»Es sind Nanomaschinen«, schloss sie den Bericht an die versammelte Belegschaft ab. »Sie scheinen auf Metall programmiert zu sein. Vielleicht sind sie spezifisch auf Eisen programmiert, vielleicht auf Metall generell. Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass wir in großen Schwierigkeiten stecken.«
»Sie könnten alle Luken auffressen und den ganzen Komplex dem Vakuum aussetzen!«, sagte einer der Söldner.
»Genau daran arbeiten sie«, gestand Leeza ein.
Der Magazinverwalter, ein sanft blickender Mann mit sandfarbenem Haar und einem stilisierten blauen Wolfs-Tattoo auf der Stirn, meldete sich zu Wort:
»Sie kommen den Schacht herunter und nagen die luftdichte Luke an, richtig?«
»Richtig«, sagte Leeza.
»Und wenn sie die erste Luke geknackt haben, werden sie den Gang zur nächsten Luke entlangwandern?«
»Das wissen wir doch alle!«, blaffte eine Brünette in einem lindgrünen Overall. »Sie zerfressen alle metallischen Gegenstände.«
»Gut«, sagte der Logistiker, »wieso besprühen wir die Gänge und Luken nicht mit etwas Nichtmetallischem?«
»Besprühen?«
»Wir haben Sprühpistolen und keramische Fackeln, um Himmels willen. Wir beschichten jeden Quadratmillimeter blanken Metalls mit etwas Nichtmetallischem. Tragen es schön dick auf. Vielleicht wird das die Nanos stoppen.«
»Das ist doch lächerlich!«
»Vielleicht nicht.«
»Einen Versuch ist es wert.«
Leeza fand auch, dass es einen Versuch wert war. Und falls es wirklich nichts nützte, wären wenigstens alle vor der tödlichen Gefahr durch die Nanomaschinen abgelenkt.
Das Schiff ist optimal für den Einsatz gerüstet, sagte Dorik Harbin sich: kaum noch Treibstoff, keine Panzerung und knapp an Proviant.
Harbin saß auf dem Kommandantensitz auf der Brücke der Samarkand und richtete den Blick nun vom Hauptbildschirm auf das dicke Quarz-Bullauge, das links von ihm eingelassen war. Sie waren Chrysallis schon so nah, dass er das Habitat ohne Vergrößerung ausmachen konnte; der Kreis aus verbundenen metallbeplankten Modulen schimmerte schwach im Licht der fernen Sonne — ein winziger Funke menschlicher Wärme vor dem Hintergrund der kalten, stummen Finsternis des unendlichen Raums.
»Ich habe Kontakt mit Chrysallis , Sir«, sagte seine Nach-richtentechnikerin und drehte sich auf dem Sitz halb zu Harbin um.
»Hauptschirm«, befahl er.
Das Gesicht einer Frau erschien auf dem Schirm — asketisch schmal, mit hohen Wangenknochen, raspelkurzem Haar und schwarzen Mandelaugen voller Argwohn.
»Identifizieren Sie sich bitte«, sagte sie. Ihre Stimme klang höflich, hatte aber einen metallischen Unterton. »Wir empfangen keine Telemetrie-Daten von Ihnen.«
»Sie brauchen auch keine«, sagte Harbin und fuhr sich reflexartig mit der Hand durch den struppigen dunklen Bart. »Wir sind auf der Suche nach Lars Fuchs. Übergeben Sie ihn an uns, und wir werden Sie in Ruhe lassen.«
»Fuchs?« Die Verwirrung der Frau war echt. »Er ist nicht hier. Er ist im Exil. Wir würden ihn nicht …«
»Keine Lügen«, blaffte Harbin. »Wir wissen, dass Fuchs Ihr Habitat ansteuert. Ich will ihn.«
Ihr Ausdruck wechselte von Überraschung zu Verärgerung. »Wie sollen wir ihn überstellen, wenn er überhaupt nicht hier ist?«
»Wer hat bei Ihnen das Kommando?«, fragte Harbin schroff. »Ich will mit Ihrem Kommandeur sprechen.«
»Das wäre Big George. George Ambrose. Er ist unser Chef-Administrator.«
»Holen Sie ihn.«
»Er ist nicht hier.«
Harbins Kiefer mahlten. »Machen Sie Witze oder wollen Sie, dass ich das Feuer eröffne?«
Ihre Augen weiteten sich. »George ist auf der Elsinore . Er begrüßt eine wichtige Persönlichkeit von Selene.«
»Stellen Sie mich zu ihm durch.«
»Ich will's versuchen«, sagte die Frau missmutig.
