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Wäre er auch nur eine Viertelminute länger im Zimmer geblieben, hätte es ihm vor Schreck vermutlich die Sprache verschlagen, denn die Tote räkelte sich plötzlich auf dem Bett. »Ich dachte schon, Sie kämen gar nicht mehr, Chief Inspector«, knurrte sie vorwurfsvoll.
Wie gebannt starrte Whitehead auf Clairés wundervollen Busen, der keinerlei Stütze eines Büstenhalters bedurfte.
Clairé griff sich an die Augen und nahm die Kontaktlinsen heraus, die sie eingesetzt hatte. Anschließend wischte sie sich die Würgemale vom Hals. »Sie sehen, was man mit maskenbildnerischem Geschick alles fertig bringen kann … Aber jetzt werde ich mir wohl besser etwas überziehen, sonst fallen Ihnen noch die Augen aus dem Kopf.« Sie lachte und griff nach dem Morgenmantel – sehr zu Whiteheads Enttäuschung, der den Anblick ihrer atemberaubenden Figur gern noch länger genossen hätte.
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Kapitel 4
Die Sonne knallte unbarmherzig durch das weit geöffnete Fenster im vierunddreißigsten Stock des › Carrara Towers ‹, auch › 250 City Road ‹ genannt, nähe des › Regents Canal ‹.
Ragnar Lundquist wälzte sich unruhig auf seinem Bett hin und her. Vergeblich versuchte er ein halbwegs schattiges Plätzchen für seinen Kopf zu finden. Aber wo er ihn auch hinlegte, die Sonne war bereits da. Er stöhnte im Halbschlaf, leckte sich über seine trockenen Lippen, als hätte er Durst, und beschloss, langsam wach zu werden, bevor er endgültig in seinem eigenen Saft zu schmoren begann.
Er rollte sich aus dem Bett, wankte bis zur Tür und verschwand im Badezimmer. Als ihn der eiskalte Wasserstrahl der Dusche traf, krümmte der nicht gerade alltägliche Kater des jungen Mannes in der Seelenkombüse zwischen Hinterkopf und Magen erschrocken den Rücken und jaulte laut auf, als hätte man ihm auf den Schwanz getreten. Aber er blieb hart, sich selbst und seinem Kater gegenüber. Grauer Whiskynebel raus, weißer Energiewellen rein! , lautete die Devise, und es klappte tatsächlich. Ragnars Kopfhaut kribbelte, und das darunterliegende Hirn begann sich schwerfällig zu regen. Versuchsweise begann er langsam mal hierhin und mal dorthin zu denken – und seine grauen Gehirnzellen parierten wie gutdressierte Ehemänner. Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wagte er es schließlich, an die vergangene Nacht zu denken.
Er hatte mit einem vielversprechenden Flirt begonnen. Daphne hieß der hoffnungsvolle Nachwuchs, dem die Amateureigenschaften noch nicht verloren gegangen waren, und schon nach zehn Minuten hatte Ragnar gewusst, dass mit ihr der Rest des Abends und die Stunden danach gesichert waren.
Und dann war Garrett Simmons mit seinem völlig idiotischen Vorschlag dahergekommen: »Lass' uns auf Russisch trinken!«
Der › Trick ‹ beim Russischen war, dass nicht im Sitzen sondern Stehen getrunken wurde. Gewonnen hatte derjenige, der sich zum Schluss noch auf den Beinen halten konnte. Ragnar hatte zwar bis zum Schluss gestanden, sich anschließend aber heimtragen lassen müssen – und Daphne war ihm durch die Lappen gegangen.
Die Türglocke schlug an, schrill und durchdringend. Augenblicklich vollführte Ragnars Kleinhirn erschrocken einen doppelten Salto rückwärts, und der gleichzeitig aufjaulende Kater brachte seinen Organismus endgültig durcheinander. Aber der Rest seines Verstandes, der das Weiterleben ernsthaft in Erwägung zog, entschloss sich dazu, die Tür zu öffnen.
Im Flur stand, langbeinig, kurzberockt und mit schwarzen Haaren bis weit über die Schultern, die Augenweide eines weiblichen Wesens.
Ragnar starrte auf die enganliegende Bluse der faszinierenden Erscheinung und bekam akute Atemnot. Nur unter Aufbringen all seiner geistigen Kräfte schafft er es seinen Blick von den Wölbungen zu lösen und seinen Mund zu schließen. »Ach, du bist es«, stieß er enttäuscht hervor, als er das Gesicht der Frau als Clairé Beauvais identifizierte. »Komm' rein!«
Ragnar streckte sich, wobei sein Bademantel auseinander klaffte und seine breite, leicht behaarte Brust freigab. Er lächelte jungenhaft und schaute Clairé aus unbekümmert frechen Augen aus.
