»Heute abend gehe ich mit dir aus«, sagte er. »Ein Heisenberg-Abendessen.«
»Was ist das?«
»Ungewißheit«, antwortete er munter. »Wir wissen, wohin wir gehen, aber nicht, was wir essen werden. Oder umgekehrt.«
»Hört sich wundervoll an. Welcher Wagen?«
»Der Quantum, natürlich.«
»Ach du lieber Gott. Wir haben gerade den Tachometer richten lassen.«
»Und die Lenkung ist ausgeschlagen?«
»Pst! Sie funktioniert noch.«
»Bist du böse auf mich?«
»Hm. Wenn Vergil heute wieder etwas von dir will, soll er gefälligst während der Bürostunden kommen. Warum ist er überhaupt gekommen? Geschlechtsveränderung?« Der Gedanke brachte sie zum Lachen, und sie fing an zu husten. Er stellte sich vor, wie sie den Hörer vor sich hielt. »Tschuldige! Wirklich, Edward. Warum?«
»Ärztliche Schweigepflicht, mein Liebes. Ich bin übrigens selbst nicht ganz sicher, ob ich es weiß. Vielleicht später.«
»Muß jetzt gehen. Sechs Uhr?«
»Vielleicht halb sechs.«
»Da werde ich noch Hefte korrigieren.«
»Ich werde dich fortreißen.«
»Köstlicher Edward!«
Er machte einen unfeinen Schmatz in den Hörer, bevor er auflegte. Dann zupfte er den Zellstoff von seiner Wange, schritt zum Aufzug und ließ sich zum Frankenstein-Flügel hinauftragen.
Das Analysegerät war in Betrieb und ließ Hunderte von Proben Glas für Glas durch die Tests gehen. Edward setzte sich ans Ausgabegerät und rief Yergils Resultate ab. Zahlenkolonnen erschienen auf dem Bildschirm. Die Diagnose war ungewöhnlich vage. Anomalien erschienen in hellroter Schrift.
24 ccm Serum Zählung 10000 Lymphozyten/mm 3
25 ccm Serum Zählung 14000 Lymphozyten/mm 3
26 ccm Überprüfung 15000 Lymphozyten/mm 3DIAG(?) Von welcher Art sind begleitende kör perliche Anzeichen? Wenn Milz und Lymphdrüsen Vergrößerung zeigen, dann:
ReDIAG: Patient (Name? Akte?) im Spätstadium ernster Infektion.
Bekräftigung: Histaminzählung, Blutproteinspiegel, Phagozytenzählung.
DIAG(?) Blutprobe nicht überzeugend: Wenn Anämie, Gelenkschmerzen, Blutungen, Fieber:
ReDIAG: Beginnende lymphozytische Leukämie.
Einwand: Paßt nicht zum Gesamtbild, keine Unterstützung, außer durch Lymphozytenzählung.
Edward verlangte eine Papierkopie der Analyse, und die Ausdruckstation lieferte ein mit Zahlen bedecktes Blatt. Er überflog es stirnrunzelnd, faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seines Kittels. Die Untersuchung der Urinprobe zeigte relativ normale Werte; das Blut war anders als jede Probe, die er je hatte analysieren lassen. Er brauchte keine Stuhluntersuchung, um sich für eine Handlungsweise zu entscheiden: Der Mann mußte ins Krankenhaus und unter Beobachtung bleiben.
Wieder in seinem Arbeitszimmer, wählte er Vergils Nummer.
Beim zweiten Läuten meldete sich eine neutrale weibliche Stimme. »Bei Ulam.«
»Könnte ich bitte Vergil sprechen?«
»Wen darf ich melden?« Ihr Tonfall war fast übertrieben förmlich.
»Edward. Er kennt mich.«
»Natürlich. Sie sind der Arzt.« Eine Hand dämpfte das Mundstück, und er hörte sie etwas rauh rufen: »Vergil!«
Gleich darauf kam Vergil mit einem atemlosen »Edward! Was gibt es?« an den Apparat.
