Seine ausführlich geplante Reiseroute war umständlich, aber sicher gewesen: von Bogota, in Kolumbien, über Rio de Janeiro nach Miami. In Rio hatte er Papiere und Identitäten wechseln wollen, um in Miami als brasilianischer Verleger auf dem Weg zu einer Buchmesse in New York einzutreffen. Aber ein Spitzel im amerikanischen Außenministerium hatte das Medellin-Kartell gewarnt, daß die Einwanderungsbehörde in Miami dringend alle verfügbaren Informationen über Miguel erbeten habe, vor allem solche über die diversen Identitäten, die er, soweit bekannt, in der Vergangenheit benutzt hatte.
Miguel war wirklich schon einmal unter dem Namen des brasilianischen Verlegers aufgetreten, und obwohl er davon ausging, daß diese Identität noch nicht aufgedeckt war, schien es ihm sicherer, Miami zu meiden. Er nahm deshalb eine gewisse Verzögerung in Kauf und flog von Rio nach London, wo er sich eine vollkommen neue Identität und einen druckfrischen, offiziellen britischen Paß zulegte.
Die Prozedur war höchst einfach.
Ach, diese unschuldigen Demokratien! Wie dumm und naiv sie doch waren! Wie einfach es war, ihre hochgerühmte Freiheit und das liberale System zu unterlaufen und zum Vorteil derer zu nutzen, die, wie Miguel, an keins von beiden glaubten.
Kurz bevor er London erreichte, hatte er erfahren, wie es gemacht werden mußte.
Zunächst ging er zum St. Catherine's House an der Kreuzung von Kingsway und Aldwych, wo Geburten, Heiraten und Todesfälle für England und Wales registriert werden. Dort beantragte Miguel drei Geburtsurkunden.
Wessen Geburtsurkunden? Von beliebigen Personen, deren Geburtsdatum genau oder zumindest annähernd mit dem seinen übereinstimmte.
Ohne jemanden zu fragen und ohne aufgehalten zu werden, nahm er fünf leere Antragsformulare und ging damit zu einer Reihe von Regalen, auf denen großformatige, mit Jahreszahlen versehene Bände standen. Miguel suchte sich das Jahr 1951 heraus. Der Band war in vierteljährliche Abschnitte unterteilt. Er blätterte zum vierten Quartal und den Buchstaben M bis R.
Sein Geburtsdatum war der 14. November dieses Jahres. Beim Durchblättern stieß er auf den Namen »Dudley Martin«, geboren am 13. November in Keighley, Yorkshire. Der Name schien geeignet, er war weder zu ungewöhnlich noch so auffallend alltäglich wie etwa Smith. Perfecto! Miguel trug die Angaben in das rotgedruckte Antragsformular ein.
Nun brauchte er noch zwei Namen. Er hatte vor, drei Pässe zu beantragen, wobei ihm zwei nur als Sicherheit dienten, falls mit dem ersten etwas schiefging. Es war ja immerhin möglich, daß auf den Namen Dudley Martin bereits ein gültiger Paß ausgegeben worden war. In diesem Fall würde kein neuer ausgestellt werden.
Er füllte zwei weitere Antragsformulare aus. Bewußt wählte er zwei Familiennamen, deren Anfangsbuchstaben im Alphabet weit von »M« wie Martin entfernt waren; der eine begann mit »B«, der andere mit »Y«. Miguel wußte, daß im Meldeamt verschiedene Angestellte verschiedene Buchstabengruppen bearbeiteten. Die weite Streuung der Buchstaben sorgte dafür, daß die drei Anträge von verschiedenen Personen bearbeitet wurden und so keine Ähnlichkeiten festgestellt werden konnten.
Während des Schreibens achtete Miguel darauf, daß er keines der Formulare, die er ausfüllte, berührte. Deshalb hatte er fünf Formulare mitgenommen; die beiden äußeren schützten die anderen drei vor seinen Fingerabdrücken, er würde sie später vernichten. Seit Berkeley hatte er gelernt, daß nichts, auch das sorgfältigste Wischen nicht, Fingerabdrücke vollkommen auslöschen konnte - mit modernsten Verfahren, dem Ninhydrin-Test oder dem Ion-Argon-Laser etwa, waren sie trotzdem zu identifizieren.
Als nächstes kam ein kurzer Gang zur Zahlstelle. Dort legte er seine Anträge vor, wobei er es auch weiterhin vermied, die drei ausgefüllten Blätter zu berühren. Der Kassierer verlangte fünf Pfund für jede Geburtsurkunde, die Miguel bar bezahlte. Er erfuhr, daß die Dokumente in zwei Tagen fertig seien.
