Die Wände in Nesterows Büro waren mit gerahmten Urkunden vollgehängt. Leo musterte sie von links nach rechts und erfuhr, dass sein Chef Amateurringkämpfe und Schützenturniere gewonnen hatte und mehrere Male zum »Offizier des Monats« ernannt worden war, sowohl hier als auch in seinem früheren Wohnort Rostow. Es war eine ziemlich prahlerische Zurschaustellung, aber verständlich, wenn man bedachte, wie wenig Achtung seine Position mit sich brachte.
Nesterow musterte seinen neuen Rekruten, konnte sich aber keinen Reim auf ihn machen. Warum war dieser Mann, ein ehemaliger hochrangiger Offizier des MGB und dekorierter Kriegsheld, in einem derartigen Zustand? Schmutzige Fingernägel, ein blutiges Gesicht, ungewaschene Haare, nach Alkohol stinkend und ganz offensichtlich seiner Degradierung gegenüber vollkommen gleichgültig. Vielleicht war er genauso, wie man ihn beschrieben hatte: hoffnungslos inkompetent und jeder Verantwortung unwürdig. Sein äußeres Erscheinungsbild passte jedenfalls dazu. Aber Nesterow traute dem Braten nicht. Vielleicht war der derangierte Zustand ja ein Trick. Seit dem Moment, als er von der Versetzung erfahren hatte, hatte er ein ungutes Gefühl gehabt. Dieser Mann war in der Lage, ihm und seinen Leuten maßlosen Schaden zuzufügen. Ein ungnädiger Bericht, das reichte schon. Nesterow war zu dem Schluss gekommen, dass es das Beste war, den Mann zu beobachten, auf die Probe zu stellen und in seiner Nähe zu halten. Irgendwann würde Demidow die Karten schon auf den Tisch legen.
Nesterow gab Leo eine Akte. Der glotzte sie einige Sekunden lang an und versuchte herauszubekommen, was man von ihm erwartete. Warum gab man ausgerechnet ihm das? Worum auch immer es gehen mochte, ihm war es schnuppe. Er seufzte und zwang sich dazu, die Akte zu studieren. Als er sie aufschlug, sah er mehrere Schwarzweißfotos von einem jungen Mädchen. Sie lag auf dem Rücken und war von schwarzem Schnee umgeben. Schwarzem Schnee? Ach so, schwarz, weil er blutdurchtränkt war. Es sah so aus, als ob das Mädchen schreien würde, aber als Leo näher hinsah, erkannte er, dass sie etwas im Mund hatte.
Nesterow klärte ihn auf. »Man hat ihr den Mund mit Erde vollgestopft. Damit sie nicht um Hilfe schreien konnte.«
Leos Finger krampften sich um die Fotografie. All seine Gedanken über Raisa, über seine Eltern, sich selbst - alles wie weggeblasen. Leo konzentrierte sich nur noch auf den Mund des Mädchens. Er stand weit offen und war mit Erde vollgestopft. Leo sah sich das nächste Foto an. Das Mädchen war nackt. An den unversehrten Stellen war ihre Haut so weiß wie Schnee. Aber ihr Bauch war übel zugerichtet, aufgeschlitzt. Leo blätterte zum nächsten Foto, blätterte weiter und weiter. Aber was er sah, war kein Mädchen, sondern stattdessen Fjodors kleiner Junge. Ein Junge, den man nackt ausgezogen und dem man den Bauch aufgeschlitzt hatte. Ein Junge, dessen Mund man mit Erde vollgestopft hatte. Ein Junge, den man ermordet hatte. Leo legte die Fotos auf den Tisch. Er sagte nichts, sondern starrte nur die Urkunden an der Wand an.
Die beiden Fälle konnten doch unmöglich etwas miteinander zu tun haben. Der Tod von Fjodors kleinem Sohn und der Mord an diesem jungen Mädchen - das war doch undenkbar. Die Verbrechen waren Hunderte von Kilometern voneinander entfernt verübt worden. Das war nur ein blöder, ein diabolischer Zufall, sonst nichts. Trotzdem hatte Leo einen Fehler begangen, als er Fjodors Anschuldigungen zurückgewiesen hatte. Hier gab es ein Kind, das genauso ermordet worden war, wie Fjodor es beschrieben hatte. Er würde nie erfahren, was Fjodors Sohn Arkadi wirklich zugestoßen war, weil er sich nicht die Mühe gemacht hatte, die Leiche des Jungen selbst zu inspizieren. Vielleicht war sein Tod ja ein Unfall gewesen. Oder vielleicht hatte man auch den Mantel des Schweigens über die Sache gebreitet. Wenn Letzteres zutraf, dann war Leo benutzt worden, um etwas zu vertuschen. Und er hatte es natürlich in blindem Gehorsam getan, hatte eine trauernde Familie verhöhnt, eingeschüchtert und bedroht.
