Der Wagen hielt vor einem Haus, das aussah wie ein Restaurant. Nesterow machte den Kofferraum auf, holte die Koffer heraus und stellte sie auf den Bürgersteig. Leo und Raisa blieben stehen und warteten auf Anweisungen.
An Leo gewandt sagte Nesterow: »Wenn Sie Ihre Koffer auf Ihr Zimmer gebracht haben, kommen Sie bitte wieder zum Wagen. Ihre Frau kann dableiben.«
Raisa unterdrückte den Ärger darüber, dass man über sie sprach, als sei sie Luft. Sie sah zu, wie Leo Nesterows Beispiel folgte und beide Koffer auf einmal nahm. Seine Protzerei erstaunte sie, aber sie würde ihn jetzt nicht in Verlegenheit bringen. Sollte er sich doch mit ihrem Koffer abschleppen, wenn er darauf bestand. Leo ging voraus, drückte die Tür auf und betrat das Restaurant.
Drinnen war es dunkel. Die Fensterläden waren zu und es stank nach kaltem Rauch. Auf den Tischen standen überall noch die schmutzigen Gläser vom Vorabend. Leo setzte die Koffer ab und klopfte auf eine der schmierigen Tischplatten.
In der Tür erschien die Silhouette eines Mannes. »Wir haben geschlossen.«
»Mein Name ist Leo Demidow. Das hier ist meine Frau Raisa. Wir sind gerade aus Moskau angekommen.«
»Danil Basarow.«
»General Nesterow hat mir gesagt, dass Sie uns unterbringen können.«
»Reden Sie von dem Zimmer im Obergeschoss?«
»Ich weiß nicht ... ja, ich glaube schon.«
Basarow kratzte sich die Speckrollen an seinem Bauch. »Dann zeige ich Ihnen mal Ihr Zimmer.«
Das Zimmer war klein. Man hatte zwei Einzelbetten zusammengeschoben, dazwischen war eine Besucherritze. Beide Matratzen hingen durch. Die Tapete warf Blasen wie die Haut eines Jünglings und war von einer klebrigen Fettschicht bedeckt. Wahrscheinlich Kochdünste, vermutete Leo, denn das Zimmer lag direkt über der Küche, man konnte sie durch die Ritzen in den Dielen sehen, und sie belüftete das Zimmer mit den Gerüchen von dem, was unten gerade gekocht wurde: gesottene Innereien, Knorpel und Schmalz.
Basarow war über Leos Erscheinen nicht gerade erbaut. Dieses Zimmer, diese Betten, waren von seinem »Personal« benutzt worden, womit er die Frauen meinte, die seine Gäste bearbeitet hatten. Dennoch konnte er die Bitte nicht abschlagen. Schließlich gehörte ihm das Haus nicht, und wenn der Laden laufen sollte, war er auf den guten Willen der Miliz angewiesen. Sie wussten, dass er Gewinn machte, und hatten auch nichts dagegen, solange sie ihren Anteil abkriegten. Nichts war deklariert, alles inoffiziell -ein geschlossener Kreislauf. Ehrlich gesagt machten diese neuen Gäste ihn ein bisschen nervös. Die waren vom MGB, hieß es. Das hielt ihn davon ab, so grob zu werden, wie es sonst seine Art war. Er wies den Flur hinunter zu einer halb offenstehenden Tür. »Da ist das Klo. Wir haben eins im Haus.«
Raisa versuchte das Fenster zu öffnen, aber es war zugenagelt, als ob man jemanden daran hindern wollte hinauszuspringen. Sie starrte hinaus: nur Bruchbuden und schmutziger Schnee. Das war also ihr neues Zuhause.
Leo war plötzlich müde. Solange seine Erniedrigung nur eine Vorstellung gewesen war, hatte er sie ertragen, aber jetzt hatte sie konkrete Formen angenommen: dieses Zimmer. Er wollte nur noch schlafen, die Augen zumachen und die Welt aussperren. Aber er musste ja wieder nach draußen. Also stellte er seinen Koffer aufs Bett und vermied es, Raisa anzuschauen, nicht aus Wut, sondern aus Scham. Ohne ein Wort verließ er das Zimmer.
Sie fuhren mit ihm zum Fernsprechamt und brachten ihn hinein. In einer Schlange warteten ein paar hundert Menschen auf die ihnen zugeteilte Sprechzeit, jeweils nur ein paar Minuten. Da man die meisten dieser Leute gezwungen hatte, ihre Familien zurückzulassen und in dieser Stadt zu arbeiten, konnte Leo nachvollziehen, wie wertvoll ihnen diese wenigen Minuten waren. Nesterow allerdings hatte es nicht nötig, sich anzustellen, er marschierte direkt auf eine der Zellen zu.
Nachdem er die Verbindung hergestellt und einige Zeit mit jemandem gesprochen hatte, ohne dass Leo etwas hätte verstehen können, reichte Nesterow ihm den Hörer. Leo hielt ihn sich ans Ohr und wartete.
