Die Frage der Auftragsterroristen von heute lautet nicht mehr, ob man für Geld tötet, sondern wie weit man geht. Hier schrecken möglicherweise selbst Leute wie Carlos, Abu Nidal oder Abu Abbas zurück, wenn ihnen anheim gestellt wird, in der New Yorker Innenstadt eine Atombombe zu zünden. Andere hingegen würden es tun.
Die Terrorismusforschung hat alle Hände voll zu tun, dem zuvorzukommen. Man weiß heute, dass nur der gesteigerte Austausch von nachrichtendienstlichen Erkenntnissen und eine polizeiliche und militärische Zusammenarbeit auf allen Ebenen den neuen Gefahren erfolgreich entgegen wirken kann. Nachdem die englische Armee schon vor Jahren zugegeben hat, dass sie der IRA technologisch unterlegen ist, wird man sich hinsichtlich des Terrors von morgen auf ganz andere Kaliber einzustellen haben.
Dieses Thema erschöpfend abzuhandeln, ist fast unmöglich. Die Russenmafia hat sich mittlerweile zu einem amorphen Gebilde entwickelt, das weltweit operiert und zum Teil mit Russland gar nichts mehr zu tun hat.
Im Buch ist die Rede vom Moskauring. Dazu ein paar Anmerkungen, die beispielhaft sein mögen für das, was wir heute unter der russischen Mafia verstehen.
Erstmalig Erwähnung gefunden hat der Ring in der Moskauer Zeitung Rossijskaja Gaseta, die Mitte der Neunziger mit der Mutmaßung an die Öffentlichkeit getreten war, im Schatten des Kreml hätten sich einflussreiche Beamte und Geschäftsleute zu einer mächtigen und finanzstarken Gruppe zusammengeschlossen, die sich selbst Moskauring nenne und das Ziel verfolge, aus der prosperierenden Hauptstadt Kapital zu schlagen.
Angeblich, heißt es, hat der Ring sogar das Moskauer Bürgermeisteramt vereinnahmt. Über das Finanzdepartment, das dem Bürgermeisteramt angegliedert ist, werden eigene Firmen gegründet, die der Abwicklung von Finanztransaktionen dienen. Den Erlös kassieren Politiker und Geschäftsleute, die dem Ring angehören. Das Geld wandert nun auf deutsche, schweizerische oder österreichische Konten. Zum Beispiel hat sich das Bürgermeisteramt gleich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Besitzrecht am früheren Hauptsitz des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe gesichert. Allein durch die Vermietung von Büroflächen werfen solche Liegenschaften Profite in Millionenhöhe ab. Vor allem aber unterstehen sie nicht der staatlichen Kontrolle, sondern sind halb privatwirtschaftlich. Das heißt, die offizielle städtische Kasse sieht nichts von den Gewinnen, denn die fließen in die vorgeschobenen, vom Ring kontrollierten Unternehmen. Der Ring kauft davon Hotels und Spielcasinos, die wiederum vom Finanzdepartment kontrolliert werden. Daraus erwirtschaftete Devisen werden über ausländische Firmen auf europäische Konten transferiert, und so entsteht außerhalb von Russland russischer Reichtum.
Das Wiener Innenministerium hat festgestellt, dass im Schnitt jeden Monat zehn russisch-österreichische Handelsfirmen gegründet werden, in denen die Österreicher vornehmlich Strohmänner sind. Längst ist das Firmengeflecht aus mafiosen und legalen Unternehmen unüberschaubar geworden. In der Schweiz warnt die Zentralstelle zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens davor, die Russenmafia Schweizer Unternehmen erwerben zu lassen, deren Mitglieder nach und nach ausgetauscht würden, bis hinter der legalen Fassade eine mafiose Schattenwirtschaft entstehe. In England berichtete die Financial Investigation Unit der Stadtpolizei von London 1996, die Russenmafia wasche Hunderte von Millionen Pfund über den Londoner Börsenhandel.
In Deutschland sieht es nicht viel besser aus.
Russlands Problem ist, dass die russische Führung ohne das Geld der Mafia nicht überlebensfähig wäre. Und dass diese Mafia irgendwann aufhört, Mafia zu sein. Die Spitze wird ehrbar. Es fragt sich, welche Diskussionen über Recht und Unrecht man noch führen will, wenn Staat und Halbwelt eins werden, ob sie nun wollen oder nicht. Das Geld verwischt alle Grenzen. Für die Janas und Mirkos dieser neuen Welt, überhaupt für den gesamten Auftragsterrorismus, tun sich faszinierende Möglichkeiten auf. Ein Dienstleistungsmarkt ist geboren, wie es ihn ansatzweise allenfalls im Italien der großen Paten und im Amerika Al Capones gegeben hat.