In dieser Zeit verschaffte er sich drei Postadressen.
Aus Kelly's London Business Directory, dem Londoner Branchenbuch, schrieb er sich verschiedene Büroagenturen heraus, über deren unauffällige Adressen er seine Post laufen lassen konnte. Er besuchte nun eine dieser Agenturen und zahlte fünfzig Pfund, wiederum in bar. Eine Deckgeschichte hatte er sich bereits zurechtgelegt: Er eröffne eben ein kleines Geschäft und könne sich kein eigenes Büro oder eine Sekretärin leisten. Wie sich zeigte, stellte man keine weiteren Fragen. Er wiederholte den Vorgang noch bei zwei anderen Agenturen, und auch bei denen zeigte man sich alles andere als wißbegierig. Nun hatte er drei verschiedene Adressen für seine drei Paßanträge, und keine konnte zu ihm selbst zurückverfolgt werden.
Ein Fotoautomat lieferte ihm drei verschiedene Sätze Paßfotos, wobei er jedesmal sein Aussehen veränderte. Bei einem klebte er sich einen Vollbart an, beim zweiten war er glattrasiert und trug das Haar gescheitelt, und für das dritte setzte er sich eine dicke, auffallende Brille auf.
Tags darauf holte er seine drei Geburtsurkunden von St. Catherine's House ab. Wie schon beim ersten Mal fragte ihn keiner danach, wozu er sie brauche.
In einem Postamt hatte er sich bereits zuvor drei Passanträge geben lassen, wobei er wiederum darauf achtete, sie nicht zu berühren. Mit Plastikhandschuhen füllte er nun diese Anträge aus. Als Adresse der Antragsteller gab er jeweils eine der drei Agenturen an.
Jedem Antrag mußten zwei Fotos beigelegt werden. Auf dem Rücken des einen Fotos mußte eine »beruflich qualifizierte Person«, ein Arzt oder ein Anwalt etwa, die Identität des Antragstellers mit seiner Unterschrift bestätigen und außerdem versichern, daß er ihn bereits seit mindestens zwei Jahren kenne. Einem Rat folgend, schrieb und unterzeichnete Miguel diese Angaben selbst, wobei er seine Handschrift verstellte und Namen verwendete, die er wahllos aus dem Telefonbuch herausgesucht hatte. Mit selbstgefertigten Gummistempeln verlieh er Namen und Adressen mehr Glaubwürdigkeit.
Trotz der Warnung auf dem Antrag, daß diese Beglaubigungen überprüft würden, kam dies höchst selten vor, und das Risiko der Entdeckung war äußerst gering. Es gab einfach zu viele Anträge und zu wenig Personal.
Für diese »Identifikationsfotos«, die nicht in den Pässen auftauchten, sondern im Meldeamt aufbewahrt wurden, gab es noch eine Sonderbehandlung: Mit einem weichen Schwamm trug Miguel eine schwache Domestoslösung auf. Unter der Säureeinwirkung würden die Fotos ausbleichen, und nach zwei oder drei Monaten würden von Miguel und seinen drei Deckidentitäten keine Bilder mehr existieren.
Miguel schickte die drei Anträge, jeden mit einer Zahlungsanweisung über fünfzehn Pfund, mit der Post, obwohl er wußte, daß es mindestens vier Wochen dauern würde, bis die Pässe ausgestellt und zurückgeschickt waren. Die ermüdende Wartezeit nahm er um der erhöhten Sicherheit willen in Kauf.
In der Zwischenzeit schickte er mehrere, an sich selbst adressierte Briefe an seine drei Postadressen. Nach ein paar Tagen rief er bei den Agenturen an, fragte, ob Post für ihn eingetroffen sei, und teilte ihnen bei einer positiven Antwort mit, daß er sie von einem Boten abholen lasse. Dann suchte er sich irgendwelche Jungen von der Straße, gab ihnen ein paar Pfund und schickte sie zu den Agenturen. Bei ihrer Rückkehr achtete er sorgfältig darauf, daß sie nicht verfolgt wurden, bevor er mit ihnen wieder in Kontakt trat. Sobald die Pässe bei seinen Lageradressen eintrafen, wollte er sie auf die gleiche Weise abholen lassen.
In der fünften Woche kamen alle drei Pässe innerhalb weniger Tage an und konnten ohne Probleme eingesammelt werden. Miguel lächelte, als er den dritten in Händen hielt. Excelente! Er hatte vor, den Paß auf den Namen Dudley Martin zu benützen und die anderen zwei für eine spätere Verwendung aufzuheben.
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