde hier schon immer Gold abgebaut. Noch ergiebiger als die Goldminen sind die Silberminen. Und noch ergiebiger der Edelsteinabbau. Es ist kein Zufall das die Krone des Kaiser fast gänzlich aus rotem Rubin besteht.
Seine Lordschaft Maris DoRina wird nicht müde dem Fürsten von den Errungenschaften und dem Wohlstand des Imperiums zu erzählen. Ihm davon vor-zu-schwärmen und zu berichten. Und nur allzu gerne erinnert er Fürst Emor an die Probleme die in einzelnen Königreichen der Union herrschen. Krankheit, Hunger, Tod und politische Willkür sind keine Ausnahme in den sogenannten freien Ländern. Doch für den Fürsten von Conreba zählen Freiheit und Selbstbestimmung mehr als die Annehmlichkeiten des Kaiserreiches.
Fürst Emor Badoz weiß nun sicher das Lord Maris DoRina nur aus einem einzigen Grund da ist. Er möchte die Stärke, Entschlossenheit und Überlegenheit seiner Heimat betonen. Er möchte den Fürsten von Conreba einschüchtern. Aber nicht nur das. Im Laufe der Gespräche offenbart er noch ein anderes Ziel.
“ Fürst Emor, Ihr habt einen Sohn. Und drei wunderschöne Töchter. Gewiss werden Eure Kinder Eure Blutlinie fortführen wenn man sie lässt. Doch welche Zukunft wollt Ihr ihnen bieten Fürst Emor? Welches Vermächtnis wollt Ihr ihnen hinterlassen? Eine Insel, in stetiger Angst überrannt zu werden? Ein ausgehungertes Stück Stein inmitten der Donnersee? Abgeschnitten von der neuen Welt, verbannt in die Bedeutungslosigkeit”? Und der Fürst antwortete - “Ich werde meinen Kindern überlassen was immer ich kann. Aber vor allem werde ich ihnen die Freiheit überlassen”.
Lord Maris DoRina kann mit dieser Aussage gar nichts anfangen. “Ihr sprecht von Freiheit und Selbstbestimmung. Doch leben viele Eurer Bürger als Sklaven. Und selbst wenn nicht, verbringen viele ihr Dasein in Armut und Dreck unter Umständen die sich von Sklaverei nicht unterscheiden. Viel zu viele wenn Ihr mich fragt. Ihr könnt Euren Leuten nicht bieten was Artos ihnen bieten kann. Wohlstand und Gerechtigkeit. Zugegeben, Eure Insel macht einen guten Eindruck Lord Badoz. Aber Ihr wisst so gut wie ich wie es den Menschen in Ryos oder Jahro geht”. “Doch keine Freiheit könnt Ihr uns bieten, Lord DoRina. Keine Freiheit. Sagt mir, seid Ihr auf einen Krieg aus? Sprecht ehrlich zu mir, Ihr seid mein Gast und genießt meinen Schutz”.
Emor Badoz blickt gebannt durch das Auge in das tiefe, rote Wasser unter dem Kristall als er seinem Gegenüber diese Frage stellt. Da beugt sich Maris DoRina zu ihm hinüber. “Ich biete Euch an die Seiten zu wechseln. Schließt Euch dem Imperium an. Entscheidet Euch für die Zukunft” . Fürst Badoz blickt weiter durch das Auge, er würdigt dem fremden Diplomaten keines Blickes. “Wir wissen beide wie das enden würde. Der Kaiser entmachtet stets die Herrscherfamilien. Wie viele hat er schon geschlachtet und durch Getreue ersetzt”?
Lord Maris DoRina zückt ein Dekret aus seinem edlen Umhang. Es ist eine Abschrift des Kaisers. “Kaiser Varlon II. lädt Euch dazu ein Conreba in das Imperium zu führen. Mit allen Ehren und Titeln. Er bietet Euch an fortan als Rhan über Conreba zu herrschen und Eure Rhanschaft zu vererben. Es ändert sich im Grunde gar nichts für Euch. Außer die Farben Eures zweiten Banners. Und das Euer Haus und Eure Familie eine Zukunft hätte”.
Der Fürst von Conreba sitzt noch für Stunden mit Maris DoRina zusammen. Sie diskutieren und philosophieren fast die ganze Nacht über die Zukunft der Insel und der restlichen Welt. Und als die Sonne das Morgenlicht bricht, ist lediglich eines klar, das Imperium ist auf dem Vormarsch. Und es ist nicht dazu bereit sich aufhalten zu lassen. Kaiser Varlon II. will nicht weniger als die absolute Herrschaft.