»Wie ist die Unterbringung?« Es war Wassili. Er fuhr fort: »Du würdest am liebsten auflegen, stimmt’s? Aber das kannst du nicht. Noch nicht mal das kannst du.«
»Was willst du?«
»Ich will in Verbindung bleiben, damit du mir von deinem Leben da drüben berichten kannst und ich dir von meinem hier. Ehe ich es vergesse: Die Wohnung, die du deinen Eltern besorgt hattest, ist ihnen wieder weggenommen worden. Wir haben etwas für sie gefunden, was ihrem Status angemessener ist. Ist vielleicht ein bisschen kalt und beengt. Und bestimmt schmutzig. Sie wohnen jetzt mit einer siebenköpfigen Familie zusammen, glaube ich. Fünf kleine Kinder. Übrigens habe ich überhaupt nicht gewusst, dass dein Vater so schrecklich unter Rückenschmerzen leidet. Zu dumm, dass er jetzt ein Jahr vor der Rente wieder zurück ans Fließband musste. Ein Jahr kann einem schnell wie zehn vorkommen, wenn einem die Arbeit keinen Spaß macht. Aber das wirst du sicher bald selbst merken.«
»Meine Eltern sind gute Leute. Sie haben ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet. Sie haben niemandem etwas getan.«
»Aber ich lasse sie trotzdem bluten.«
»Was willst du von mir?«
»Ich will, dass du dich entschuldigst.«
»Wassili, es tut mir leid.«
»Du weißt ja noch nicht mal, wofür du dich entschuldigen sollst.«
»Ich habe dich schlecht behandelt. Und das tut mir leid.«
»Was tut dir leid? Ein bisschen genauer bitte. Deine Eltern sind schließlich auf dich angewiesen.«
»Ich hätte dich nicht schlagen sollen.«
»Du gibst dir nicht genügend Mühe. Versuch mich zu überzeugen.«
Leo war verzweifelt, seine Stimme zitterte. »Ich weiß nicht, was du noch von mir willst. Du hast alles. Ich habe nichts.«
»Ganz einfach. Ich will, dass du bettelst.«
»Ich bettele ja, Wassili, hör dir doch meine Stimme an. Ich bitte dich. Lass meine Eltern zufrieden. Bitte ...«
Wassili hatte eingehängt.
Nachdem er die ganze Nacht gelaufen war, mit Blasen an den Füßen und blutdurchtränkten Strümpfen, setzte sich Leo auf eine Parkbank, verbarg den Kopf in den Händen und weinte.
Er hatte weder geschlafen noch etwas gegessen. Als Raisa am vergangenen Abend mit ihm hatte reden wollen, hatte er sie nicht beachtet, und das Essen, das sie ihm aus dem Restaurant heraufgeholt hatte, hatte er nicht angerührt. Er hatte es in diesem winzigen, stinkenden Zimmer einfach nicht mehr ausgehalten, also war er runtergegangen, hatte sich mit den Ellenbogen seinen Weg durch die Menge gebahnt und war nach draußen verschwunden. Ohne Orientierung war er einfach losgelaufen, zu entmutigt und aufgebracht, um einfach nur ruhig und untätig dazusitzen, obwohl er begriff, dass genau das seine Zwickmühle war. Er konnte gar nichts machen.
Noch einmal widerfuhr ihm eine Ungerechtigkeit, aber diesmal war er gänzlich machtlos. Man würde seine Eltern nicht einfach in den Hinterkopf schießen, das wäre zu schnell gewesen, beinahe wie ein Gnadenakt. Nein, man würde sie nach und nach fertigmachen. Leo konnte sich gut vorstellen, was einem systematisch vorgehenden, sadistischen Kleingeist so alles einfiel. Erst einmal würde man seine Eltern in der Fabrik zurückstufen und ihnen die schwersten, schmutzigsten Arbeiten zuweisen. Arbeiten, mit denen sogar ein junger und starker Mensch zu kämpfen gehabt hätte. Man würde sie mit Geschichten über Leos bemitleidenswertes Schicksal, seine Schande und seine Erniedrigung quälen. Wahrscheinlich hatte man ihnen sogar erzählt, dass er in einem Gulag stecke, zu zwanzig Jahren Katorga verurteilt, Schwerstarbeit.
Was die Familie betraf, mit der seine Eltern nun ihre Wohnung teilen mussten, konnte man sicher sein, dass es äußerst widerwärtige Störenfriede waren. Den Kindern wurde Schokolade versprochen, wenn sie nur gehörig Lärm machten, und den Eltern eine eigene Wohnung, wenn sie Essen stahlen, Streit anfingen und den anderen nach Möglichkeit das Leben zur Hölle machten. Die Einzelheiten wollte Leo sich lieber gar nicht vorstellen. Wassili würde sie ihm schon mit Freuden berichten, in der sicheren Gewissheit, dass Leo nicht einhängen würde, weil er Angst hatte, dass es seine Eltern danach nur umso schlimmer träfe. Aus der Ferne würde Wassili ihn zerbrechen, systematisch den Hebel da ansetzen, wo er am verwundbarsten war - bei seiner Familie. Wehren konnte Leo sich nicht. Es würde sicher nicht allzu schwer sein, die Adresse seiner Eltern herauszubekommen, aber wenn seine Briefe nicht ohnehin abgefangen und verbrannt wurden, konnte er ihnen wenig mehr mitteilen, als dass er in Sicherheit war. Er hatte ihnen ein angenehmes Leben verschafft, nur um jetzt zu erleben, dass es ihnen wieder entrissen wurde. Und das zu einem Zeitpunkt, wo sie mit den Veränderungen am wenigsten fertig werden würden.
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