»Trotzdem begreife ich nicht, was Sie da unten in dem Sumpf wollen.«
Lord John sah mich fragend an und zögerte einen Moment lang, bevor er antwortete.
»Nicht nur Professoren sind von Forscherdrang beseelt, mein lieber Malone«, sagte er schließlich. »Ich will mir diese reizenden Tierchen etwas genauer ansehen, und das sollte Ihnen genügen.«
»Verzeihen Sie, ich wollte nicht aufdringlich sein«, sagte ich hastig.
In dem Moment fand Lord John wieder zu seiner sonst üblichen guten Laune zurück, und er lachte.
»Schon gut, Malone. Ich will eines von den Biestern - ein ganz junges natürlich - für Challenger fangen. Das ist ein weiterer Grund. Nein, Sie sollen mich nicht begleiten. Also - bis dann. Bei Einbruch der Dunkelheit bin ich wieder zurück.«
Damit schlüpfte er wieder in seine Rüstung und marschierte weiter.
Wenn Lord Johns Betragen merkwürdig gewesen war, so konnte man das von Professor Challengers Betragen erst recht behaupten. Ich muß an dieser Stelle erzählen, daß er offensichtlich eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die indianischen Frauen ausübte und deshalb immer mit einem Palmenwedel bewaffnet war, mit dessen Hilfe er sie wie lästige Fliegen verscheuchte.
Ich werde nie vergessen, wie er an jenem frühen Morgen wie ein Operettensultan einherstolzierte, das Zeichen seiner Würde in der Hand, den Bart gesträubt, die Fußspitzen bei jedem Schritt gerade nach vorn gerichtet und einen Schwarm von Indianerfrauen mit großen, glühenden Augen und spärlichen Gewändern aus Baumrinde hinter sich her. Alle paar Meter fuhr er herum und zischte wie ein erboster Gänserich, aber ohne Erfolg.
Und Professor Summerlee, von diesem morgendlichen Spaziergang seines Kollegen völlig unbeeindruckt, saß am Rande des Geschehens und widmete sich der Betrachtung von Insekten und Vögeln, einer Beschäftigung, mit der er den Tag verbrachte, wenn er nicht gerade Challenger Vorwürfe machte, weil dieser immer noch keine Möglichkeit gefunden habe, diesen Zwangsaufenthalt zu beenden.
Challenger war in den letzten Tagen allmorgendlich allein weggegangen und meistens mit der gewichtigen Miene eines Mannes zurückgekommen, der die ganze Last der Verantwortung allein auf den Schultern trägt. Eines Morgens forderte er uns auf, mitzukommen. Den Palmenwedel in der Hand, den Schwarm von Anbeterinnen auf den Fersen, führte er uns zu seiner verborgenen Werkstatt und weihte uns in seine Pläne ein.
Der Schauplatz war eine kleine Lichtung inmitten eines Palmenhains. Hier befand sich jener brodelnde Schlammgeysir, den ich schon beschrieben habe. Daneben lag eine Anzahl von Riemen, die aus einer Iguanodonhaut geschnitten waren, und ein großer Sack - der getrocknete Magen einer Fischechse, wie sich herausstellte. Der Sack war am einen Ende zugenäht, am anderen war eine kleine Öffnung gelassen worden. In dieser Öffnung steckten mehrere Bambusrohre, deren anderes Ende Challenger jetzt in die trichterförmigen Vertiefungen bohrte, aus denen das Gas des Geysirs austrat.
Es dauerte nicht lange, dann glätteten sich die schlaffen Wände des Sacks und schwollen an. Als es den Anschein hatte, als wolle der Sack in die Höhe schweben, band Challenger die Riemen, die daran befestigt waren, wie ich jetzt erst merkte, an Baumstämmen fest. Innerhalb von etwa dreißig Minuten hatte sich ein stattlicher Gasballon gebildet. Der Zug an den Riemen ließ erkennen, daß der Auftrieb beachtlich war.
Challenger stand stolz lächelnd neben seiner Erfindung, strich sich wohlgefällig den Bart und war die Selbstzufriedenheit in Person.
»Sie wollen aber doch hoffentlich nicht von uns verlangen, daß wir mit dem Ding da davonfliegen sollen?« sagte Summerlee mit eisiger Stimme.
