Raisa saß unten an einem Tisch. Sie hatte die ganze Nacht auf ihn gewartet. Genau wie Wassili vorhergesagt hatte, wusste sie, dass Leo inzwischen seine Entscheidung bedauerte, sie nicht denunziert zu haben. Der Preis dafür war zu hoch. Aber was hätte sie denn machen sollen? So tun, als ob er alles für die perfekte Liebe geopfert hatte? So etwas ließ sich doch nicht einfach herbeizaubern. Selbst wenn sie es gewollt hätte, sie hätte gar nicht gewusst, wie. Was sagte man da, wie verhielt man sich? Vielleicht hätte sie es ihm ein bisschen schonender beibringen können. Tatsächlich hatte sie seine Degradierung heimlich genossen. Nicht aus Boshaftigkeit oder Rachsucht, sondern weil sie wollte, dass er es begriff: So habe ich mich jeden Tag gefühlt. So fühlten sich die meisten Leute jeden Tag: machtlos und verängstigt. Sie wollte, dass er das nachempfand, dass er es am eigenen Leib zu spüren bekam.
Als Leo das Restaurant betrat, blickte Raisa erschöpft und mit schweren Lidern hoch. Sie stand auf, ging zu ihm und sah seine blutunterlaufenen Augen. Sie hatte ihn noch nie weinen sehen. Er wandte sich ab und goss sich aus der nächstbesten Flasche etwas zu trinken ein. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. Dann passierte alles im Bruchteil einer Sekunde. Leo wirbelte herum, packte sie am Hals und drückte zu. »Du hast mir das eingebrockt!«
Er presste ihr die Adern ab, ihr Gesicht lief hochrot an. Sie bekam keine Luft mehr, röchelte. Leo riss sie hoch, bis sie auf Zehenspitzen stand. Sie nestelte an seinen Händen, aber er ließ nicht los und sie konnte sich nicht befreien.
Sie tastete auf einem Tisch herum, versuchte ein Glas zu fassen zu bekommen, ihre Sicht war bereits getrübt. Ihre Finger berührten ein Glas und warfen es um, aber es fiel so, dass sie es erreichen konnte. Sie ergriff es, holte aus und schlug es Leo ins Gesicht. Das Glas zersplitterte in ihrer Hand und schnitt ihr die Handfläche auf. Als sei ein böser Zauber von ihm abgefallen, ließ er sie los. Raisa wich zurück, hustete und hielt sich den Hals. Sie starrten einander an wie Fremde, als sei ihre ganze gemeinsame Geschichte in diesem einen, kurzen Moment ausgelöscht worden. In Leos Wange steckte ein Glassplitter. Er befühlte sie, zog ihn heraus und untersuchte ihn auf seiner Handfläche. Ohne sich noch einmal umzuwenden, drängte sich Raisa an ihm vorbei zur Treppe und rannte nach oben. Er blieb zurück.
Anstatt seiner Frau zu folgen, kippte Leo das Glas hinunter, das er sich schon eingegossen hatte, dann goss er sich noch eins ein, und noch eins, und als er irgendwann draußen Nesterows Wagen vorfahren hörte, hatte er die Flasche fast leergetrunken. Unsicher auf den Beinen, ungewaschen und unrasiert, betrunken, stumpfsinnig und von sinnloser Gewalttätigkeit - er hatte nicht einmal einen Tag gebraucht, um auf das Niveau herabzusinken, das man von der Miliz gewohnt war.
Den Schnitt in Leos Gesicht erwähnte Nesterow auf der Fahrt mit keiner Silbe. Stattdessen sprach er in knappen Sätzen über die Stadt. Leo hörte nicht zu, nahm kaum seine Umgebung wahr, so sehr beschäftigte ihn das, was er gerade getan hatte. Hatte er tatsächlich versucht, die eigene Frau zu erwürgen, oder spielte ihm sein übernächtigtes Hirn einen Streich? Er befühlte seine Wange und sah Blut auf den Fingerspitzen. Es stimmte also, er hatte es getan. Noch ein paar Sekunden länger, ein bisschen fester zugedrückt, und sie wäre jetzt tot. Was ihn dazu provoziert hatte, war die Tatsache, dass er alles geopfert hatte, seine Eltern, seine Karriere, und nur, weil man ihm etwas vorgegaukelt hatte. Den Traum von einer Familie. Die Vorstellung, dass es zwischen ihnen ein Band gab. Sie hatte ihn ausgetrickst, mit gezinkten Karten gespielt, um ihn in eine Entscheidung hineinzumanövrieren. Erst als sie in Sicherheit war und seine Eltern leiden mussten, hatte sie zugegeben, dass ihre Schwangerschaft erstunken und erlogen war. Mehr noch, sie hatte ihm ins Gesicht gesagt, wie sehr sie ihn verabscheute. Erst hatte sie seine Gutherzigkeit ausgenutzt und ihm dann ins Gesicht gespuckt. Was hatte er als Dank für sein Opfer bekommen, dafür, dass er eindeutiges Belastungsmaterial wissentlich übersehen hatte? Gar nichts.
