Raisa verpasste diesen ersten Eindruck ihres neuen Zuhauses. Sie war in ihren Mantel eingemummelt und schlief, der ans Fenster gelehnte Kopf rollte mit den Bewegungen des Zuges sanft hin und her. Von hier sah es aus, als habe sich die eigentliche Stadt seitwärts an ein riesiges Montagewerk gekrallt wie eine Zecke in den Hals eines Hundes. In allererster Linie war dies hier ein industrieller Produktionsstandort und erst mit gehörigem Abstand ein Ort zum Leben.
In fahlem Orange beleuchteten die Lichter der Wohnsilos den grauen Himmel. Leo stupste Raisa an. Sie erwachte, sah erst Leo an und blickte dann aus dem Fenster.
»Wir sind da.«
Der Zug fuhr in den Bahnhof ein. Sie nahmen ihre Koffer und traten auf den Bahnsteig. Es war ein paar Grad kälter als in Moskau. Wie zwei evakuierte Kinder, die zum ersten Mal ein fremdes Land betreten, standen sie da und sahen sich mit großen Augen in der unvertrauten Umgebung um. Man hatte ihnen keinerlei Anweisungen gegeben. Sie kannten niemanden. Sie hatten noch nicht einmal eine Telefonnummer, die sie hätten anrufen können. Niemand schien sie zu erwarten.
Das Bahnhofsgebäude war leer bis auf einen einzelnen Mann, der am Fahrkartenschalter saß. Er war noch jung, kaum über zwanzig. Beim Betreten des Bahnhofsgebäudes hatte er sie aufmerksam beobachtet.
Raisa ging zu ihm hin. »Guten Abend. Wir müssen zum Hauptquartier der Miliz.«
»Sind Sie aus Moskau?«
»Genau.«
Der Mann öffnete die Tür seines Schalterhäuschens und trat auf den Querbahnsteig hinaus. Dann deutete er mit dem Finger durch die Glastüren zur Straße hinaus. »Die da warten auf Sie.«
ioo Schritt vom Bahnhof entfernt stand ein Miliz-Fahrzeug. Auf dem Weg hinaus kamen Raisa und Leo an einem schneebedeckten Stalin-Relief vorbei, das man in eine Platte gemeißelt hatte und das aussah wie eine Versteinerung. Der Wagen war ein GAZ-20, der bestimmt hier in dieser Stadt gebaut worden war. Als sie näher kamen, entdeckten sie auf dem Fahrer- und Beifahrersitz zwei Männer.
Der Wagenschlag öffnete sich und einer der beiden stieg aus, ein breitschultriger Mann mittleren Alters. »Leo Demidow?«
»Ja.«
»Ich bin General Nesterow, der Chef der hiesigen Miliz.«
Leo überlegte, warum der Mann sich die Mühe gemacht hatte, ihn persönlich abzuholen. Mit Sicherheit hatte Wassili Anweisung gegeben, ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. Aber selbst wenn Wassili nichts gesagt hatte, allein die Ankunft eines ehemaligen MGB-Agenten aus Moskau würde die Miliz misstrauisch machen. Man würde nicht glauben, dass er nur hergekommen war, um als untere Charge anzufangen. Höchstwahrscheinlich vermuteten sie hinter dem Ganzen anderweitige Absichten und verdächtigten Leo, nach Moskau Bericht zu erstatten, aus welchem Grund auch immer. Je mehr Wassili versucht hatte, sie vom Gegenteil zu überzeugen, desto misstrauischer waren sie wahrscheinlich geworden. Warum sollte ein Agent hunderte Kilometer fahren, nur um in einer unbedeutenden Milizeinheit zu arbeiten? Da stimmte doch was nicht. In dieser klassenlosen Gesellschaft war die Miliz so ziemlich das Letzte vom Letzten.
