„Was zum Teufel ist das?“, dachte ich laut, denn das war alles, aber keinesfalls ein Auto! Das silbrige Metall war verbogen. Es besaß keine Fenster, das Licht drang aus den Scheinwerfern, dessen Glas zerbrochen war und sich auf dem Boden verteilte. Strom blitzte auf und an einer Stelle flackerte sogar Feuer.
„Hallo?“, rief ich und trat näher heran, traute mich jedoch nicht, dass Metall zu berühren, aus Angst, einen Stromschlag zu bekommen. Konnte dieses Ding explodieren? War es ein Flugzeug oder eine neue, moderne Drohne? Allerdings war es so groß, wie ein Kleinbus und so zerstört, dass ich nicht im Stande war, diesen Haufen mit etwas vergleichbaren zu assoziieren. Ich hörte das Husten eines Menschen und meine Gedanken sammelten sich wieder.
„Hallo?“, rief ich erneut. „Ist hier jemand?“ Wieder dieses Geräusch und ich glaubte, jetzt auch eine Stimme zu vernehmen, die etwas Unverständliches murmelte. Ich lief weiter um dieses Ding herum.
Dann sah ich ihn.
Um die 30, älter konnte er nicht sein. Er sah zu mir auf, als ich zu ihm hinüberkam. Der Mann lag ein paar Meter von dem Wrack entfernt auf dem Boden und hielt sich den Bauch. Blut rann an seiner Stirn hinab und sammelte sich auf dem weißen Poloshirt, welches er trug. An seinen muskulösen Armen zeichneten sich kleinere Schrammen und Schnittwunden ab. Ich hockte mich zu ihm, erkannte das wahnsinnige Ozeanblau in seinen vor Schreck geweiteten Augen.
„Keine Angst, ich werde Hilfe holen. Alles wird gut“, versuchte ich ihn zu beruhigen, während ich alles andere als ruhig war. Ich war noch nie zuvor in so einer Situation gewesen. Das alles überforderte mich und ich bekam Panik. Als ich mein Handy hervorholte, legte sich seine breite, männliche Hand auf meinen Arm. Ich war nicht die schlankste Frau, da ich einen Beruf ausübte, in welchem man eine gewisse Muskelkraft brauchte. Ich besaß keine Heidi Klum Topmodel Maße aber selbst unter seiner Hand wirkte mein Arm zierlich.
„Nein!“ Seine herrische Stimme ließ mich innehalten. Dieser Mann verströmte eine unfassbar vereinnahmende Energie. Eine Energie, die mich traf und elektrisierte. Selbst jetzt, wo er verwundet war. Gott ich schwöre, dieses Kinn, dieses gemeißelte, maskuline Gesicht war zu perfekt für meine kleine und bescheidene Welt. Alles an ihm schien von einer höheren Macht perfektioniert worden zu sein. Sogar eine None würde wohl bei ihm an ihrer Enthaltsamkeit zweifeln.
„Es geht schon. Ich brauche keinen Arzt.“ Bitte? War das jetzt sein ernst? Verstand er überhaupt, dass ich versuchte, ihm sein Leben zu retten! Sein Blick wurde klarer, als der erste Schreck vorüber war und da lag nun eine Entschlossenheit in seinen Augen, welche mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er meinte es ernst. Er wusste ganz genau, was er da gesagt hatte.
„Beim besten Willen! Sie bluten und könnten innere Verletzungen haben. Ich rufe einen Arzt und vor allem die Polizei.“
„Nein!“ Meine Güte! Das war wirklich mal ein Nein mit Nachdruck. „Sie dürfen nicht die Polizei rufen.“
„Wieso nicht?!“, fragte ich ihn ungezügelt.
„Vertrauen Sie mir.“ Er blinzelte mit seinem rechten Auge, als hätte er Schmerzen. Dennoch wirkte er um einiges gefasster als zuvor. So besonnen und bedacht, dass er mir noch mehr Angst einjagte. Welcher Mensch war nach einem Unfall die Ruhe selbst, während er blutete und Schmerzen hatte! Niemand! Keiner konnte da so ruhig bleiben! Keiner, außer Mister Fragezeichen.
„Ich verstehe nicht. Warum ... ich mein ... das geht nicht. Ich kann doch nicht ...“, stammelte ich und die Panik mischte sich wieder ein. Er sah mir forschend in die Augen. Ich erwiderte seinen Blick und sah dann zu dem Wrack hinüber.
„Ich muss zumindest die Polizei rufen.“
„Nein!“ Dieses Wort drang tief und bestimmend aus seiner Kehle.
