
Das sind die zwei kleinsten Mitglieder der chinesischen Akrobatentruppe >Familie Bambus< vom Zirkus >Stilke<. Sie heißt Tschin Tschin und er Wu Fu. Beide sind etwa fünfzig Zentimeter groß und miteinander verheiratet. Aber eigentlich heißen sie Pichelsteiner, stammen aus Pichelstein im Böhmerwald und sind gar keine Chinesen. Das böhmische Dorf Pichelstein ist aus drei Gründen berühmt: Alle Einwohner sind von winzigem Wuchs. Alle heißen Pichelsteiner. Und alle sind hervorragende Geräteturner.

Das ist Tschin Tschins und Wu Fus Sohn. Er heißt Mäxchen Pichelsteiner, wird der kleine Mann genannt und schläft, weil er nur fünf Zentimeter misst, in einer Streichholzschachtel. Mit sechs Jahren verliert er seine Eltern. Sie werden während eines Sturms vom Eiffelturm geweht. Zwei Wochen später fischt ein portugiesischer Dampfer ihre beiden schwarzen Chinesenzöpfe aus dem Atlantischen Ozean. Die Zöpfe werden in einem Elfenbeinkästchen von den Zirkusleuten feierlich begraben. Und Mäxchen ist sehr, sehr unglücklich.

Das ist Professor Jokus von Pokus, der Zauberkünstler des Zirkus. Er behütet und erzieht den kleinen Mann und bringt ihm Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Das ist bei einem fünf Zentimeter kleinen Jungen sehr kompliziert. Nachts steht die Streichholzschachtel mit Mäxchen auf dem Nachttisch des Professors. Emma und Minna schlafen auf dem Schrank und Alba, das weiße Kaninchen, in einem Spankorb. Emma und Minna sind keine Dienstmädchen, sondern Lachtauben, die, genau wie das Kaninchen, dem Professor beim Zaubern helfen.

Das ist der Schöne Waldemar, von Beruf Schaufensterpuppe, bis ihn der Jokus kauft. Warum? Weil Mäxchen, so winzig er ist, Artist werden möchte. Der Jokus hat den rettenden Einfall: Er wird Mäxchen zum ersten unsichtbaren Artisten machen! Deshalb muss der Knirps monatelang auf dem Schönen Waldemar klettern und turnen, bis er alle Kunststücke beherrscht, die für eine sensationelle Zirkusnummer notwendig sind. Den Titel dafür haben sie schon: >Der große Dieb und der kleine Mann<.

Das sind der dicke Herr Mager und der Rechtsanwalt Dr. Hornbostel. Sie stehen, ohne Krawatte, Schnürsenkel und Hosenträger, in der Manege und sind vom Jokus und mit Mäxchens unsichtbarer Hilfe ratzeputzekahl ausgeraubt worden, ohne dass sie’s gemerkt hätten. Natürlich kriegen sie alle dreißig Gegenstände wieder. (Auf Seite 79 im ersten Band sind sie genau aufgezählt.) Das Publikum lacht sich halb tot. Und als der Jokus zum Schluss Mäxchen herumzeigt, nimmt der Jubel kein Ende. Der Professor und sein Zauberlehrling werden über Nacht berühmt.

Das ist Mäxchens Wohnung nach Maß, ein Geschenk des Königs Bileam von Bre-ganzona. Nun badet der Junge in einer Badewanne statt wie bisher in des Professors Seifenschale. Ja, der Ruhm hat angenehme Seiten. Der Turnverein Pichelstein (T.V. 1872) ernennt Mäxchen zum Ehrenmitglied. Und eine Spielzeugfirma verkauft Streichholzschachteln, worin Puppen liegen, die wie Mäxchen aussehen. - Als der Jokus eines Tages ins Hotel kommt, liegt nicht Mäxchen in der alten Streichholzschachtel, sondern eine Puppe! Der Junge ist gestohlen worden!