Was diesen Mord betraf, so machte General Nesterow keine Ausflüchte, sondern nannte die Sache freimütig beim Namen: Mord! Es hatte nicht den Anschein, als wolle er daraus etwas anderes konstruieren, es war ein brutales und schreckliches Verbrechen, Punkt. Seine Offenheit sorgte Leo. Wie konnte Nesterow so unbekümmert sein? Schließlich wurde erwartet, dass die Jahresstatistik seiner Dienststelle dem vorgegebenen Muster entsprach: sinkende Kriminalitätsrate, wachsende gesellschaftliche Harmonie. Obwohl die Stadt einen atemberaubenden Bevölkerungszuwachs erfahren hatte, den Zustrom von beinahe 80 000 entwurzelten Arbeitern, sollten die Verbrechen abnehmen, denn die Theorie diktierte, dass es mehr Arbeit, mehr Gerechtigkeit und weniger Ausbeutung gab als früher.
Der Name des Opfers war Larissa Petrowa. Sie war vier Tage zuvor im Wald gefunden worden, nicht weit vom Bahnhof. Darüber, wie man die Leiche gefunden hatte, gab es nur dürftige Angaben, und als Leo nachfragte, wollte Nesterow schnell über das Thema hinweggehen. Leo bekam lediglich heraus, dass die Leiche von einem Pärchen gefunden worden war, das zu viel getrunken hatte und im Wald Unzucht treiben wollte. Dabei waren die beiden über das junge Mädchen gestolpert, das schon seit mehreren Monaten im Schnee gelegen hatte. Die Eiseskälte hatte den Körper perfekt konserviert. Sie war ein vierzehnjähriges Schulkind und der Miliz bekannt. Man sagte ihr ein liederliches Sexualleben nach, nicht nur mit Jungen ihres Alters, sondern auch mit älteren Männern. Für eine kleine Flasche Wodka war sie zu haben. Am Morgen ihres Verschwindens hatte Larissa sich mit ihrer Mutter gestritten. Ihre Abwesenheit hatte man nicht weiter beachtet, schließlich hatte sie ja damit gedroht abzuhauen, und ihren Worten offenbar Taten folgen lassen. Niemand hatte nach ihr gesucht. Nesterow zufolge waren die Eltern angesehene Mitglieder der Gesellschaft. Der Vater arbeitete als Buchhalter in den Automobil-Werken. Sie schämten sich ihrer Tochter und wollten mit den Ermittlungen nichts zu tun haben. Der Fall sollte diskret behandelt, nicht unbedingt verschleiert, aber auch nicht publik gemacht werden. Die Eltern waren einverstanden gewesen, kein Begräbnis für ihr Kind zu veranstalten und weiterhin so zu tun, als sei sie nur vermisst. Es war ja nicht nötig, dass die ganze Stadt davon erfuhr. Abgesehen von der Miliz wusste nur eine Handvoll Leute, dass es einen Mord gegeben hatte. Und diesen Leuten, einschließlich dem Paar, das die Leiche entdeckt hatte, waren für den Fall, dass sie quatschten, die Konsequenzen verdeutlicht worden. Die Sache würde rasch abgeschlossen sein, denn man hatte ja bereits einen Verdächtigen in Gewahrsam.
Leo war sich darüber im Klaren, dass die Miliz nur dann ermitteln konnte, wenn offiziell ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden war. Und ein Ermittlungsverfahren wurde nur dann eingeleitet, wenn feststand, dass man den Fall auch erfolgreich zum Abschluss bringen konnte. Einen Verdächtigen etwa nicht verurteilen zu können, war nicht hinnehmbar und die Konsequenzen waren hart. Wenn ein Fall vor Gericht kam, konnte das nur eins bedeuten: Der Verdächtige war schuldig. War ein Fall schwierig, komplex oder unklar, wurde das Verfahren erst gar nicht eröffnet.
Wenn Nesterow und seine Untergebenen derart gelassen blieben, konnte dies nur bedeuten, dass sie überzeugt waren, den Täter schon zu haben. Ihre Arbeit war getan. Die folgende Verstandesarbeit, die Untersuchungen, die Beweisvorlage und schließlich die eigentliche strafrechtliche Verfolgung, war Sache der staatlichen Ermittler und der Staatsanwaltschaft mit ihrer Phalanx von Sledowatjel, ihren Anklägern. Leo sollte gar nicht an dem Fall mitarbeiten. Er sollte nur gezeigt bekommen, wie der Hase hier lief, und ihre Effizienz bestaunen.
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