»Ich verlange gar nichts, werter Herr Kollege«, entgegne-te der Professor. »Ich will Ihnen lediglich vorführen, welche Kraft der von mir erdachte und gefertigte Flugkörper besitzt. Anschließend, daran zweifle ich keine Sekunde, werden Sie sich ihm bedenkenlos anvertrauen.«
»Das können Sie sich gleich aus dem Kopf schlagen, mein Lieber«, sagte Summerlee im Brustton der Überzeugung. »Keine zehn Pferde bringen mich dazu, eine solche Dummheit zu begehen. Lord John, ich nehme doch an, daß Sie einen derartigen Blödsinn nicht unterstützen.«
»Ein genialer Einfall«, sagte der Edelmann. »Ich bin wirklich gespannt, ob das System auch funktioniert.«
»Es wird funktionieren, da können Sie Gift darauf nehmen«, sagte Challenger. »Seit Tagen zerbreche ich mir den Kopf, wie wir von diesen Klippen wieder herunterkommen. Daß es keinen Tunnel gibt, der nach unten führt, und wir nicht hinunterklettern können, steht fest. Ebenfalls, daß wir keine Brücke zu der Zinne hinüber konstruieren können. Was also dann? Vor einiger Zeit habe ich unseren jungen Freund hier darauf aufmerksam gemacht, daß aus den Geysiren freier Wasserstoff ausströmt. Die Idee, einen Ballon zu konstruieren, war also naheliegend. Ich hatte einige Schwierigkeiten, das gebe ich zu, das Problem des Ballons selbst zu lösen, aber wie Sie sehen, habe ich auch diese Schwierigkeit überwunden. Köpfchen muß man eben haben. Hier das Resultat meines Denkprozesses.«
Er hakte den Daumen in einen Riß seines zerschlissenen Jacketts und deutete stolz auf seine Erfindung.
»Ein Hirngespinst ist das, weiter nichts«, maulte Summerlee.
Doch Lord John war begeistert. »Ein schlauer Fuchs, was?« flüsterte er mir zu und wandte sich an Challenger. »Und worin findet die Reise statt?« fragte er.
»Darum kümmere ich mich jetzt anschließend«, antwortete der Professor. »Die Pläne für Herstellung und Befestigung habe ich bereits im Kopf. Aber erst will ich Ihnen einmal beweisen, daß mein Flugkörper funktioniert.«
»Und uns alle miteinander in die Lüfte hebt?« fragte Summerlee spöttisch.
»Nein, jeden einzelnen, der Reihe nach. Wie an einem Fallschirm wird einer nach dem anderen von den Klippen schweben, und der Ballon wird dann mit Hilfsmitteln, die ich noch anfertigen muß, wieder nach oben gezogen. So, und jetzt ans Werk.«
Er rollte einen großen, in der Mitte eingekerbten Besaitbrocken herbei, an dem man leicht ein Seil befestigen konnte. Dazu benutzte er das Kletterseil, das wir mit aufs Plateau genommen hatten. Es war über hundert Fuß lang und zwar dünn, aber fest. Challenger hatte eine Art Lederkragen angefertigt, an dem zahlreiche Riemen befestigt waren. Diesen Kragen legte er auf die obere Hälfte des Ballons und band die Riemen unten zusammen, so daß sich der durch die Last entstehende Druck auf eine größere Oberfläche verteilte, dann wurde der Basaltbrocken an den Riemen festgebunden. Das freie Ende des Seils wickelte sich der Professor mehrmals um den Arm.
»Ich will Ihnen nun die Tragkraft meines Ballons demonstrieren«, sagte er mit einem Lächeln voll freudiger Erwartung und trennte mit einem Messer die zahlreichen Ankertaue durch.
Der prall gefüllte Sack schoß mit einem mächtigen Ruck in die Luft. Im gleichen Augenblick wurde Challenger von den Füßen gerissen und mit hochgezogen. Es gelang mir gerade noch, die Arme um seine nach oben entschwindende Taille zu schlingen, da wurde auch ich schon in die Lüfte entführt. Lord John packte mich mit hartem Griff um die Beine. Aber ich fühlte, daß auch er schon den Boden unter den Füßen verlor. Für einen Augenblick sah ich vor meinem inneren Auge vier Forschungsreisende wie eine Wurstkette über das Land dahinsegeln, das sie entdeckt hatten, aber zum Glück hatte wenigstens die Tragfähigkeit des Seiles ihre Grenzen, wenn auch die Auftriebskräfte dieser höllischen Maschine beängstigend waren. Es gab einen Knall, und wir lagen unter Seilschlingen auf dem Boden. Als wir uns wieder aufrappelten, sahen wir weit oben im tiefolauen Himmel einen schwarzen Fleck, wo der Basaltbrocken dahinsauste.
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