Diesmal war es die Stimme von Dick Hallorann. Falsch, Kleiner. Die Dinger aus dem Overlook kannst du in deinen Schließfächern unterbringen, aber Erinnerungen nicht. Niemals. Das sind die echten Geister.
Auf der Türschwelle stehend, betrachtete er Deenie und ihren mit blauen Flecken übersäten Jungen. Der war wieder eingeschlafen, und in der Morgensonne sahen die beiden fast wie zwei Engel aus.
Sie ist kein Engel. Selbst wenn die blauen Flecke nicht von ihr stammen, ist sie einfach um die Häuser gezogen und hat ihn allein gelassen. Wenn ich nicht da gewesen wäre, als er aufgewacht und ins Wohnzimmer gekommen ist …
Zucka, hatte der Junge gesagt und nach dem Koks gegriffen. Nicht gut. Es musste etwas unternommen werden.
Mag sein, aber nicht von mir. Wie würde das wohl aussehen, wenn ich mit einer derartigen Visage im Jugendamt aufkreuze, um ein verwahrlostes Kind zu melden? Nach Schnaps und Kotze stinkend. Ein wahrhaft aufrechter Bürger, der seine Pflicht tut.
Du kannst das Geld zurückstecken, sagte Wendy. Wenigstens das kannst du tun.
Fast hätte er es getan. Tatsächlich. Er nahm das Geld aus der Tasche und hielt es in der Hand. Er schlenderte sogar zu Deenies Handtasche, und der kleine Spaziergang tat ihm offenbar gut, jedenfalls brachte er ihn auf eine Idee.
Nimm das Koks, wenn du schon was mitgehen lassen musst. Das, was noch da ist, kannst du für hundert Dollar verscherbeln. Vielleicht sogar für zweihundert, wenn es noch einigermaßen nach was aussieht.
Falls der potenzielle Käufer sich allerdings als Cop entpuppte – was bei seinem Pech fast zu erwarten war –, dann landete er im Knast. Wo man ihn womöglich auch für den Schwachsinn zur Rechnung ziehen würde, den er in der Kneipe angezettelt hatte. Das Geld war wesentlich sicherer. Insgesamt siebzig Dollar.
Ich werde es aufteilen, beschloss er. Vierzig für sie und dreißig für mich.
Allerdings brachten dreißig Dollar ihm nicht viel. Außerdem waren da noch die Lebensmittelmarken – ein Bündel, fett genug, ein Schwein damit zu füttern. Damit konnte sie doch Essen für das Kind kaufen, oder etwa nicht?
Er nahm den Beutel Koks und die bestäubte Zeitschrift, um beides auf die Arbeitsfläche der Küchenzeile zu legen, wo der Junge es nicht erreichen konnte. Im Spülbecken lag ein Schwamm, mit dem er die Reste auf dem Couchtisch entfernte. Dabei sagte er sich, wenn Deenie inzwischen angestolpert kam, würde er ihr das verfluchte Geld zurückgeben. Und wenn sie weiterpennte, dann hatte sie es nicht anders verdient.
Deenie kam aber nicht angestolpert. Sie schnarchte einfach weiter.
Nachdem Dan den Tisch abgewischt hatte, warf er den Schwamm ins Spülbecken zurück und überlegte kurz, ob er ein paar Zeilen hinterlassen sollte. Aber was sollte er schreiben? Sorg besser für dein Kind – ach, übrigens hab ich dein Geld eingesteckt?
Okay, keine Nachricht.
Er verließ die Wohnung mit dem Geld in der linken Vordertasche und achtete darauf, die Tür beim Hinausgehen nicht laut zuzuschlagen. Aus Rücksicht, redete er sich ein.
3
Gegen Mittag – sein Kater war dank den zwei Kombinationspräparaten aus Deenies Arzneischränkchen vorüber – steuerte Dan einen Laden namens Golden’s Discount Liquors & Import Beers an. Dieser befand sich im alten Teil der Stadt, wo die Geschäftshäuser aus Backstein erbaut, die Bürgersteige eher leer und die Pfandhäuser (die alle eine bewundernswerte Auswahl an Rasiermessern zur Schau stellten) zahlreich waren. Er hatte die Absicht, eine sehr große Flasche sehr billigen Whiskey zu erwerben. Aber was er vor dem Laden sah, brachte ihn auf eine andere Idee. Es war ein Einkaufswagen, beladen mit dem irren Sammelsurium eines Penners. Der Besitzer war im Laden damit beschäftigt, den Verkäufer vollzuquatschen. Ganz oben auf dem Wagen lag eine zusammengerollte und mit Schnur umwickelte Decke. Dan bemerkte ein paar Flecken, aber alles in allem sah das Ding nicht schlecht aus. Er steckte es sich unter den Arm und ging zügig davon. Nachdem er eine alleinerziehende Mutter mit einem Drogenproblem gerade um siebzig Dollar erleichtert hatte, kam es ihm ziemlich belanglos vor, einem Penner seinen fliegenden Teppich abzunehmen. Womöglich war genau das der Grund, weshalb er sich kleiner denn je fühlte.