Er war Ende Zwanzig, über sechs Fuß groß, breitschultrig und hatte blonde Haare. Er verbreitete Wärme und Sympathie. Aber so, wie er nun dastand, mit traurigen Augen, was auch dem Alkoholkonsum geschuldet war, hatte er reichlich Ähnlichkeit mit einem Bernhardiner.
»› Fatso ‹ hatte Besuch vom › Chancellor of the Exchequer ‹. Der Schatzkanzler Hammond hat ein Problem, mit dem er nicht allein fertig wird«, ließ Clairé ihn wissen, wobei ein spöttisches Lächeln um ihre Mundwinkel spielte. »Aber ich sehe schon: Du brauchst erst einmal etwas gegen deinen Rausch. Na, da komme ich ja genau richtig, wo ich doch Expertin in Sachen Katerfrühstück bin, nicht wahr?!« Sie schritt mit wiegenden Hüften auf die Küche zu, verschwand darin und rief Ragnar nach ungefähr zwei Minuten zu sich.
Das rohe Eigelb, das ihn dick gesalzen und gepfeffert aus einer Höllenbrühe von Worcestersoße, Zitronen- und Tomatensaft und Sesamöl aus einem Glas zum Übelwerden anstarrte, war eines der Meisterwerke aus Clairés persönlicher Apotheke.
»So eine › Prärieauster ‹ ist der perfekte Drink nach einer durchzechten Nacht, mein Bester. Ein wahres Wundermittel gegen einen Kater«, bemerkte Clairé und reichte ihm den Göttertrank mit einem vor tiefempfundenem Mitleid triefenden Blick aus ihren geheimnisvollen fast schwarzen Augen.
»Da wird einem klar, warum dich bislang kein Mann geheiratet hat: Du bist echt die reinste Giftmischerin«, erwiderte Ragnar prustend und erreichte gerade noch rechtzeitig den kleinsten Raum seiner Wohnung. Anschließend fühlte er sich aber in der Tat besser. Sie ist doch die Größte , dachte er bei sich. »Wo ist eigentlich Garrett?«, erkundigte er sich und bekam langsam wieder Lust am Leben.
»Den habe ich bereits in Marsch gesetzt. Ihm ging es übrigens ebenso schlecht wie dir«, schmunzelte Clairé. »Ihr müsst gestern Abend ordentlich einen gehoben haben.«
Ragnar nickte vorsichtig. »Selbstlos wie wir sind, opfern wir uns für das Wohl der britischen Spirituosenindustrie auf … Aber glaub' nur nicht, dass uns das jemand danken würde!«
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Eine Stunde später fuhren sie nach › Llantrisant ‹, einer Stadt in der Grafschaft › Rhondda ‹ in Wales, wo sich seit 1975 Sitz und Prägestätte der › Royal Mint ‹ befand.
Clairé saß am Steuer ihres › Jaguar F-Type ‹, während Ragnar wie ein Häuflein Elend neben ihr hockte. In diesem Moment sah man den beiden wirklich nicht an, dass sie sich – zusammen mit Garrett Simmons – erst vor wenigen Wochen mit der Londoner Unterwelt und Mafia angelegt hatten. Vor über einem Jahr war sie von Leonard Edwards, den sie wegen seiner enormen Körperfülle nur › Fatso ‹ nannte, als freie Mitarbeiterin für den › MI5 ‹ angeheuert, weil sie bei geheimen Recherchen, sei es auf politisch-militärischem, gesellschaftlich-diplomatischem oder auch nur kriminellen Gebiet größere Erfolgsaussichten hatte, als andere seiner Mitarbeiter.
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Im Zimmer von Horace Garside, dem Chef der › Royal Mint ‹, saßen bereits vier Männer, als sie zur angesetzten Besprechung hinzukamen. Der schlanke Drahtige mit den roten Haaren war Glen Underwood. Der kleine Gedrungene Brian McLaughlin wurde auch › Professor ‹ genannt. Die beiden waren die absoluten Stars unter den Detektiven zur Aufklärung von Delikten der Falschmünzerei. Außerdem war da noch Garrett Simmons, ein kleiner, dicklicher Mann mit Glatze, der immer so bekümmert aus dem Anzug sah wie ein deprimierter Dackel, dem der letzte Knochen gestohlen worden ist.
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