Jedem Schulkind wurde beigebracht, dass Mord, Diebstahl und Vergewaltigung Symptome einer kapitalistischen Gesellschaft waren, und eine entsprechend geringe Rolle spielte die Miliz. Alle Bürger waren gleich, da gab es keinen Grund für Diebstahl und Gewalt. In einem kommunistischen Staat brauchte man eigentlich gar keine Polizei. Deshalb war die Miliz auch nichts weiter als eine unbedeutende Unterabteilung des Innenministeriums: schlecht bezahlt und schlecht angesehen. Die Truppe rekrutierte sich vornehmlich aus jungen Burschen, die die Schule abgebrochen hatten, Landarbeitern, die man aus Kolchosen geworfen hatte, entlassenen Soldaten und Männern, deren Wohlwollen man sich mit einer halben Flasche Wodka kaufen konnte. Offiziell lag die Kriminalitätsrate der UdSSR bei nahezu null Prozent. Die Zeitungen schrieben oft darüber, welche Unsummen in den Vereinigten Staaten von Amerika für die Verbrechensbekämpfung verschwendet wurden, wo man glitzernde Polizeiautos und an jeder Straßenecke Polizisten in feschen, sauberen Uniformen brauchte, ohne die die Gesellschaft zusammenbrechen würde. Der Westen beschäftige viele seiner talentiertesten Männer und Frauen damit, Verbrechen zu bekämpfen, statt dass sie ihre Zeit sinnvoll nutzten und etwas aufbauten. Hier bei ihnen wurde keine Arbeitskraft vergeudet. Alles, was man brauchte, war ein bunt zusammengewürfelter Haufen kräftiger, aber ansonsten unbrauchbarer Männer, die nichts anderes konnten, als Schlägereien unter Betrunkenen zu beenden. So weit die Theorie. Leo hatte keinen Schimmer, wie hoch die Verbrechensrate tatsächlich war. Er legte auch keinen gesteigerten Wert darauf, es herauszufinden, weil diejenigen, die die Quote kannten, vermutlich regelmäßig liquidiert wurden. Die Produktionszahlen der Fabriken standen in der >Prawda< auf der Titelseite, im Mittelteil und auch noch ganz hinten. Nur gute Nachrichten waren es wert, gedruckt zu werden, hohe Geburtenraten, Gebirgsstrecken der Eisenbahn oder neue Kanäle.
Wenn man all dies in Betracht zog, war Leos Ankunft hier bemerkenswert ungewöhnlich. Eine Stelle beim MGB verschaffte einem mehr Blat, mehr Respekt, Einfluss und materielle Vergünstigungen als fast jede andere Arbeit. Freiwillig verließ man so einen Posten nicht. Und wenn er in Ungnade gefallen war, warum hatte man ihn dann nicht einfach verhaftet? Obwohl der MGB ihn fallengelassen hatte, warf Leo immer noch seinen Schatten, und er begriff, dass das möglicherweise ein wertvoller Vorteil war.
Nesterow trug ihre Koffer so mühelos zum Wagen, als seien sie leer. Er lud sie in den Kofferraum und hielt ihnen dann die Hintertür auf. Im Wagen nahm Leo seinen neuen Vorgesetzten in Augenschein, der sich gerade auf den Beifahrersitz klemmte. Der Mann war einfach zu groß, selbst für so ein stattliches Auto. Die Knie reichten ihm fast bis unters Kinn. Auf dem Fahrersitz neben ihm saß ein junger Kerl. Nesterow machte sich nicht die Mühe, ihn vorzustellen. Ähnlich wie beim MGB hatte jedes Fahrzeug einen eigenen Fahrer, der dafür verantwortlich war. Die Beamten bekamen keinen eigenen Wagen und saßen auch nicht selbst am Steuer. Der Fahrer legte den Gang ein und fuhr auf eine leere Straße hinaus. Kein anderer Wagen war in Sicht.
Nesterow ließ sich Zeit. Wahrscheinlich wollte er nicht den Eindruck erwecken, seinen neuen Rekruten ausfragen zu wollen. Schließlich sah er Leo durch den Rückspiegel an und bemerkte: »Vor drei Tagen wurde uns mitgeteilt, dass Sie herkommen. Eine ungewöhnliche Versetzung.«
»Wir müssen hingehen, wo wir gebraucht werden.«
»Hierhin ist schon seit geraumer Zeit keiner mehr versetzt worden. Und ich wüsste nicht, dass ich einen zusätzlichen Mann angefordert hätte.«
»Die Produktionsleistung der Fabrik genießt offiziell hohe Priorität. Man kann gar nicht genug Leute haben, um die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten.«
Raisa wandte sich zu ihrem Mann um. Vermutlich waren seine hintergründigen Antworten Absicht. Selbst jetzt, wo er degradiert und aus dem MGB geworfen worden war, machte er sich noch die Angst zunutze, die der Geheimdienst auslöste. In ihrer heiklen Situation war das vielleicht nicht einmal so dumm.
Nesterow fragte: »Klären Sie mich auf. Sollen Sie als Syscht-schik anfangen? Als Kommissar? Die Anweisungen aus Moskau haben uns etwas verwirrt. Da hieß es nämlich, Sie sollen als Uschastkowje anfangen. Für einen Mann mit Ihrem Status bedeutet das eine erhebliche Herabstufung in seinen Verantwortlichkeiten.«
»Mein Befehl besagt, dass ich Ihnen unterstellt bin. In welchen Dienstgrad Sie mich einstufen, liegt in Ihren Händen.«
Schweigen. Vermutlich passte es dem General nicht, dachte Raisa, dass man die Frage wieder an ihn zurückdelegierte. Hörbar übellaunig raunzte er: »Fürs Erste wohnen Sie in der Pension. Sobald eine freie Wohnung zur Verfügung steht, wird sie Ihnen zugewiesen. Ich sollte Sie aber vorwarnen, dass es eine lange Warteliste gibt. Und da kann ich auch nichts deichseln. Bei der Miliz zu sein bringt einem nicht gerade Vorteile.«
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