Ich schrumpfe immer weiter, dachte er, während er mit seiner neuen Beute um die Ecke eilte. Wenn ich noch ein paar Sachen klaue, bin ich überhaupt nicht mehr sichtbar.
Er lauschte, weil er das empörte Gezeter des Penners erwartete – je ausgeflippter die waren, desto lauter zeterten sie –, hörte jedoch nichts. Noch eine Ecke, dann konnte er sich zu einer problemlosen Flucht vom Tatort gratulieren.
Er bog in die nächste Straße ein.
4
Am Abend hockte er an der Mündung eines großen Regenkanals am Abhang unter der Cape Fear Memorial Bridge. Er hatte zwar ein Zimmer, aber es gab da auch das kleine Problem der rückständigen Miete, deren Zahlung er hoch und heilig für gestern siebzehn Uhr versprochen hatte. Außerdem war das noch nicht alles. Wenn er in sein Zimmer ging, forderte man ihn womöglich auf, einen gewissen festungsähnlichen Behördenbau in der Bess Street aufzusuchen, um Fragen bezüglich einer gewissen Auseinandersetzung in einer Kneipe zu beantworten. Alles in allem kam es ihm sicherer vor wegzubleiben.
Im Stadtzentrum gab es ein Obdachlosenasyl namens Haus der Hoffnung (das die Penner natürlich Haus der Hoffnungslosen nannten), doch auch da wollte Dan nicht hin. Dort konnte man zwar kostenlos übernachten, aber wenn man eine Flasche dabeihatte, bekam man die abgenommen. Wilmington war voller billiger Absteigen und Motels, wo sich niemand einen Scheißdreck darum scherte, was man trank, schnupfte oder sich spritzte, aber wieso sollte er sein gutes Geld für ein Dach über dem Kopf statt für Schnaps ausgeben, wenn es draußen warm und trocken war? Sich um ein Obdach Sorgen machen konnte er, wenn er nach Norden fuhr. Außerdem war da noch die Frage, wie er seine paar Habseligkeiten aus seinem Zimmer in der Birney Street holen konnte, ohne dass die Vermieterin etwas davon mitbekam.
Über dem Fluss ging der Mond auf. Die Decke hatte Dan schon hinter sich ausgebreitet. Bald würde er sich drauflegen, sich damit wie in einen Kokon einwickeln und einschlafen. Er schwebte so weit in den Wolken, dass er glücklich war. Der Start und der Steigflug waren holprig gewesen, aber nun hatte er die ganzen Turbulenzen hinter sich gelassen. Wahrscheinlich führte er kein Leben, das ein guter amerikanischer Bürger als vorbildlich bezeichnet hätte, aber vorläufig war alles in bester Ordnung. Er hatte eine Flasche Old Sun (erworben in einem Schnapsladen, der sich in einer vernünftigen Entfernung vom Golden’s Discount befand) und für morgen zum Frühstück ein halbes belegtes Baguette. Die Zukunft war umwölkt, doch heute schien der Mond hell. Alles war, wie es sein sollte.
(Zucka)
Plötzlich war der Junge bei ihm. Tommy. Direkt neben ihm. Er griff nach dem Koks. Blutergüsse am Arm. Blaue Augen.
(Zucka)
Das sah er mit einer quälenden Klarheit, die nichts mit dem Shining zu tun hatte. Und noch mehr. Deenie, die schnarchend auf dem Rücken lag. Das Portemonnaie aus rotem Kunstleder. Das Bündel Lebensmittelmarken mit dem Aufdruck des Landwirtschaftsministeriums. Das Geld. Die siebzig Dollar. Die er eingesteckt hatte.
Denk an den Mond. Denk daran, wie ruhig und heiter der über dem Wasser aufgeht.
Eine Weile gelang ihm das, aber dann sah er wieder Deenie auf dem Rücken liegen, das rote Portemonnaie aus Kunstleder, das Bündel Lebensmittelmarken, die erbärmlich zerknüllten Geldscheine (die er inzwischen großteils wieder los war). Am deutlichsten aber sah er den Jungen, der mit einer Hand, die wie ein Seestern aussah, nach dem Koks griff. Blaue Augen. Blutergüsse am Arm.
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