Der Mann schenkte ihr nach und sprach sein erstes Wort. »Trink.«
»Erst bezahlst du mich. Danach kannst du mir sagen, was ich zu machen habe. Das ist die Regel. Übrigens die einzige Regel.«
Das Gesicht des Mannes geriet in Bewegung, so als hätte man einen Stein ins Wasser geworfen. Eine Sekunde lang konnte sie unter seiner gleichgültigen, plumpen Fassade etwas anderes erkennen, etwas Abstoßendes. Am liebsten hätte sie den Kopf abgewandt. Aber das Gold sorgte dafür, dass sie ihn weiter ansah, das Gold hielt sie auf diesem Stuhl. Er zog das Klümpchen aus der Tasche und hielt es ihr hin. Als sie die Hand ausstreckte und es von seiner feuchten Handfläche nahm, packte er zu und umklammerte ihre Finger. Es tat nicht weh, aber trotzdem waren ihre Finger gefangen. Entweder ergab sie sich seinem Klammergriff oder sie zog die Hand heraus, ohne Gold. Sie erriet, was von ihr erwartet wurde, kicherte und lachte wie ein hilfloses Mädchen und ließ den Arm hängen. Er ließ los. Sie nahm das Klümpchen und musterte es. Es hatte die Form eines Zahns. Verwirrt schaute sie den Mann an. »Wo hast du den denn her?«
»In schweren Zeiten verkaufen die Leute alles, was sie haben.« Er lächelte, und ihr wurde übel. Was war denn das für ein Zahlungsmittel? Er schüttete Wodka nach. Der Zahn war ihr Fahrschein von hier weg. Sie trank ihr Glas aus.
Ilinaja blieb stehen. »Arbeitest du im Sägewerk?«
Sie wusste, dass er das nicht tat, aber die einzigen Häuser, die es hier gab, waren die für die Sägewerksarbeiter. Er bequemte sich nicht einmal, ihr zu antworten.
»He! Wo gehen wir hin?«
»Wir sind fast da.« Er führte sie zum Bahnhof am Stadtrand. Das Bahnhofsgebäude selbst war zwar neu, aber es lag in einem der ältesten Bezirke der Stadt, der nur aus baufälligen hölzernen Einzimmerhütten mit Blechdächern bestand, die sich in den nach Abwasser stinkenden Straßen aneinanderreihten.
Die Hütten waren für die Leute vom Sägewerk. Zu fünft, sechst oder gar siebt hausten sie in einem Raum. Für das, was Ilinaja und der Mann vorhatten, nicht gerade ideal.
Es herrschte eine Eiseskälte. Ilinaja wurde langsam wieder nüchtern, und die Füße taten ihr weh. »Das geht alles von deiner Zeit ab. Der Goldklumpen ist gut für eine Stunde, so war es ausgemacht. Abzüglich der Zeit, die ich brauche, um wieder ins Restaurant zurückzukommen, hast du ab jetzt noch zwanzig Minuten.«
»Es ist hinterm Bahnhof.«
»Da hinten kommt doch nur noch Wald.«
»Wirst schon sehen.« Er marschierte weiter, bis er neben dem Bahnhof war, und deutete in die Dunkelheit.
Sie schob sich die Hände in die Jackentaschen, schloss zu ihm auf und spähte in die Richtung, in die er zeigte. Sie sah nur Gleise, die sich in der Dunkelheit verloren, sonst nichts.
»Was gibt’s denn da zu sehen?«
»Das da.« Er deutete auf ein kleines Blockhaus an den Gleisen, nicht weit vom Waldrand entfernt. »Ich bin Ingenieur. Ich arbeite für die Eisenbahn. Die Hütte gehört der Gleismeisterei. Da sind wir für uns.«
»In einem Zimmer wären wir auch für uns.«
»Da, wo ich wohne, kann ich dich nicht mit hinnehmen.«
»Ich kenne ein paar Orte, wo wir hätten hingehen können.«
»So ist es besser.«
»Nicht für mich.«
»Es gab eine Regel. Ich zahle, du gehorchst. Entweder gibst du mir mein Gold wieder oder du machst, was ich sage.«
Das Gold war das einzig Gute an der Sache. Er streckte die Hand aus und wartete, dass sie ihm den Zahn zurückgab. Weder sah er wütend aus, noch enttäuscht oder ungeduldig. Seine Gleichgültigkeit fand Ilinaja ermutigend. Sie ging auf das Blockhaus zu. »Du hast zehn Minuten da drinnen, abgemacht?«
Er antwortete nicht, was sie als Ja auffasste.