Der Monitor wurde dunkel. »Hat sie mich rausgeschmissen?«, wandte Harbin sich an seine Nachrichtentechnikerin.
Die Technikerin zuckte die Achseln. »Vielleicht nicht absichtlich.«
Harbin war anderer Ansicht. Sie spielen auf Zeit. Wieso? Ob sie wissen, dass wir fast keinen Treibstoff mehr haben? Wieso schalten sie auf stur?
»Zeigen Sie mir die ums Habitat geparkten Schiffe«, sagte er laut.
Die Technikerin murmelte etwas ins Pin-Mikrofon an ihren Lippen, und der Hauptschirm erhellte sich. Chrysallis tauchte als ein Kreis in der Bildmitte auf. Harbin zählte elf Schiffe in konzentrischen Umlaufbahnen. Eins davon wurde als Elsinore , ein Fusions-Passagierschiff identifiziert. Bei den anderen schien es sich um Frachter, Erztransporter und Versorgungsschiffe zu handeln.
Wir werden uns den benötigten Treibstoff und die Vorräte von ihnen holen müssen, sagte Harbin sich. Wenn wir Fuchs gefunden haben.
Er rief das Manifest der Elsinore auf. Auf die Astro Corporation zugelassen. Gerade von Selene gekommen. Keine Ladung. Nur einen Passagier an Bord, eine gewisse Edith Elgin von Selene.
Von Selene, sagte er sich. Wer würde den Aufwand bezahlen, für nur einen Passagier ein Fusionsschiff von Selene nach Ceres zu entsenden? Lars Fuchs muss an Bord dieses Schiffs sein. Er muss dort sein. Der Passagier, der auf dem Manifest als Edith Elgin ausgewiesen ist, muss ein Deckname für Fuchs sein.
Es muss so sein.
Harbin erhob sich vom Kommandantensitz. »Übernehmen Sie das Kommando«, sagte er zum Piloten. »Ich bin gleich wieder zurück. Wenn der Chef-Administrator von Chrysallis anruft, mir sofort Bescheid sagen.«
Er schlüpfte durch die Luke und ging die paar Schritte zur Tür seiner Privatkabine. Sie werden Fuchs nicht freiwillig ausliefern, sagte Harbin sich. Sie wissen vielleicht, dass wir kaum noch Treibstoff und Proviant haben, oder ahnen es zumindest. Vielleicht wollen sie uns hinhalten. Sie könnten noch ein paar Astro-Kampfschiffe zu Hilfe holen.
Er schaute auf sein Bett. Wie lang ist es her, dass ich geschlafen habe, fragte er sich. Egal, sagte er sich mit einem Kopfschütteln. Ich habe keine Zeit zum Schlafen. Er ging am Bett vorbei auf die Toilette. Dort öffnete er den kleinen Schrank, in dem er seine Medikamente aufbewahrte. Ich muss voll präsent und bei wachem Verstand sein, sagte er sich. Er nahm eine Ampulle und setzte sie auf die Hypospritze. Dann krempelte er den Ärmel auf, setzte die Sprüh-Pistole auf die Haut und betätigte den Abzug.
Er spürte nichts. Auf zwei Beinen steht man besser. Er setzte noch eine Ampulle auf die Hypospritze und jagte sich die zusätzliche Dosis in den Blutkreislauf.
Big George ging mit Edith Elgin durch den Korridor zur Hauptluftschleuse der Elsinore , wo sein Raumboot angedockt hatte.
»Sie werden keinen Raumanzug brauchen«, sagte George. »Wir steigen direkt ins Shuttle um und werden dann an Chrysallis andocken. Eine unkomplizierte Reise.«
Edith lächelte. Sie fand diesen großen, urigen Hünen mit dem wilden ziegelroten Haar und Bart sympathisch. Er würde auf dem Video gut rüberkommen.
»Ich bin schon ganz gespannt, wie die Felsenratten leben«, sagte sie. Insgeheim machte sie sich Vorwürfe, weil sie es versäumt hatte, sich mit einer Microcam verkabeln zu lassen, die automatisch ihrer Blickrichtung gefolgt wäre. Du musst immer schussbereit sein, sagte sie sich. Du lässt dir eine gute Gelegenheit entgehen.
»Äh … es sind nicht viele ratties im Habitat. Größtenteils sind hier Büroangestellte und Ladenbesitzer. Die echten Felsenratten sind draußen im Gürtel bei der Arbeit.«
»Obwohl der Krieg weitergeht?«, fragte sie.
George nickte. »Keine Arbeit, kein Essen.«
»Aber ist das nicht gefährlich? Die Schiffe müssen doch mit Angriffen rechnen?«
»Sicher ist es das. Aber …«
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