»Ich dachte, der sei tot. Steckt er mit Drake unter einer Decke?«
»Woher soll ich das wissen?«, antwortete Karen gereizt.
Der Pick-up rumpelte los und fuhr langsam wieder den unbefestigten Weg zurück.
Karen jagte ihren Motor bis zum NOTFALL-MAXIMUM hoch. Selbst mit Höchstgeschwindigkeit konnten ihre Flugzeuge kaum mit dem Truck mithalten, obwohl der auf dieser Holperpiste nur langsam vorankam. Sobald der Pick-up die befestigte Straße erreichte, würde er so sehr beschleunigen, dass sie ihm auf keinen Fall folgen könnten. Sie mussten also jetzt gleich Erics Aufmerksamkeit erregen.
Er fuhr mit geschlossenen Seitenfenstern. Karen flog ganz nah an seinem Gesicht neben dem Fenster her und wackelte mit den Flügeln. Keine Reaktion. Dann beschleunigte der Pick-up und ließ sie im aufgewirbelten Staub zurück.
»Ich versuche, in seinen Windschatten zu kommen«, funkte Rick. Er tauchte fast bis auf die Ladefläche hinunter und flog direkt hinter der Fahrerkabine. Dabei konnte er durch das Glas den Hinterkopf des Mannes sehen. Die Luft direkt hinter dem Truck war jedoch so turbulent und chaotisch, dass sie Ricks Flugzeug ins Trudeln brachte. Fast wäre er auf die Ladefläche gestürzt.
Der Truck kam jetzt zu einer besonders schlechten Wegstelle, wo der Regen eine Rinne quer über die Fahrbahn ausgewaschen hatte. Der Mann bremste ab, ließ das Seitenfenster herunter und lehnte sich hinaus, um einen besseren Überblick zu bekommen.
Karen flog durch das Fenster in das Führerhaus und drehte eine Runde. Der Mann zog seinen Kopf wieder ein. In diesem Moment flog sie ganz nahe vor seinen Augen vorbei und wackelte mit den Flügeln, an deren Enden die Positionslichter blinkten.
Das sah er. Er trat mit voller Wucht auf die Bremse. »Hey –!« Er folgte ihr mit den Augen, als sie das Flugzeug in die Kurve legte, umdrehte und ganz niedrig über das Armaturenbrett flog. Er streckte seinen Arm aus, und sie landete in seinem Handteller. Sie kletterte aus dem Cockpit und stellte sich auf seine Hand, während er sie aufmerksam betrachtete.
Jetzt flog Rick auch in das Führerhaus und landete auf dem Armaturenbrett.
»Wer – seid – ihr?«, fragte Eric sie mit donnernder Stimme. Er versuchte, beim Sprechen nicht zu heftig zu atmen. Er wollte Karen nicht aus seiner Hand blasen.
Karen hielt ihr Headset hoch und deutete darauf. Sie erinnerte sich, dass Jarel Kinsky ihnen erzählt hatte, dass man mit diesen Geräten mit normal großen Menschen kommunizieren konnte.
»Geht – klar.« Er setzte sie samt ihrem Flugzeug auf dem Armaturenbrett ab, öffnete das Handschuhfach, holte ein Headset heraus und schloss es an eine kompliziert aussehende elektronische Apparatur auf seinem Beifahrersitz an. »Geht – auf – einundsiebzig – Komma – zwei – fünf – Gigahertz«, sagte er.
Rick und Karen setzten ihr Headset auf und stellten ihr Flugzeugfunkgerät auf die entsprechende Frequenz ein.
Der Mann öffnete den Mund und donnerte: »Könnt – ihr – mich – jetzt – verstehen?« Einen Augenblick später erklangen in ihren Headsets dieselben Worte in Erics normaler Sprechstimme. »Könnt ihr mich jetzt verstehen? Das ist ein spezieller Sender, der meine Stimme aufnimmt, sie beschleunigt und sie euch dann überspielt. Und er verlangsamt Stimmen, damit ich euch verstehen kann.«
Sie erklärte Eric in groben Zügen, was passiert war. »Wir müssen so bald wie möglich in den Generator«, sagte Karen.