Aber er glaubte ja selbst nicht, was er da dachte. Er musste mit seiner Selbstgerechtigkeit aufhören. Was er getan hatte, war unverzeihlich. Und sie hatte doch allen Grund, ihn zu verachten. Wie viele Brüder und Schwestern, Mütter und Väter hatte er verhaftet? Was unterschied ihn denn überhaupt von Wassili Nikitin, dem Mann, den er als seinen moralischen Widerpart hinstellte? War wirklich der einzige Unterschied der, dass Wassili willkürlich grausam war, während er selbst es aus idealistischen Gründen war?
Die eine Grausamkeit war leer und gleichgültig, die andere war prinzipientreu und anmaßend, eine Grausamkeit, die sich selbst für vernünftig und notwendig hielt. Hatte es ihm einfach an Vorstellungskraft gefehlt zu erkennen, auf was er sich da eingelassen hatte? Schlimmer noch, hatte er es sich vielleicht gar nicht vorstellen wollen? Leo verbot sich diese Gedanken, schob sie beiseite.
Aus dem Schutt all seiner moralischen Gewissheiten ragte nur noch eine Tatsache hervor: Erst hatte er für Raisa sein Leben weggeworfen, nur um anschließend zu versuchen, sie umzubringen. Das war doch verrückt! Jetzt hatte er gar nichts mehr, nicht einmal die Frau, die er geheiratet hatte. Gern hätte er gesagt, die Frau, die er liebte. Liebte er sie? Er hatte sie doch geheiratet, war das nicht dasselbe? Nein, wohl nicht. Er hatte sie geheiratet, weil sie so schön und intelligent und er so stolz war, sie an seiner Seite zu haben. So stolz, sie zur Seinen zu machen. Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg zum perfekten sowjetischen Leben gewesen: Arbeit, Familie, Kinder. In vielerlei Hinsicht war sie nur ein Symbol gewesen, ein Rädchen im Getriebe seines Ehrgeizes, der notwendige häusliche Hafen für die erfolgreiche Karriere und den Status als vorbildlicher Bürger. Hatte Wassili vielleicht recht gehabt mit seinen Worten, er könne sie doch einfach gegen eine andere austauschen? Im Zug hatte Leo von ihr verlangt, ihm ihre Liebe zu erklären, ihn zu trösten, ihn mit einem romantischen Märchen zu belohnen, in dem er den Helden spielte. Es war erbärmlich. Leo seufzte laut auf und rieb sich die Stirn. Er hatte sich an die Wand spielen lassen. Und für Wassili war es ja auch nichts anderes, ein Spiel, und jeder Spielstein stand stellvertretend für Leid. Nicht Wassili hatte seine Frau geschlagen und ihr wehgetan, das hatte Leo selbst besorgt und den Plan dieses Mannes bis aufs i-Tüpfelchen ausgeführt.
Sie waren da. Der Wagen hielt. Nesterow war schon ausgestiegen und wartete auf ihn. Leo hatte keine Ahnung, wie lange er so dagesessen hatte. Er öffnete die Tür, stieg aus und folgte seinem Vorgesetzten ins Hauptquartier der Miliz, um den ersten Tag seines Dienstes anzutreten. Er wurde Mitarbeitern vorgestellt, schüttelte Hände, nickte, bestätigte, konnte sich aber überhaupt nichts merken. Weder Namen noch irgendwelche Einzelheiten. Sie gingen ihm zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus, und erst, als er allein im Umkleideraum saß und vor sich seine Uniform sah, konnte er sich wieder auf die Gegenwart konzentrieren. Er zog seine Schuhe aus, streifte vorsichtig die schwarzen Strümpfe von den blutigen Zehen, hielt die Füße unter kaltes Wasser und sah zu, wie es sich rot färbte. Weil er keine anderen Strümpfe bei sich hatte und es auch nicht über sich bringen konnte, nach welchen zu fragen, zog er gezwungenermaßen die alten wieder an und zuckte vor Schmerz zusammen, als der Stoff über die offenen Blasen glitt. Dann zog er sich aus, legte seine Zivilkleider übereinander auf den Boden seines Spinds und knöpfte sich die neue Uniform zu, derbe Hosen mit roten Streifen und eine schwere, militärisch wirkende Jacke. Leo begutachtete sich im Spiegel. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und eine nässende Wunde auf der linken Wange. Er untersuchte die Abzeichen an seiner Uniformjacke. Er war ein Uschastkowje. Ein Nichts.
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