„Es scheint alles da zu sein. Sollte doch noch etwas fehlen, werde ich mich melden. Es wird allerdings ein paar Wochen dauern. Sie sehen ja selber, mein Schreibtisch ist voll.“
Mit diesen Worten deutet sie kurz auf das Chaos, welches sich auf der Tischplatte befindet. Ich muss zugeben, dass es wirklich ein Wunder ist, dass sie hier überhaupt noch einen Durchblick hat.
Mehr sagt sie nicht, sondern sieht wieder auf den Bildschirm ihres Computers, wo sie irgendetwas anklickt. Auf diese Weise entlässt sie mich. Allerdings muss ich zugeben, dass man das auch durchaus freundlicher machen könnte.
„Bye“, gebe ich nur von mir, drehe mich um und trete wieder auf den Flur hinaus.
Doch kaum habe ich das getan, merke ich, dass ich mit jemanden zusammengestoßen bin und höre, wie Bücher auf den Boden fallen.
Erschrocken sehe ich auf die Frau, mit der ich aneinander geraten bin. Einen Moment betrachtet sie mich, ehe sie sich bückt und beginnt, ihre Unterlagen zusammenzusuchen.
Sie ist ungefähr zwei Köpfe kleiner als ich, was aber nicht auffällt, da sie hohe Schuhe trägt. Ihr Körper steckt in einer engen Jeans und einem ebenfalls engem Shirt. Ihre leicht gewellten Haare fallen ihr ins Gesicht, allerdings kann ich genug davon erkennen, um festzustellen, dass es wunderschön ist. Und das, obwohl sie nicht einmal ansatzweise so viel Make-up trägt, wie es die meisten anderen Frauen tun, die sich um uns herum befinden.
Natalie
„Warte, ich helfe dir“, erklärt der Mann, mit dem ich zusammengestoßen bin. Noch bevor ich etwas von mir geben kann, bückt er sich in der nächsten Sekunde bereits, um nach einem der Bücher zu greifen.
All das geht so schnell, dass ich keine Ahnung, wie ich reagieren soll. In der einen Sekunde laufe ich noch den Flur entlang und in der nächsten hockt schon ein fremder Mann mit mir auf dem Boden, um mir mit meinen Büchern zu helfen.
In der Sekunde, in der ich nach einem weiteren meine Hand ausstrecke, will er es ebenfalls in die Hand nehmen, sodass wir beide es gemeinsam aufheben. Dabei berühren sich unsere Hände.
Ich spüre, wie ein Stromschlag durch meinen Körper fährt. Er sorgt dafür, dass ich zusammenzucke und ich kurz nicht klar denken kann. Mein Herz beginnt wie wild zu schlagen.
Dieses Gefühl reißt mich aus meiner Bahn. Ich war eindeutig nicht darauf vorbereitet.
Mit einem schüchternen Lächeln auf den Lippen sehe ich ihn an, nachdem ich meinen Kopf ein Stück angehoben habe. Wieso ich gerade so zurückhaltend bin, kann ich selber nicht so genau sagen. Vor allem aus dem Grund, weil ich das normalerweise nicht bin.
Als ich ihn nun genauer betrachte, erkenne ich auf den ersten Blick, dass er normalerweise nicht zu den Männern gehört, mit denen ich etwas anfangen würde. Und dennoch weckt er sofort Gefühle in mir, die ich so intensiv noch nie wahrgenommen habe. Doch schnell schiebe ich sie zur Seite.
Ich kenne ihn nicht, nicht einmal seinen Namen. Es ist das erste Mal, dass ich ihn sehe , rufe ich mir in Erinnerung. Und das sorgt schließlich dafür, dass ich mich wieder einigermaßen fassen kann.
„Du solltest nicht so viele Bücher auf einmal schleppen“, stellt er fest, nachdem er einen Blick auf den viel zu großen Stapel geworfen habe.
Nachdenklich werfe ich ebenfalls einen prüfenden Blick auf die zahlreichen Bücher, bevor ich mich wieder auf ihn konzentriere.
„Ich weiß“, gebe ich schließlich von mir. „Allerdings muss ich sie alle in die Bibliothek bringen und mein Wagen steht in der hintersten Ecke des Parkplatzes. Daher habe ich keine Lust, mehrmals zu laufen.“
Ich zucke mit den Schultern, sodass er lachen muss. Kaum nehme ich den Ton wahr, wende ich mich schnell wieder von ihm ab.