»Zuerst mal … was war mit meinem Bruder?«
Sie erzählten es ihm. Als Karen beschrieb, wie Peter gestorben war, schlug Eric mit der flachen Hand gegen das Lenkrad, sodass die Mikromenschen und ihre Flugzeuge ein Stück in die Luft geschleudert wurden. Sie landeten inmitten von Staubkörnchen und warteten. Sie gaben ihm die Zeit, das Ganze zu verarbeiten. Als er die Augen wieder öffnete, war sein Gesicht ruhig und gefasst. »Ich bringe euch ins Nanigen-Hauptquartier. Und dann werde ich mir Vincent Drake vorknöpfen.«
1. NOVEMBER, 2:30 UHR
Dan Watanabe wachte auf, als sein Handy summte. Er griff in der Dunkelheit nach ihm und stieß es dabei von seinem Nachttisch. Er hörte, wie es auf dem Boden aufkam. Er tastete nach dem Licht. Er befürchtete schlimme Familiennachrichten. Irgendetwas mit seiner siebenjährigen Tochter, die bei seiner Exfrau lebte, oder seiner Mutter … Doch es war der Sicherheitschef von Nanigen, der ihn anrief: »Haben Sie eine Minute für mich Zeit, Lieutenant?«
Watanabe fuhr mit der Zunge über seinen klebrigen Mund. »Ja.«
»Heute Nacht gab es ein Feuer auf dem Tantalus.«
Watanabe knurrte. »Was?«
»Nur ein kleines, wurde wahrscheinlich nicht gemeldet. Ein paar Leute sind dabei gestorben.«
»Ich kann Ihnen nicht ganz folgen.«
»Diese Studenten – sie wurden ermordet.«
Er fuhr aus dem Bett auf und war sofort hellwach. Schnapp dir diesen Mann und nimm eine Aussage auf! »Wo sind Sie? Ich schicke Ihnen eine Streife –«
»Nein. Ich möchte nur mit Ihnen sprechen.«
»Kennen Sie das Deluxe Plate?« Das hatte die ganze Nacht offen.
Er saß als einziger Gast des Lokals in einer rückwärtigen Nische vor einer Tasse Kaffee, als Don Makele hereinkam. Der Mann wirkte irgendwie … schicksalsergeben. Makele wuchtete sich in die Nische.
Watanabe vertat keine wertvolle Zeit mit Geplauder. »Erzählen Sie mir von diesen Studenten.«
»Sie sind tot. Vin Drake hat mindestens acht Menschen ermordet. Sie waren ganz kleine Menschen.«
»Wie klein?«
Makele hielt Daumen und Zeigefinger etwa anderthalb Zentimeter auseinander. »Wirklich klein.«
»Also, tun wir mal so, als ich ob Ihnen glauben würde«, sagte Watanabe.
»Nanigen hat eine Maschine, die alles schrumpfen kann. Auch Menschen.«
Eine Kellnerin kam an den Tisch und fragte Makele, ob er ein Frühstück wolle. Er schüttelte den Kopf und wartete schweigend, bis sie wieder gegangen war.
»Kann diese Maschine auch eine andere Maschine verkleinern?«, fragte Watanabe.
»Sicher, kein Problem.«
»Würde sie auch eine Schere verkleinern?«
Makele kniff die Augen zusammen. »Wovon reden Sie?«
»Von Willy Fong. Und Marcos Rodriguez.«
Makele gab keine Antwort.
Dan Watanabe schaute ihn scharf an. »Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie mir erzählen, was mit den vermissten Studenten passiert ist. Aber ich möchte auch was über die Mikroroboter hören, die Fongs und Rodriguez’ Hälse von einem Ohr zum andern durchgeschnitten haben.«
»Woher wissen Sie von diesen Robotern?«, fragte Makele.
»Haben Sie geglaubt, das Honolulu Police Department habe keine Mikroskope?«
Makele saugte an seinen Lippen. »Die Roboter sollten eigentlich niemand töten.«
»Also was ist schiefgegangen?«
»Die Roboter wurden umprogrammiert. Zum Töten.«
»Von wem?«
»Ich glaube, von Drake.«
Watanabe ließ es erst einmal dabei bewenden. »Und was ist mit den Studenten passiert?«
Makele erzählte ihm von den Versorgungsstationen im Manoa-Tal und der Tantalus-Basis. »Die Kids müssen irgendetwas Schlimmes über Drake rausgefunden haben, denn er hat mich darauf angesetzt, sie … loszuwerden.«
»Sie zu töten?«
»Ja. Sie sind irgendwie im Manoa-Tal gelandet. Drake wollte sicherstellen, dass sie dieses Tal nicht mehr lebend verlassen. Sie haben versucht zu fliehen. Ein paar von ihnen haben’s bis zum Tantalus geschafft.« Er erzählte Watanabe von Ben Rourke. »Drake hat da alles abgefackelt. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass er auch unsere Finanzchefin und einen Vizepräsidenten ermordet hat …«
Die Zahl der Todesfälle machte Dan ganz schwindlig im Kopf. Vin Drake schien dreizehn Menschen getötet zu haben. Wenn das stimmte, war er extrem gefährlich. »So, jetzt erzählen Sie mir mal, warum ich Sie nicht für einen Spinner halten soll«, forderte er den Sicherheitschef auf.
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