Es war wieder einer dieser nicht enden wollenden Tage in der Praxis gewesen. Das ewige Gejammer der Patienten: »Bitte, Frau Doktor, da, bitte, Frau Doktor, dort. Bitte, die sind alle so gemein zu mir. Ich bin so arm.« Der übliche Mist eben.
Nur wenige Fälle waren wirklich noch in der Lage, ihr Interesse zu wecken. Warum versuchte sie eigentlich, Menschen zu therapieren, deren Verhalten etwas von der sogenannten Norm abwich, wo es doch gerade diese kleinen Abweichungen waren, die soviel geben konnten, soviel Lust bereiten konnten und den Horizont weit nach hinten zu schieben vermochten.
Nur weil manche einen kleinen Knacks in ihrem Inneren vermuteten, kamen sie gleich zur Therapie, weil es ihr Wunsch war, genau so öde und langweilig zu werden wie die restlichen fünfundachtzig Prozent. So ein Schwachsinn. Diese armen Tröpfe, würde Schopenhauer vermutlich sagen. Ein geknebeltes Schmunzeln zeigte sich auf ihren Lippen.
Unvermittelt schnitt ein Geräusch das sie nicht zuordnen konnte stählern durch die Luft. Nur ihr Unterbewusstsein hatte es registriert. Hatte es sich angehört, wie wenn eine Klinge aus einer Scheide gezogen wurde?
Ihr Gegenüber lachte.
Ihr gerade noch vor Lust triefender Körper wurde von Panik erfasst. Geriet das Spiel, so wie sie es sich vorgestellt hatte, außer Kontrolle? Spielte ihre Peinigerin womöglich ein ganz anderes? Vielleicht war diese Patientin, die an diesem Tag erst zum dritten Mal gekommen war, ja doch wegen eines schwerwiegenderen mentalen Defekts gekommen, den sie ihr gegenüber noch nicht angesprochen hatte? Womöglich war sie eine Massenmörderin, die wahllos Therapeutinnen niedermetzelte, um ein bereits lange überfälliges Exempel gegen die überhöhten Stundensätze zu setzten, um die Leichen dann zu zerstückeln und an die Hunde zu verfüttern? Panik, Panik, Panik.
Sie zerrte an den Seilen, wand ihre Gelenke in der stählernen Umklammerung, schrie in den Knebel so laut sie konnte, als sich ein Seil um ihren Hals legte.
»So, meine Liebe«, sagte die Stimme und Denise sah trotz ihrer verbundener Augen ein dämonisches Grinsen.
»Hast du schon mal versucht, in einem Bodystocking zu pinkeln?«, fragte Nicola.
»Hm ...«, war vom entfernten Ende der Leitung zu hören.
Immer diese philosophischen Fragen auf nüchternen Magen; und was zur Hölle war ein »Bodystocking«?
»Da du ja an deinem gesamten Körper das Gewebe spürst – außer im Schritt –, denkt dein Körper natürlich, er sei angezogen, und die instinktiven Reflexe eines halbwegs normalen Erwachsenen versuchen so eine Peinlichkeit natürlich zu verhindern. Es ist ein Kampf zwischen Gehirn und Gefühl, wenn du weißt was ich meine.«
Nein, weiß ich nicht. Und was um Himmels willen soll ein halbwegs normaler Erwachsener sein? Gibt’s den überhaupt? Hier? In Europa?
»So hat es mir zumindest mein Model erzählt, als wir die Bondage-Fotos gemacht haben.«
»Ist ja interessant«, bemerkte Birgit gelangweilt. Aber was zum Henker war »Bondage«?
»Ja, stundenlang hab’ ich die Arme gequält, um einen Gesichtsausdruck zu bekommen, der dem einer unterworfenen, gedemütigten und gequälten Frau entspricht. Und gequält hab’ ich sie, so wahr meine Mutter ein Verhältnis mit dem Papst hat. Mit gefesselten Armen und Beinen, in den unterschiedlichsten Positionen, hab’ ich sie unter dem heißen Studiolicht schmoren lassen. Sie erklärte mir, normalerweise mache sie Bondage nur, wenn auch eine Aussicht auf einen anschließenden Höhepunkt bestehe, doch bei meinen beruflichen Shootings geht es nun mal professionell zu – ohne Ausnahme. Nach viereinhalb Stunden knotete ich dann noch ein Schrittseil, das von ihrer Taille über ihre Scham lief, an die am Rücken gefesselten Hände. Da konnte sich die Gute nicht mehr halten. Der Knoten im Seil, der auf ihrer empfindsamsten Stelle lag, war sofort pitschnass. Schließlich begann sie mit ihren Armen zu zerren, damit der Knoten über ihre Klit rieb. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich das geile Stück selbst so in Stimmung gebracht, dass sie nur noch stöhnte und bald erschöpft zusammenbrach.«
»Hört sich ja unglaublich an. Hast du davon auch einen Film gemacht?«, fragte Birgit, um Interesse vorzuheucheln.