„Brad“, stellt er sich mir vor und nimmt ein paar der Bücher auf den Arm.
Langsam erhebt er sich zu seiner vollen Größen. Kurz lege ich meinen Kopf ein wenig in den Nacken und sehe ihm dabei zu. Doch bereits in der nächsten Sekunde reiße ich mich wieder zusammen und erhebe mich ebenfalls. Dann drehe ich mich zu ihm herum und sehe ihn wieder an.
„Natalie“, erwidere ich nun, nachdem sich mein Herzschlag wenigstens etwas wieder beruhigt hat.
„Ein schöner Name.“
Ich habe schon einige Komplimente bekommen. Meistens von Männern, die der Meinung waren, dass ich direkt mit ihnen ins Bett springe. Allerdings hat mir noch nie jemand gesagt, dass ich einen schönen Namen habe. Und ich gebe zu, dass mir das ein wenig imponiert.
„Und was studierst du?“, fragt er mich nun.
„Jura“, antworte ich gleichgültig.
Ich verziehe ein wenig das Gesicht, was aber nicht daran liegt, dass es mir peinlich ist. Sondern eher, weil ich nie wirklich Lust dazu hatte. Ich selber hätte mir eigentlich gerne eine andere Richtung ausgesucht, doch in diesem Punkt hatte ich kein Mitspracherecht.
„Das ist doch cool“, versichert er mir, als würde er meine Gedanken lesen können.
„Und du?“, wechsle ich nun das Thema, da ich mich nicht darüber unterhalten will. Allerdings würde ich gerne mehr über ihn erfahren. „Müsste ich raten würde ich sagen, dass du aussiehst, als würdest du dich für BWL oder etwas in diese Richtung interessieren.“
„Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich studiere nicht. Habe ich auch nie und werde es auch nicht machen. Dafür arbeite ich im Betrieb meiner Familie“, gibt er zurück.
Überrascht sehe ich ihn an. Doch dann bildet sich wieder das gleiche schüchterne Lächeln auf meinem Gesicht, wie vorhin auch schon.
„Ich hoffe, ich gehe nicht zu weit, aber wieso?“
Es hört sich jetzt vielleicht seltsam an, aber ich habe noch keine Person getroffen, die nicht studiert, oder studiert hat. Ich komme aus einer Familie, in der jeder ein abgeschlossenes Studium hat. Ein paar von ihnen halten sich daher schlauer als andere, was sie allerdings nicht sind, doch das ist wieder ein anderes Thema.
„Zeitverschwendung.“
Nun zuckt er mit den Schultern, sodass ich lachen muss.
Während wir zur Bibliothek kennen, unterhalten wir uns weiter.
Es tut gut, mich mit ihm zu unterhalten. Er schafft es, dass ich immer lockerer werde und es nicht lange dauert, bis es sich ganz normal anfühlt, mit ihm zu sprechen. Vor allem vergesse ich aber auch schnell, dass ich ihn eigentlich überhaupt nicht kenne.
„Wir sind da“, verkünde ich schließlich und zeige dabei auf die große Eingangstür.
Nachdenklich sieht er in die entsprechende Richtung und dreht sich dann wieder zu mir.
„Wie wäre es, wenn wir diese Unterhaltung heute Abend weiterführen?“
Kaum hat er ausgesprochen, macht sich Aufregung in mir breit. Bis jetzt hätte ich nicht gedacht, dass ein Mann wie er mich wirklich um ein Date bittet. Und dennoch hört es sich so an, als hätte er genau das getan.
„Gerne“, antworte ich und gebe damit das erste Wort von mir, welches mir durch den Kopf geht.
„Dann brauche ich deine Adresse.“
Schnell gebe ich ihm diese. Dann lehnt er sich ein Stück nach vorne und drückt mir einen Kuss auf die Wange.
„Ich freue mich schon“, verkündet er schließlich gut gelaunt und verschwindet in der Menge.
Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen habe. Doch dann lächle ich unbewusst und gehe in die Bibliothek, um endlich die Bücher abgeben zu können.
Brad
Immer wieder schlage ich schon seit einer Stunde auf den Boxsack ein. Ich gebe zu, dass ich in den letzten Tagen nicht so eine Energie hatte, wie ich sie nun besitze. Um genau zu sein war das nicht mehr der Fall, seitdem ich dieses Gespräch mit dem Geschäftspartner meines Vaters geführt habe.
Die kurze Unterhaltung mit dieser Frau hat mir meine Energie jedoch wiedergegeben, worüber ich froh bin.
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