Zucka, sagte er.
Mama, sagte er.
Dan hatte sich das Kunststück beigebracht, seinen Schnaps so aufzuteilen, dass das Zeug länger reichte, der Rausch sanfter war und sich die eher schwachen Kopfschmerzen am nächsten Tag beherrschen ließen. Manchmal klappte das allerdings nicht so gut, und irgendein Mist passierte. Wie im Milky Way. Das war mehr oder weniger ein Unfall gewesen, aber heute Abend war alles im grünen Bereich. Er leerte die Flasche mit vier langen Zügen. Seine Gedanken waren eine leere Schultafel. Der Schnaps war ein Schwamm.
Er legte sich hin und wickelte sich in die gestohlene Decke. Dann wartete er auf die Bewusstlosigkeit, die auch kam, doch zuerst kam Tommy. Mit seinem Atlanta-Braves-T-Shirt. Seiner herunterhängenden Windel. Den blauen Augen, dem malträtierten Arm, der Seesternhand.
Zucka. Mama.
Darüber werde ich niemals sprechen, sagte er sich. Mit niemand.
Während der Mond über Wilmington, North Carolina, aufging, versank Dan Torrance in Bewusstlosigkeit. Er träumte vom Hotel Overlook, aber beim Aufwachen würde er sich nicht daran erinnern. Woran er sich beim Aufwachen erinnerte, waren die blauen Augen, der malträtierte Arm, die nach dem Koks greifende Hand.
Es gelang ihm, seinen Kram zu holen, dann fuhr er nach Norden, zuerst ins Hinterland von New York State und von dort weiter nach Massachusetts. Zwei Jahre vergingen. Manchmal half er Leuten, vor allem alten Leuten. Er hatte ein Talent dafür. In zu vielen besoffenen Nächten war der Junge das Letzte, woran er dachte, und das Erste, was ihm an dem verkaterten Morgen danach in den Sinn kam. Es war der Junge, an den er immer dachte, wenn er sich sagte, er werde mit dem Saufen aufhören. Vielleicht schon nächste Woche, auf jeden Fall nächsten Monat. Der Junge. Die Augen. Der Arm. Die ausgestreckte Seesternhand.
Zucka.
Mama.
Kapitel eins
WILLKOMMEN IN TEENYTOWN
1
Nach Wilmington hörte er auf, täglich zu trinken.
Er schaffte eine Woche, manchmal zwei, ohne etwas Stärkeres als Cola light. Er wachte ohne Kater auf, was gut war. Er wachte durstig und elend – bedürftig – auf, was nicht gut war. Dann kam wieder eine Nacht. Oder ein Wochenende. Manchmal war der Auslöser ein Budweiser-Spot im Fernsehen – vergnügte junge Leute, von denen kein Einziger einen Bierbauch hatte, die sich nach einem sportlichen Volleyballmatch ein kühles Blondes genehmigten. Manchmal sah er ein paar gut aussehende Frauen nach der Arbeit mit einem Drink vor einem hübschen kleinen Café sitzen, so einem mit einem französischen Namen und vielen Hängepflanzen. Die Drinks waren fast immer mit kleinen Schirmchen geschmückt. Manchmal war es ein Song im Radio. Einmal waren es Styx, die »Mr. Roboto« sangen. Wenn er trocken war, dann war er völlig trocken. Wenn er trank, besoff er sich. Wenn er neben einer Frau aufwachte, dachte er an Deenie und den Jungen in dem Braves-T-Shirt. Er dachte an die siebzig Dollar. Sogar an die geklaute Decke dachte er, die er in dem Regenkanal hatte liegen lassen. Vielleicht lag sie immer noch dort. In dem Fall war sie inzwischen sicher vergammelt.
Manchmal betrank er sich und ging nicht zur Arbeit. Meistens behielt man ihn trotzdem eine Weile – was er machte, das machte er gut –, aber irgendwann war es so weit. Dann verabschiedete er sich und stieg in einen Bus. Aus Wilmington wurde Albany, und aus Albany wurde Utica. Aus Utica wurde New Paltz. Nach New Paltz kam Sturbridge, wo er sich bei einem Folk-Open-Air betrank und am nächsten Tag mit einem gebrochenen Handgelenk im Knast aufwachte. Als Nächstes war Weston an der Reihe, danach kam ein Pflegeheim auf Martha’s Vineyard, und Mann, der Auftritt dauerte nicht lang. Bereits am dritten Tag roch die Oberschwester Alkohol in seinem Atem, und schon hieß es adieu, auf Nimmerwiedersehen. Einmal kreuzte er den Weg des Wahren Knotens, ohne es zu merken. Jedenfalls nicht im obersten Bereich seines Bewusstseins, wenngleich er tiefer – dort, wo sein Shining herrschte – etwas wahrnahm. Einen Geruch, schwindend und unangenehm, so ähnlich wie der Geruch von verbranntem Gummi auf einem Straßenabschnitt, wo sich vor nicht langer Zeit ein schlimmer Unfall ereignet hat.