„Ich glaube nicht, dass sie das bestimmen können! Es ist meine Pflicht, die Polizei zu rufen.“ Ich wollte mich aufrichten, aber sein Griff um meinen Arm wurde stärker.
„Ich bitte Sie. Das hier … Es ist eine Angelegenheit, die weitaus größer ist, als sie es sich vorstellen können. Bitte …“ Er machte eine Pause und ich spürte, wie der Druck seiner Hand erneut nachließ. „Bitte. Vertrauen sie mir. Sie dürfen keine andere Person in diese Angelegenheit einweihen. Ich brauche nur etwas Ruhe. Dann kümmere ich mich um alles.“ Was? Etwas lief hier gewaltig schief. Da lag ein Metallklotz inmitten eines Maisfeldes, brannte und leuchtete lichterloh. Sein Besitzer kauerte auf der Erde, blutüberströmt und ich sollte was tun? Einfach weggehen? Ihn hier sitzen lassen? So tun, als wäre nichts passiert? Das verstieß gegen mehr Regeln, als ich bisher in meinem 26 Jahre alten Leben gebrochen hatte.
„Ich kann sie nicht einfach hier zurücklassen.“ Ich wusste genau wie ängstlich und verzweifelt ich in diesem Augenblick auf ihn wirken musste. Ich wusste, wie sich die Panik in meinen Augen widerspiegelte. Aber er, derjenige, der hier verletzt war, verströmte eine fürchterliche Ruhe. Dieser Mann war noch immer Herr seiner Sinne.
„Gehen Sie. Es geht mir gut. Auch sie sollten da nicht mit hineingezogen werden.“ Ich streifte mir meine kastanienbraunen Haare aus dem Gesicht, die mir immer wieder störrisch nach vorne fielen. Auch wenn er diese Ruhe ausstrahlte, zeugte sein angespannter und zitternder Körper von tieferen Schmerzen.
„Ich lasse sie hier sicher nicht allein zurück.“ Entschlossen, schossen meine Worte aus meinem Mund und ein verblüffter Ausdruck huschte über sein Gesicht.
„Können Sie aufstehen oder laufen?“ Was tat ich da nur? Ich konnte das doch nicht wirklich tun!
„Ich denke schon.“ Er richtete sich auf und ich half ihm dabei. Das hier war der größte Fehler meines Lebens! Mein Verstand riet mir, auf ihn zu hören und mich ganz schnell vom Acker zu machen. Mich in mein Bett zu legen, meine Serie zu schauen und einzuschlafen, wie jeden Abend nach der Spätschicht. Mein logisch denkendes Gehirn riet mir, die Polizei zu rufen, die dem Bauern erklären mussten, dass fünfzig Prozent seiner Ernte Schrott waren. Die einen Krankenwagen für Mister: Ich brauche keine Hilfe, rufen würden, sodass er untersucht und verarztet werden konnte. Aber stattdessen half ich ihm auf die Beine, stützte ihn beim Gehen. Es lag nicht nur an seiner Stimme, weshalb ich auf ihn hörte. Es war vor allem dieser Schrotthaufen hier vor mir, an dem wir vorbei humpelten. Das hier war kein altes Auto. Kein normaler Unfall. Er hatte gesagt, dass diese Angelegenheit größere Ausmaße hätte. War es dann eine Staatsangelegenheit? Ein geheimes Projekt oder eine militärische Operation? Gehörte er zu einer Spezialeinheit des Militärs? Denkbar wäre es bei diesem Körper! Denn dieser bestand aus reiner Muskelkraft. Unter seinem blutdurchtränkten Shirt zeichnete sich deutlich sein Bizeps ab. Sein Kopf, mit den dunklen schwarzen Haaren, lag auf seinen breiten Schultern, an deren sich sicher viele Frauen gern anlehnen würden. Doch nun lastete sein schwerer Körper auf meinen Schultern, als wir zu meinem Auto liefen. Dieser Mann war fast 2 Meter groß und durchtrainiert. Keine leichte Aufgabe für mich. Selbst, als ich ihn in mein Auto hievte, beschäftigte sich mein Kopf nur mit der Frage, wer zum Teufel dieser Mann war!
Aber was auch immer diese Angelegenheit hier bedeutete, ich konnte ihn doch nicht zurücklassen! Das wäre nicht menschlich.
Selbst, als wir bei mir ankamen, zweifelte ich noch an meinem handeln. Entweder würde ich in den Knast kommen oder eine Auszeichnung dafür bekommen, dass ich beim Vertuschen eines Staatsgeheimnisses half.
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