Emor Badoz lässt seine Gäste des Nachts in ihre Gemächer bringen. Doch ehe er das Nachtlager mit seiner Frau teilen kann, muss er noch eine Aufgabe erledigen. Er lässt einen seiner Kämmerer nach einem Boten schicken. Der Fürst möchte dringend einen Boten entsenden. Nach wenigen Augenblicken klopft es an der Tür seines Arbeitszimmers und der Bote tritt ein. “Bring diese Abschrift auf dem schnellsten Wege nach Sparos. An den Hof von König Ravon. Segelt schnell und sicher. Reitet wie der Wind und blickt nicht zurück” - trug der Fürst seinem Boten auf. Adamir Voc gehört zu den treuesten und fähigsten Leuten in Badoz Reihen. Ohne zu zögern greift er die Nachricht seines Herren und macht sich geschwind auf den Weg nach Sparos, so wie es Ihm sein Fürst aufgetragen hatte.
Adamir Voc ist ein Meister darin unauffällig zu bleiben. Ein fähiger Mann für besondere Aufgaben. Heimlich und unbemerkt legt er mit einem kleinen Schiff ab. Richtung Ryos, dem nächstgelegenen freien Königreich. Ryos ist ein kleines und armes, aber dafür wehrhaftes Reich östlich von Toranga, einer riesigen Provinz des Imperiums. In Ryos gibt es vor allem schöne Frauen und schnelle Pferde, gewiss wird Letzteres Adamir Voc auf seinen Weg nach Sparos helfen.
Noch in derselben Nacht fragt Fürstin Rena ihren Mann neugierig nach dem Ergebnis der Gespräche. “Was hat Lord DoRina gesagt? Wird es Krieg geben Liebster”? “Davon bin ich überzeugt. Zumindest wenn alles so standhaft bleiben wie ich”. “Wie meinst du das”? “Der Kaiser hat mir angeboten überzulaufen. Er hat Conreba angeboten sich dem Imperium anzuschließen. Wir würden die Rhanschaft erhalten und weiter herrschen”. “Und was hast du dem Lord geantwortet”? “Das ich meinen Kindern die Freiheit hinterlassen werde. Niemals könnte ich mich in den Hallen meiner Ahnen blicken lassen, wenn ich dieses Angebot annehmen würde”.
Und während der Fürst und seine Frau über das Gespräch mit Maris DoRina sprechen, ist der Bote des Fürsten bereits auf dem Weg nach Sparos. Doch so sehr sich Adamir Voc auch beeilt. Die Tage und Nächte vergehen. Sein Schiff gleitet geschmeidig und rasch durch das rubinrote Wasser der Donnersee. Einen Tag und zwei Nächte dauert es bis seine Augen schließlich die Küste von Ryos erblicken.
Sein Boot legt in Bylynn an, einer kleinen beschaulichen Stadt an der Küste von Ryos. Adamir wählt oft diese Route wenn er seine Botschaften in die Lande der Union trägt. Die quirlige Hafenstadt ist der ideale Anlegepunkt für ihn. Ein Posten der Unions-Garde ist hier beheimatet. Diese gibt es in jeder größeren Stadt der freien Königreiche. Sie werden häufig von den Boten der Fürsten und Könige genutzt um eine rasche Überbringung ihrer Nachrichten zu gewährleisten. Von hier aus wird er weiter reisen. Mit einem Pferd, aber nicht irgendeinem Pferd.
Adamir sucht die Unterkunft der Unions-Garde auf. Er tut dies aus einem bestimmten Grund. Er braucht ein Pferd. Aber er braucht kein normales Pferd. Er braucht einen Lysander-Hengst. Seit jeher sind Lysander die schnellste und edelste unter den Pferderassen. Anmutig, voller Stolz und Eleganz. Sie gelten als die schlauesten Tiere der Welt und als überaus einfühlsam. Sie sind so voller Gefühl und Wahrhaftigkeit das sich sogar die Farbe ihres Fells zu ändern vermag wenn ihre Stimmung schwankt.
Token Ev ist der Hauptmann des Unions-Posten. Er begrüßt den Boten freundlich und pflichtbewusst. Beide kennen einander bereits seit Jahren, ist Adamir doch regelmäßig als Bote für Fürst Emor Badoz unterwegs. “Willkommen in Bylynn Adamir Voc. Ihr habt euch lange nicht mehr blicken lassen. Was führt Euch hierher”. “Seid gegrüßt Hauptmann Ev. Ich bringe Kunde meines Herren, Fürst Emor Badoz”. “Und wo führt Euch diese Kunde hin Adamir”. “Nach Sparos. Weißenhall um genauer zu sein. Ich habe eine Nachricht für König Ravon”. “Wohl an Herr Voc. Ich nehme an Ihr wollt uns um ein Lysander ersuchen. Ihr kennt die Gebühr und die Formalitäten. Zehn Goldtaler und eine Unterschrift. Der Stallbursche wird sich Eurem Wunsch annehmen” - sprach der Hauptmann.
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