»Hallo, Vergil. Ich habe ein paar Ergebnisse. Nicht sehr schlüssig. Aber ich möchte hier im Krankenhaus mit dir sprechen.«
»Was sagen die Ergebnisse?«
»Daß du ein sehr kranker Mann bist.«
»Unsinn!«
»Ich sage dir bloß, was die Analyse aussagt. Hohe Lymphozytenzählung…«
»Selbstverständlich, das paßt genau…«
»Und eine ziemlich unheimliche Vielfalt von Proteinen und anderen Abfallstoffen, die in deinem Blut treiben. Histamine. Die Diagnose lautet, daß du wie einer aussiehst, der im Begriff ist, an einer ernsten Infektion zu sterben.«
Eine kleine Weile blieb es am anderen Ende still, dann sagte Vergil: »Ich sterbe nicht.«
»Ich meine, du solltest herkommen und dich von anderen untersuchen lassen. Und wer war das am Telefon — Candice? Sie…«
»Nein, Edward, ich ging zu dir, um Hilfe zu bekommen. Du weißt, was ich von Krankenhäusern halte.«
Edward lachte grimmig. »Vergil, ich bin nicht kompetent, um dieses Problem zu lösen.«
»Ich sagte dir, was es ist. Nun mußt du mir helfen, es unter Kontrolle zu bringen.«
»Das ist verrückt, das ist dummes Zeug, Vergil!« Edward ließ seine Hand auf den Oberschenkel fallen und kniff sich kräftig. »Entschuldige, ich nehme dies nicht gut auf. Ich hoffe, du verstehst, warum.«
»Ich hoffe, du verstehst, wie mir zumute ist. Ich bin wie in einem Rauschzustand, Edward. Und mehr als ein bißchen ängstlich. Und stolz. Ergibt das einen Sinn?«
»Vergil, ich…«
»Komm zu mir in die Wohnung! Laß uns reden und überlegen, was als nächstes zu tun ist!«
»Ich bin im Dienst, Vergil.«
»Wann kannst du herauskommen?«
»Die nächsten fünf Tage habe ich Dienst. Heute abend, vielleicht. Nach dem Abendessen.«
»Nur du, niemand sonst«, sagte Vergil.
»In Ordnung.« Er notierte die Strecke. Um nach La Jolla zu kommen, mußte er mit siebzig Minuten Fahrzeit rechnen; er sagte Vergil, daß er um neun dort sein würde.
Gail war schon zu Hause, als er kam und sich erbot, ein schnelles Abendessen zu bereiten. »Können wir die Einladung verschieben?«
Sie nahm die Nachricht von seiner Reise verdrießlich auf und sagte nicht viel, als sie ihm half, Kartoffeln für einen Kartoffelsalat zu Scheibchen zu schneiden. »Ich hätte gern, daß du einen Blick auf einige der Videos wirfst«, sagte sie mit einem Seitenblick, als sie beim Essen saßen. Ihre Klasse war seit einer Woche mit einem Projekt beschäftigt, das sie ›Videokunst‹ nannte; sie war stolz auf die Ergebnisse.
»Ist genug Zeit?« fragte er diplomatisch. Sie hatten vor ihrer Ehe einige harte Sträuße ausgefochten und waren nahe daran gewesen, sich zu trennen. Wenn neue Schwierigkeiten entstanden, neigten sie jetzt beide zu übermäßiger Vorsicht und scheuten offene Zusammenstöße.
»Wahrscheinlich nicht«, räumte sie ein. Sie spießte ein Stück rohe Zucchini auf. »Was ist diesmal mit Vergil?«
»Diesmal?«
»Ja, er hat es schon einmal gemacht. Als er für Westinghouse arbeitete und in diese Urheberrechtsgeschichte verwickelt war.«
»Er war freier Mitarbeiter für sie.«
»Ja. Was darfst du diesmal für ihn tun?«
»Ich bin nicht einmal sicher, worin das Problem besteht«, sagte Edward. Er war ausweichender als er wollte.
»Geheim?«
»Nein. Vielleicht. Aber unheimlich.«
»Ist er krank?«
Edward legte den Kopf schief und hob eine Hand: »Wer weiß?«
»Du willst es mir nicht sagen?«
»Nicht jetzt.« Edwards Lächeln, beschwichtigend gemeint, irritierte sie offensichtlich mehr, noch mehr. »Er bat mich darum, niemandem etwas zu sagen.«
»Könnte er dich in Schwierigkeiten bringen?«
Daran hatte er noch gar nicht gedacht. »Glaube ich nicht«, sagte er.
»Und um welche Zeit wirst du heute nacht zurückkommen?«
»So bald ich kann«, sagte er. Er streichelte ihr das Gesicht mit den Fingerspitzen. »Sei nicht böse«, bat er leise.
»O nein«, sagte sie mit Nachdruck. »Niemals das.«
Edward begann die Fahrt nach La Jolla in zwiespältiger Stimmung; wann immer er an Vergils Zustand dachte, hatte er das Gefühl, in ein anderes Universum einzutreten. Die Rollen waren vertauscht, und Edward hatte keine Ahnung, welchen Ausgang die Sache nehmen würde.
Er erreichte die Ausfahrt La Jolla und fuhr durch die Torrey Pines Road in die Stadt. Bescheidene und sehr kostspielige Einfamilienhäuser entlang den kurvenreichen und ansteigenden Straßen wetteiferten mit Reihenhäusern und mehrstöckigen Wohngebäuden um den verfügbaren Raum. Radfahrer und die allgegenwärtigen Jogger trugen bunte Trainingsanzüge, um die kühle Nachtluft abzuwehren. La Jolla war belebt von Spaziergängern und Sporttreibenden.
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