Von Martha’s Vineyard nahm er einen Bus der MassLines nach Newburyport. Dort fand er Arbeit in einem Veteranenheim, in dem man sich um das meiste einen Dreck scherte. Es war die Sorte Heim, in der man die alten Soldaten manchmal im Rollstuhl vor einem leeren Untersuchungszimmer abstellte, bis ihre Urinbeutel überliefen und der Inhalt sich auf den Boden ergoss. Ein mieser Ort für die Patienten, ein besserer für Typen, die häufig Mist bauten wie Dan, wobei er und ein paar andere sich so gut um die alten Kerle kümmerten, wie sie konnten. Er half sogar einigen, auf die andere Seite überzuwechseln, wenn ihre Zeit gekommen war. Diesen Job behielt er ziemlich lange, so lange, bis der Saxofon-Präsident die Schlüssel des Weißen Hauses an den Cowboy-Präsidenten übergab.
In Newburyport versumpfte Dan ein paarmal, aber nur dann, wenn er am nächsten Tag frei hatte, also war das in Ordnung. Als er nach einer dieser Mini-Sauftouren aufwachte, dachte er: Wenigstens habe ich die Lebensmittelmarken dagelassen. Das brachte den alten, irren Spielshow-Dialog wieder in Gang.
Tut mir leid, Deenie, du hast verloren, aber hier geht niemand mit leeren Händen raus. Na, was haben wir für die junge Dame, Johnny?
Tja, Bob, Geld hat Deenie keines gewonnen, aber wir präsentieren ihr unser neues Videospiel, mehrere Gramm Kokain und ein dickes, fettes Bündel LEBENSMITTELMARKEN!
Dan wiederum gewann einen ganzen Monat ohne Alkohol. Es kam ihm vor wie eine merkwürdige Methode, Buße zu tun. Mehr als einmal dachte er, wenn er Deenies Adresse hätte, dann hätte er ihr die lausigen siebzig Dollar schon längst geschickt. Er hätte ihr sogar den doppelten Betrag geschickt, wenn das den Erinnerungen an den Jungen mit dem Braves-T-Shirt und der ausgestreckten Seesternhand ein Ende bereitet hätte. Aber er hatte die Adresse nicht, weshalb er stattdessen nüchtern blieb. Das war eine Züchtigung, die es in sich hatte.
Dann kam er eines Abends an einer Kneipe namens Fisherman’s Rest vorüber und sah durchs Fenster eine gut aussehende Blondine allein am Tresen sitzen. Sie trug einen Schottenrock, der nur bis zur Mitte des Oberschenkels reichte, und sie sah einsam aus, deshalb ging er hinein und erfuhr, dass sie frisch geschieden war, und he, das sei ja übel, ob sie vielleicht etwas Gesellschaft brauche, und drei Tage später wachte er mit dem bekannten schwarzen Loch in seinem Gedächtnis auf. Er machte sich auf den Weg zum Veteranenheim, wo er den Boden gewischt und Glühbirnen gewechselt hatte, und zwar in der Hoffnung, man würde ihm noch mal eine Chance geben, aber die gab es nicht. Sich um das meiste einen Dreck zu scheren war nicht ganz dasselbe, wie sich um alles einen Dreck zu scheren, und knapp daneben war auch vorbei. Als er mit den paar Sachen abzog, die in seinem Spind gewesen waren, erinnerte er sich an einen alten Spruch von Bobcat Goldthwait: »Meinen Job gab’s noch, bloß hat den jemand andres gemacht.« Also nahm er wieder einen Bus, der diesmal nach New Hampshire fuhr, und bevor er einstieg, kaufte er sich einen Glasbehälter mit einer berauschenden Flüssigkeit.
Auf der ganzen Fahrt saß er hinten auf dem Säuferplatz, dem neben der Toilette. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass man dort sitzen musste, wenn man vorhatte, sich während einer Busfahrt zu besaufen. Er griff in die braune Papiertüte, schraubte die Kappe des Glasbehälters mit berauschender Flüssigkeit ab und roch den braunen Geruch. Dieser Geruch konnte sprechen, wenngleich er nur eines zu sagen hatte: Hallo, alter Freund. Stirb noch ein wenig mehr.
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