Die eigene Kultur und Heimat war für diese Bewegung unwichtig, weil der Kommunismus sich als weltumspannende, supranationale Bewegung verstand. Marx sagte: »Proletarier aller Länder vereinigt euch!« und die von ihm herbeigesehnte kommunistische Endgesellschaft sollte keine Nationengrenzen mehr kennen, sondern eine Art irdisches Universalparadies sein, ein Paradies ohne Gott, vom Menschen allein kraft seiner Vernunft geschaffen. Auch die Ablehnung so genannter bürgerlicher (»bourgeoiser«) Normen, Konventionen und Institutionen wie Ehe, Familie oder Kirche geht auf Marx zurück, dem nach dem Untergang der Bourgeoisie eine völlig neue Art von Zivilisation vorschwebte, ein klassenloses Utopia, das die Arbeiterklasse als Endpunkt der Geschichte der Klassenkämpfe herbeiführen sollte. Der an sein Endziel gebrachte Kommunismus war für ihn »das aufgelöste Rätsel der Geschichte«.
Natürlich sind in den westlichen Gesellschaften nicht alle Menschen überzeugte Marxisten. Die meisten marxistisch geführten Staaten sind gescheitert und ihre großen Führer Stalin, Mao Zedong, Pol Pot und Kim Il Sung sind als skrupellose Völkermörder in die Geschichte eingegangen. Doch obwohl das Gesellschaftssystem des Marxismus in den drei Jahrzehnten nach 1968 überall dort gescheitert ist, wo es einer Volksgemeinschaft im Rahmen eines umfassenden soziologischen Experiments (in der Regel mit etlichen Todesopfern) staatlich verordnet wurde, haben sein geistiges Fundament, sein Atheismus und seine Vernunftgläubigkeit, und deren sittliche Folgeerscheinungen überlebt. Wer daran glaubt, dass Gott den Menschen vor dem Hochmut warnen wollte, den es bedeuten könnte, allein im Vertrauen auf den menschlichen Verstand stets zu richtigen Entscheidungen zu gelangen, für den ist die Entwicklung der westlichen Länder nach 1968 eine Illustration der Geschichte aus der Genesis, in der die Schlange den Menschen verspricht: »Ihr werdet sein wie Gott und selbst erkennen können, was gut und was böse ist, was euch nützt und was euch schadet.« Die Schlange wird in der christlichen Exegese als Verkörperung Satans verstanden. Im Koran, wo die Geschichte in ihren wesentlichen Zügen ebenfalls vorkommt (Sure 2,35-36) und der Satan mit der Verheißung ewigen Lebens (Sure 7,20) lockt, ist das Ergebnis der teuflischen Verführungskunst dasselbe: Das Paradies hat der Mensch durch seinen Frevel, den Worten der Schlange Folge zu leisten und Gott nicht gehorsam zu sein, nicht gewonnen, sondern verloren. Da dort der »Baum des Lebens« (Genesis 3,22) bzw. der »Baum der Unsterblichkeit« (Sure 20,120) steht, ist sein Leben nun zerbrechlich und zerstörbar geworden und er dem Tode geweiht, abgeschnitten von jenem ewigen Lebensstrom, den es nur im Paradies geben kann.
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