Gerade die russische Mafia zeigt uns die Schwächen in der legalen Politik auf und lässt uns den Glauben an die Seriosität von Spitzenpolitikern verlieren. Wir fragen uns, warum etwa ein Boris Jelzin nicht mehr dagegen unternehmen konnte. Die Antwort ist schnell gegeben: Wir neigen dazu, unsere Politiker zu überschätzen. Wir glauben, alles, was sie tun, sei von langer Hand geplant, gut durchdacht und in nüchterner Atmosphäre gewissenhaft erarbeitet.
Dazu eine kleine Geschichte.
In den letzten Tagen der Gorbatschow-Regierung fanden sich der russische Präsident Boris Jelzin, der ukrainische und der weißrussische Regierungschef zu einem konspirativen Treffen zusammen. Man traf sich in der Datscha des Weißrussen und tagte. Beobachter – ehemalige Leibwächter – sprechen davon, dass man eher nächtigte und dass in jener Nacht das Ende der Sowjetunion beschlossen wurde, als der Tisch voll leerer Flaschen stand. Ebenso wie die Putschisten, die Gorbatschow seinerzeit hatten stürzen wollen, allesamt stockbetrunken gewesen waren (und völlig ahnungslos, was sie am Tag nach dem Putsch tun sollten), fiel auch hier die Entscheidung nicht gerade nüchtern. Irgendwann war es ausgesprochen, und nun ging es darum, wer Gorbatschow die unerfreuliche Nachricht überbringen sollte. Niemand hatte dazu Lust. Sie hatten soeben das Ende der größten Union der Welt beschlossen, aber es war ihnen aus persönlichen Gründen peinlich, Gorbatschow damit den Tag zu verderben. Keiner traute sich richtig. Wie Schuljungen, die einen Streich gestehen sollen, feilschten sie darum, wer denn nun die Katze aus dem Sack lassen sollte. Als Jelzin den damals noch als Staatspräsident der Sowjetunion amtierenden Gorbatschow schließlich anrief, um es ihm zu sagen, gerüchtete es in dessen Umfeld schon gewaltig. Gorbatschow war fassungslos – und von einem Tag auf den anderen entmachtet.
So viel zur politischen Kontrolle.
Das soll nicht heißen, dass politische Entscheidungen grundsätzlich auf eine solche Weise gefällt werden. Aber es zeigt, dass Politiker auch nur Menschen sind. In Situationen, denen sie allzu oft nicht gewachsen sind, können auch sie nur tun, was ihnen persönlich – oder ihren Beratern – richtig erscheint. Gorbatschow, einer der mächtigsten Männer der Welt, stürzte am Ende über ein Trio, das sich zusammengefunden hatte wie die kleinen Strolche. Dass Politiker auch über straff organisierte Unterweltorganisationen stolpern können, verwundert da kaum.
Im Augenblick ist die russische Regierung unter Putin sehr daran interessiert, der Unterwanderung durch mafiose Strukturen entgegenzuwirken. Das wird nicht einfach sein. Denn das Problem sind nicht die klassischen Gangster, sondern die halblegalen Strukturen. Dort, wo sich ehrbare Politik und Unterwelt die Hand reichen, lauern die Gefahren, zeichnet sich der Weg in eine durch und durch kriminalisierte Welt ab. Wollte man fatalistisch sein, könnte man sagen: Wenn alle Lumpen sind, sind wir im Ganzen wieder ehrlich, also was soll’s. Und genauso funktioniert die russische Mafia.
Aber sie muss nicht funktionieren. Was Europa braucht, ist ein länderübergreifender Austausch. Eine engere Zusammenarbeit des Westens mit Russland könnte sicherlich dazu beitragen, dass es nicht zur globalen Kriminalisierung von Politik und Wirtschaft kommt.
Silberman, der White-House-Korrespondent in diesem Buch, thematisiert den American way of life anhand der Medienkultur. Zwangsläufig kommt dabei auch ein gewisser präsidentialer Fehltritt zur Sprache. Mittlerweile kann zwar keiner mehr den Namen Lewinsky hören, aber die Republikaner werden nicht müde, immer wieder aufs Neue davon anzufangen, also sollte man sich nicht täuschen lassen. Sosehr die Affäre allen Beteiligten und Nichtbeteiligten zum Halse heraushängen mag, hat sie die Art und Weise, wie politische Auseinandersetzungen in Zukunft geführt werden, nachhaltig beeinflusst.
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