Das sind Bernhard und der Kahle Otto, zwei wüste Zeitgenossen. Sie sind Mitglieder einer internationalen Bande, haben den kleinen Mann in einem leeren Haus versteckt, bewachen ihn abwechselnd, warten auf weitere Befehle und ärgern sich, dass sie Kindermädchen spielen müssen. Mäxchen weiß nicht, wo er ist. Doch in einem ist er besser daran als der Jokus und Rosa Marzipan und die Kriminalpolizei und alle Übrigen: Er weiß, dass er noch lebt! Jokus von Pokus hat eine Belohnung von 50000 Mark ausgesetzt. Auch das hilft nichts.

Das sind Rosa Marzipan und der Jokus im >Goldenen Schinken<. Er hat anderthalb Tage nicht geschlafen und nichts gegessen. Nicht einmal die hübsche Rosa, eine Trampolinspringerin aus dem Zirkus, kann ihn trösten, als sie sagt: »Hier kann nur einer helfen, Mäxchen selber!« Und sie behält Recht. - Mäxchen beginnt in dem leeren Haus aus Leibeskräften zu brüllen, als habe er Magenkrämpfe. Der Kahle Otto stürzt in die Apotheke, um Baldriantropfen und, bei dieser Gelegenheit, für sich eine Flasche Schnaps zu holen. Die Türen hat er abgeschlossen. Aber die Streichholzschachtel ist trotzdem leer. Denn Mäxchen hat auf Ottos Rücken das Haus verlassen, ist aufs Gartentor gesprungen und sucht Hilfe.

Das ist Jakob Hurtig, der Junge aus dem Erdgeschoss gegenüber. Er spuckt Kirschkerne auf die Kickelhahnstraße und wird von jemandem gerufen und beschimpft, den er nicht sieht. Er rennt wütend hinüber und erkennt den kleinen Mann, der seit Tagen gesucht wird! Sie verständigen Kriminalkommissar Steinbeiß. Und als der Kahle Otto mit den Baldriantropfen (und dem Schnaps) zurückkommt, werden er und Bernhard verhaftet. - Am Abend vertilgt der Jokus vor Freude zwei Schnitzel. Mäxchen sitzt auf dem Tisch und berichtet seine Abenteuer. Der Hoteleingang muss abgesperrt werden. Die ganze Stadt jubelt, dass der kleine Mann gerettet worden ist.
So, wertgeschätzte Leser,
dies war der Versuch, die Nochnichtkenner durch zehn Bilder ins Bild zu setzen. Wem das nicht genügt, der kann sich ja den ersten Band nachwünschen. Schließlich hat jedes Kind jedes Jahr Geburtstag, und auch das mit Recht beliebte Weihnachtsfest findet alljährlich statt.
Ist euch übrigens aufgefallen, dass es gar nicht zehn Bilder sind? Zählt einmal nach! Es sind nur neun! Herr Lemke und ich wollten ausprobieren, ob ihr gut aufpasst. Man muss nicht alles blind glauben. Nicht einmal so netten Leuten wie den Herren Lemke und Kästner. Doch ab jetzt wird nicht mehr gemogelt.
Ab jetzt erzähle ich schlankweg, was alles nach der Verhaftung der zwei Halunken passierte. Man hatte sie ins Untersuchungsgefängnis gebracht, und jeder saß, vom anderen hübsch getrennt, in einer Einzelzelle. Bernhard starrte verkniffen an die leere Wand. Aber der Kahle Otto hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. »Ich will meine Flasche Schnaps wiederhaben!«, brüllte er. »Ihr habt sie mir aus der Hand gekloppt! Das ist gegen sämtliche Menschenrechte!«
Da öffnete sich das Guckfenster in der Zellentür, und ein Gefängniswärter fragte unfreundlich: »Wen oder was wollen Sie wiederhaben?«
»Meine Flasche Schnaps!«, schrie der Kahle Otto.
»Sie sind wohl nicht ganz bei Troste«, brummte der Beamte. »Hier wird gesessen und nicht gesoffen.«
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