»Nein, mein Kleiner.«
»Pfui Spinne! Und du willst mein väterlicher Freund sein? Sechsundzwanzig.«
»Was heißt hier sechsundzwanzig?«
»Der sechsund... , schon wieder einer: der siebenundzwanzigste Tunnel.«
Es schneite dicke Flocken. Man konnte Gletscher sehen. Und zu Eis erstarrte Wasserfälle. Es ging stampfend bergan. Immer höher. >Göschenen< stand an einem Bahnhof. Und schon wurde es von neuem dunkel.
»Jetzt fahren wir durch den Sankt Gotthard«, erklärte der Professor. »Mindestens zehn Minuten lang. Und wenn wir drüben in Airolo wieder aus dem Berg herauskommen, scheint die Sonne.«
»Bist du sicher?«
»Nein.«
Trotzdem behielt der Jokus Recht. Als sie zehn Minuten später aus der Finsternis auftauchten, mussten sie vor lauter Sonnenschein erst einmal die Augen zukneifen. Der Himmel schimmerte blitzblau. Die Reisenden strahlten. Und der Zug selber freute sich auch. Denn nun ging es endlich bergab. Tiefer und tiefer. Schneller und schneller. Bunt bemalte Häuser sausten vorbei. Auf den Balkonen wiegte sich Wäsche, die in der Sonne trocknen sollte.

Die Bahnhöfe hatten italienisch klingende Namen. Alles hatte sich geändert. Nur Tunnels gab es noch immer.
»Dreiundvierzig«, sagte Mäxchen. »Seit Zürich dreiund... Nein, vierundvierzig.« Denn schon wieder ratterten sie durch eine halbe Minute Finsternis.
»Verzähle dich nicht«, meinte der Jokus amüsiert. »Sonst müssen wir nach Zürich zurück und die Fahrt wiederholen.«
»Mach keine Witze, sonst verzähle ich mich wirklich.« Es wurde wieder dunkel. Es wurde wieder hell. »Fünfundvierzig«, stellte Mäxchen fest.

Der Zug brauste durch die Ebene. Man sah grüne Hecken mit roten Beeren. Die ersten Zypressen und Palmen tauchten links und rechts von den Gleisen auf. An einem großen Umladebahnhof hing das Schild >Bellinzona<. Und als der Schaffner nach einer Weile durch die Waggons ging und ausrief: »Die nächste Station ist Lugano. Wir halten nur eine Minute!«, da steckte der Professor den kleinen Mann in die Brusttasche und stand auf.
»Das ist das ganze Geheimnis?«, fragte Mäxchen enttäuscht. »Wir steigen in Lugano aus? Aber wieso ist das denn geheimnis-
voll?« Der Jokus wollte antworten. Doch es kamen noch ein paar Tunnels, und Mäxchen war vollauf mit Zählen beschäftigt.
Dann hielt der Zug. Draußen rief jemand: »Lugano! Beim Aussteigen, bitte, beeilen!« Sie beeilten sich also. Es ging überhaupt sehr eilig zu. Kaum dass der Jokus auf dem Bahnsteig stand, breitete er auch schon die Arme aus, und kaum dass er die Arme ausgebreitet hatte, fiel ihm auch schon eine junge blonde Dame um den Hals. »Vorsicht«, warnte er, »zerdrücke Mäxchen nicht!«
Der Kleine lachte. »Lasst euch nicht stören. Mich stört’s auch nicht. Marzipan ist ja weich.«
Vorm Bahnhof stiegen sie in ein Auto, und das Marzipanfräulein setzte sich hinter das Steuer. »Wieso?«, fragte Mäxchen verwundert. »Ist das ein Mietwagen?«

