Er dachte: Zucka.
Er dachte: Mama.
Er dachte daran, dass Tommy inzwischen wohl zur Schule ging. Vorausgesetzt, sein Onkel Randy hatte ihn nicht umgebracht.
Er dachte: Der Einzige, der dich bremsen kann, bist du selbst.
Dieser Gedanke war ihm schon oft gekommen, doch nun folgte ihm ein neuer. Du musst nicht so leben, wenn du das nicht willst. Natürlich kannst du so weitermachen … aber das musst du nicht.
Diese Stimme war so fremdartig, so anders als seine üblichen mentalen Zwiegespräche, dass er zuerst dachte, er hätte sie von jemand andres aufgefangen – das konnte er, wenngleich er nur noch selten ungebetene Übertragungen empfing. Er hatte gelernt, sie abzublocken. Dennoch blickte er den Mittelgang entlang, ziemlich sicher, dass jemand zu ihm zurückblicken würde. Das tat aber niemand. Alle schliefen, unterhielten sich mit ihren Nachbarn oder starrten in den grauen Tag hinaus.
Du musst nicht so leben, wenn du das nicht willst.
Wenn das nur wahr gewesen wäre. Dennoch schraubte er die Kappe wieder zu und stellte die Flasche auf den Sitz neben ihm. Zweimal griff er anschließend danach. Das erste Mal stellte er sie gleich wieder hin. Das zweite Mal griff er in den Beutel und schraubte die Kappe wieder ab, aber während er das tat, bog der Bus auf den Parkplatz der Raststätte gleich hinter der Grenze von New Hampshire ein. Dan trottete mit den anderen Fahrgästen zu Burger King, wo er sich gerade mal so lange aufhielt, dass er die Papiertüte in einen Abfalleimer werfen konnte. Auf die Seite der großen, grünen Tonne waren die Worte WENN SIE’S NICHT MEHR BRAUCHEN, LASSEN SIE’S HIER gepinselt.
Das wäre schön, dachte Dan und hörte das Klirren, mit dem die Tüte landete. Ach Gott, wäre das schön.
2
Eineinhalb Stunden später passierte der Bus ein Schild mit der Aufschrift WILLKOMMEN IN FRAZIER – HIER IST JEDE JAHRESZEIT AM SCHÖNSTEN! Darunter stand: BESUCHEN SIE TEENYTOWN!
Der Bus hielt am Bürgerzentrum von Frazier, um Fahrgäste aufzunehmen, und von dem leeren Platz neben Dan, wo während des ersten Teils der Reise die Flasche gestanden hatte, meldete sich Tony. Das war eine Stimme, die Dan erkannte, obwohl Tony jahrelang nicht mehr so klar zu ihm gesprochen hatte.
(das ist der Ort)
So gut wie jeder andere, dachte Dan.
Er zog seinen Matchbeutel aus der Gepäckablage und stieg aus. Dann stand er auf dem Gehweg und sah den Bus davonfahren. Im Westen sägten die White Mountains am Horizont. Bei all seinen Streifzügen hatte er die Berge gemieden, vor allem die gezackten Ungeheuer, von denen das Land in zwei Teile geteilt wurde. Nun dachte er: Da bin ich doch wieder im Gebirge gelandet. Wahrscheinlich hab ich immer schon gewusst, dass es so kommt. Aber diese Berge waren sanfter als jene, die manchmal immer noch in seinen Träumen spukten, und er glaubte, mit ihnen leben zu können, zumindest für eine kleine Weile. Vorausgesetzt, es gelang ihm, nicht mehr an den Jungen in dem Braves-T-Shirt zu denken. Vorausgesetzt, es gelang ihm, keinen Schnaps mehr zu trinken. Irgendwann merkte man, dass es sinnlos war, ständig weiterzuziehen. Dass man sich selber mitnahm, wo immer man auch hinkam.
Ein Schneegestöber, fein wie zarte Spitze, tanzte durch die Luft. Er sah, dass die Geschäfte an der breiten Hauptstraße in erster Linie auf die Skifahrer ausgerichtet waren, die im Dezember kamen, und auf die Sommertouristen, die im Juni anreisten. Im September und Oktober gab es wahrscheinlich auch Leute, die wegen der Laubverfärbung kamen, aber momentan herrschte das, was man im nördlichen Neuengland als Frühling ausgab, acht unangenehme Wochen, die mit Kälte und Feuchtigkeit überzogen waren. Offenbar glaubte man in Frazier selber nicht, dass auch diese Jahreszeit am schönsten war, denn die Hauptstraße – sie hieß Cranmore Avenue – war praktisch verlassen.