»Ich bin Fotografin, keine Filmemacherin, aber anschließend hat’s mir Leid getan. Ich hätt’ zumindest meine kleine Videocam mitlaufen lassen können. Na ja, auf jeden Fall hab’ ich, während sie sich selbst einen Orgasmus bescherte, immer mit der Kamera draufgehalten und die Bilder sind einfach traumhaft schön geworden. Sie strahlen so eine Ruhe und Zufriedenheit aus. Sie sieht darauf einfach nur glücklich aus. Gut, meine Idee von Bildern mit gedemütigten Gesichtsausdruck hab’ ich natürlich vergessen können.«
»Du bist ja so arm, wenn ich mal mehr Zeit hab’, werd’ ich dich bedauern«, feixte Birgit.
»Der G-Punkt ist der: Ich hab’ mir schon gedacht, ich könnt’ sie einmal nur privat zu mir einladen und dann könnten wir ein bisschen spielen, so wie sie’s gern tut. Wenn du Lust hast, könntest du ja auch kommen«, grinste Nicola in den Hörer.
»Apropos kommen«, versuchte Birgit das Thema zu wechseln. »Das letzte Mal, als ich kam, war das nicht bei meinem Mann«, bemerkte sie sofort ihren Fauxpas.
»Hey, cool! Lass hören! Hast du’s dir auch selbst besorgt«, schnatterte die Fotografin euphorisch.
»Nein, natürlich nicht«, war Birgit nun dieser gescheiterte Themenwechsel mehr als peinlich. Verlegene Röte stieg ihr ins Gesicht. »Das heißt ... irgendwie schon ... aber es war keine Absicht.«
Nicola schüttelte sich vor Lachen. »Oh, ist dir das jetzt unangenehm?«
»Nein, überhaupt nicht«, schnellte Birgit hervor.
Nicola versuchte ihr amüsiertes Lachen unter Kontrolle zu bringen.
»Nein, wirklich«, begann Birgit »ich hab’ für meine Vernissage eine Performance ausprobiert und da ist es passiert«, meinte sie entschuldigend.
»Ich bin nicht Gott, nicht der Papst und auch nicht deine Schwiegermutter. Vor mir brauchst du dich nicht zu rechtfertigen.«
»Aber vor mir«, kam es spontan aus dem Telefonhörer.
»Was sagt denn Tobias dazu?«
»Der ... weiß natürlich nichts davon, was denkst du denn?« Nervös trat sie von einem Bein auf das andere.
»Also, was hast du denn gemacht, du unanständiges Mädchen?«, mokierte sich Nicola mit gespielter Autorität.
Birgits Gesicht leuchtete bereits in einem nachhaltigen Zinnober. »Gar nichts. Als ich gerade im Arbeitszimmer saß – ich hätte eigentlich eine Psychologiestunde vorbereiten sollen – ließ ich meinen Blick durch den Garten wandern. Die Obstbäume, der Grillplatz, der kleine Brunnen, das Jaccuzzi ... und beim Gemüsegarten bin ich dann zwischen den Gurken und Zucchinis hängengeblieben.«
»Mit deinen Schamlippen?« Nicola quietschte vor Vergnügen.
»Diese großen, fleischigen Dinger ... Jedenfalls, so hab’ ich mir gedacht, wäre es eine nette Idee für meine Ausstellungseröffnung und mal was ganz anderes. Also hab’ ich mir kurzerhand eine Gurke geholt, eins von Tobias’ Kondomen drübergezogen und hab’ sie mir reingeschoben, und der Rest ... der hat sich dann ergeben. Ich konnte nicht anders, es ist einfach passiert.«
Die Fotografin krümmte sich vor Lachen. »Oh, du Arme!
Jetzt werd’ ich dich gleich bedauern«, drang es schadenfroh an Birgits Ohr.
»Ich kann nichts dafür, verdammt noch mal!«, schrie sie genervt. »Das Gemüse hat Tobias einfach ausgebremst.«
»Ich kann nichts dafür, dass ich mir eine Gurke reingeschoben hab’«, äffte Nicola. Warum kann sie nicht zu dem stehen, was sie tut? Wenn’s ihr gefällt.
»Als ich das Präservativ dann von der Gurke nahm, ist mir aufgefallen, dass auf Tobias’ Kondomen eine Aufschrift steht. Sind vermutlich Werbegeschenke von der Ärztekammer.«
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