»Nein. Er gehört uns«, antwortete der Jokus. »Jedem gehört ein Drittel. Welches Drittel möchtest du haben?«
Aber Mäxchen schwieg. Sie waren nach Zürich geflogen. Warum? Um nach Lugano zu fahren. Wozu? Weil Rosa auf dem Bahnsteig wartete. Weshalb? Um in ein Auto zu steigen, wovon ihm ein Drittel gehörte. Und jetzt? Jetzt fuhren sie durch eine hübsche Stadt, die Lugano hieß, über einen hübschen Platz, in dessen Mitte ein riesiger Christbaum stand, an einem hübschen See und hübschen Hotels entlang. Wohin? Vor welchem Hotel würden sie halten?
Aber sie hielten vor keinem der Hotels. Sie durchquerten die Stadt und fuhren einen der Hügel hinauf, die den See umkränzten.. An Villen und Gärten vorüber. Durch Kastanienwälder und durch Dörfer mit Kirchen, Friedhöfen, Schulen, Konsumläden, Kneipen und Tankstellen. Die Straßen wurden schmäler. Sie waren nicht mehr asphaltiert. Das Auto hoppelte wie ein Kaninchen. Doch dann, ganz unerwartet, bog es in einen Wiesenweg ein und hielt vor einer weißen Mauer. Neben der Einfahrt war ein Schild angebracht. >Villa Sorgenklein<, las Mäxchen.
Rosa Marzipan sperrte das Tor auf, fuhr mit dem Wagen über den knirschenden Kies bis zur Garage, stieg wieder aus und sagte lächelnd: »Herzlich willkommen! Wir sind zu Hause.«
Das also war das Geheimnis. Deshalb hatte Rosa eine alte Tante besucht, obwohl sie gar keine Tante hatte. Deswegen hatten sie den kleinen Mann angeschwindelt. Es sollte eine Überraschung sein, und das war es ja auch.
Mäxchen betrachtete die schöne ockergelbe Villa mit den grünen Fensterläden und meinte: »Ich bin platt.« Und nachdem sie über den Rasen, zwischen den Bäumen und Beeten, bis zur Terrasse spaziert waren, von der aus man, tief unten, den Luganer See und, überm anderen Ufer, den Monte Bre und den San Salvatore mit ihren Seilbahnen sah, sagte Mäxchen, nach einer Schweigeminute, sogar: »Ich bin total geplättet.« Das war das höchste Lob, das er kannte, und er ging damit sehr sparsam um.
Die Villa >Sorgenklein< war weder zu klein noch zu groß. Sie hatte Platz für die dressierten Tauben Emma und Minna, für das weiße Zylinderkaninchen Alba und den Schönen Waldemar. Es gab, von den Schlaf- und Schrankzimmern abgesehen, ein Wohnzimmer mit hohen, breiten Fenstern und eine Küche, worin man nicht nur kochen und braten, sondern auch, wenn man wollte, in aller Gemütlichkeit essen konnte.
Sie hatten Appetit. Sie aßen. Es war gemütlich. Emma und Minna pickten Körner. Alba knabberte Chicoree. Die drei Hausbesitzer verzehrten Wiener Schnitzel und goldgelbe Bratkartoffeln. Mäxchen aß an einem kleinen Tisch auf dem großen Küchentisch und erfuhr, während es allen schmeckte, alles, was er noch nicht wusste. (Fast alles.)
Der Jokus, erfuhr er, habe die Villa in aller Heimlichkeit gekauft. Rosa habe das leere Haus, während er und Mäxchen in Breganzona gewesen waren, mit schönen alten Möbeln eingerichtet und dabei drei Pfund und siebzig Gramm abgenommen. Das seien eintausendfünfhundertundsiebzig (1570) Gramm, und sie, Rosa, denke nicht im Traum daran, diese Abmagerungskur fortzusetzen.
»Andere Frauen sind heilfroh, wenn sie dünn werden«, sagte der Jokus zu Mäxchen und zwinkerte.
Rosa erklärte: »Ich bin aber keine andere Frau.«
»Da hat sie, glaube ich, Recht«, sagte Mäxchen zwinkernd zum Jokus. »Außerdem weiß sie, dass du runde Damen liebst. Vielleicht sollten wir sie mästen.«
Der Professor nickte. »Ein guter Vorschlag.«
»Mit >Leichsenrings Kraftfutter