Dan schlang sich seinen Matchsack um die Schulter und schlenderte in Richtung Norden. An einem schmiedeeisernen Zaun blieb er stehen, um ein weitläufiges viktorianisches Gebäude zu betrachten, das an beiden Seiten von neueren Backsteinbauten flankiert wurde. Sie waren durch überdachte Fußwege mit dem Haupthaus verbunden. Auf dessen linker Dachseite gab es einen Turm, rechts hingegen nicht, wodurch ein merkwürdig unausgeglichenes Bild entstand, das Dan irgendwie gefiel. Es war so, als würde die alte Dame sagen: Tja, da ist was von mir abgebröselt. Scheiß drauf. Irgendwann geht’s dir auch so. Ein Lächeln trat auf seine Lippen. Dann erstarb es wieder.
Im Fenster des Turmzimmers stand Tony und blickte auf ihn herab. Als er sah, dass Dan zu ihm hochblickte, winkte er. Es war dasselbe feierliche Winken, an das Dan sich aus seiner Kindheit erinnerte, als Tony oft zu Besuch gekommen war. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Tony war verschwunden. Er war überhaupt nicht da oben gewesen, wie hätte das auch sein können? Schließlich war das Fenster mit Brettern zugenagelt.
Auf dem Rasen stand ein Schild mit goldenen Lettern auf einem Hintergrund, der dieselbe grüne Farbe hatte wie das Haus: HELEN-RIVINGTON-HOSPIZ.
Die haben eine Katze da drin, dachte er. Eine graue Katze namens Audrey.
Wie sich später herausstellte, war das teilweise richtig und teilweise falsch. Es gab tatsächlich eine Katze, und die war auch grau, aber es handelte sich um einen kastrierten Kater, der nicht Audrey hieß.
Dan betrachtete lange das Schild – so lange, bis die Wolken sich teilten und einen biblischen Lichtstrahl herabsandten –, dann ging er weiter. Die Sonne schien inzwischen zwar so hell, dass der Chrom der wenigen, schräg vor dem Olympia Sports und dem Fresh Day Spa geparkten Autos blitzte, aber der Schnee wirbelte immer noch herab. Dazu fiel Dan etwas ein, was seine Mutter angesichts eines ähnlichen Frühlingswetters gesagt hatte, vor langer Zeit, als sie in Vermont gelebt hatten: Da schlägt der Teufel seine Frau.
3
Ein, zwei Querstraßen vom Hospiz entfernt blieb Dan wieder stehen, und zwar vor dem Rathaus. Auf der anderen Straßenseite breitete sich der kleine Stadtpark von Frazier aus. Zu dem gehörten eine gut fünftausend Quadratmeter große Rasenfläche, auf der sich das erste Grün zeigte, ein Musikpavillon, ein Softballfeld, ein asphaltierter Basketballplatz, Picknicktische und sogar ein Übungsgrün für Golfer. Alles sehr hübsch, aber was ihn interessierte, war ein Schild mit der Aufschrift:
BESUCHEN SIE TEENYTOWN
FRAZIERS »KLEINES WUNDER«
UND MACHEN SIE EINE FAHRT
MIT DER TEENYTOWN RAILWAY!
Man musste kein Genie sein, um zu sehen, dass Teenytown eine Miniaturausführung der Cranmore Avenue war. Zu sehen war die Methodistenkirche, an der Dan gerade vorbeigekommen war, mit einem gut zwei Meter in die Lüfte ragenden Turm, da waren das Music Box Theater, Spondulicks Ice Cream, Mountain Books, Shirts & Stuff, die Frazier Gallery und der Laden für Kunstdrucke. Auch eine perfekte, hüfthohe Miniausführung des Hospizes mit seinem Turm war vorhanden; die beiden Backsteinbauten links und rechts hatte man allerdings weggelassen. Vielleicht, dachte Dan, weil sie potthässlich waren, vor allem verglichen mit dem Mittelbau.
Auf der anderen Seite von Teenytown stand eine Miniatureisenbahn mit Wagen, auf die der Schriftzug TEENYTOWN RAILWAY gepinselt war. Sie waren so winzig, dass höchstens Kleinkinder hineinpassten. Aus dem Schornstein einer leuchtend roten Lokomotive, die etwa so groß wie eine Honda Gold Wing war, quoll stoßweise Rauch. Dan hörte das Tuckern eines Dieselmotors. Auf der Seite der Lok stand in altmodischen Goldbuchstaben: THE HELEN RIVINGTON. Das war wohl die große Gönnerin der Stadt gewesen. Wahrscheinlich war irgendwo in Frazier auch eine Straße nach ihr benannt.
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