Das Blockhaus war verschlossen, aber er hatte einen Schlüsselbund, und nachdem er mühselig den richtigen Schlüssel herausgefischt hatte, kämpfte er mit dem Schloss. »Es ist eingefroren.«
Statt einer Antwort wandte sie nur den Kopf ab und seufzte zum Zeichen ihres Unmuts. Diskretion war ja schön und gut, und sie hatte gleich geahnt, dass er verheiratet war. Aber er lebte doch nicht einmal in dieser Stadt, wo war also das Problem? Vielleicht übernachtete er bei Verwandten oder Freunden, oder er war ein hochrangiges Parteimitglied. Ihr war das schnuppe. Sie wollte nur die nächsten zehn Minuten möglichst schnell hinter sich bringen.
Er kauerte sich hin, formte die Hände um das Vorhängeschloss zu einem Trichter und hauchte es an. Der Schlüssel glitt hinein, und das Schloss schnappte auf. Ilinaja blieb draußen stehen. Wenn es hier kein Licht gab, konnte er die Sache gleich vergessen, und den Goldzahn würde sie trotzdem behalten. Sie hatte dem Kerl mehr als genug Zeit gelassen. Wenn er sie mit einer Expedition nach nirgendwo verplempern wollte, war das seine Sache.
Er betrat das Blockhaus und verschwand in der Dunkelheit. Sie hörte ihn ein Streichholz anzünden. Eine Sturmlampe flackerte auf. Der Mann drehte die Flamme hoch und hängte die Lampe an einen verbogenen Haken, der aus dem Dach ragte. Sie linste hinein. Das Blockhaus war voller Ersatzgleise, Schrauben, Bolzen, Werkzeug und Holz. Es roch nach Teer. Er fing an, eine der Werkbänke frei zu räumen. Ilinaja lachte. »Da kriege ich ja Splitter in den Hintern.«
Zu ihrer Überraschung wurde er rot wie ein Schuljunge. Er breitete seinen Mantel auf der Arbeitsfläche aus. Sie trat ein. »Wie galant.«
Normalerweise zog sie den Mantel aus, setzte sich vielleicht aufs Bett und rollte einen Strumpf herunter, gab eine kleine Vorstellung. Aber ohne Bett und Heizung würde sie lediglich ihr Kleid lüpfen und die restlichen Sachen anbehalten.
»Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich den Mantel anlasse.« Sie schloss die Tür, obwohl das wahrscheinlich auch keinen großen Temperaturunterschied bedeutete. Hier drin war es fast so kalt wie draußen. Ilinaja wandte sich um.
Der Mann war jetzt viel näher bei ihr, als sie in Erinnerung hatte. Für einen Sekundenbruchteil sah sie etwas Metallisches, das auf sie zukam. Es ging zu schnell, als dass sie hätte erkennen können, was es war. Es traf sie seitlich im Gesicht. Schmerz durchfuhr sie, breitete sich vom Kopfüber die Wirbelsäule hinunter in die Beine aus, die Muskeln erschlafften und die Beine knickten ein, als ob man die Sehnen durchtrennt hätte. Sie schlug rückwärts gegen die Tür, sah nur noch verschwommen, ihr Gesicht brannte, sie hatte Blut im Mund. Gleich würde sie umkippen, ohnmächtig werden, aber sie kämpfte dagegen an, zwang sich, wach zu bleiben, und konzentrierte sich auf seine Stimme. »Du machst genau, was ich dir sage.«
Würde er von ihr ablassen, wenn sie sich ihm unterwarf? Die Zahnsplitter, die sich ihr in den Gaumen bohrten, belehrten sie eines Besseren. Auf die Gnade dieses Kerls konnte sie sich nicht verlassen. Wenn sie schon in dieser elenden Stadt verrecken muss-te, in die irgendein staatlicher Zwangserlass sie verfrachtet hatte, 1700 Kilometer weit weg von ihrer Familie, dann würde sie diesem Scheißkerl wenigstens vorher noch die Augen auskratzen.
Er umklammerte ihre Arme, vermutlich glaubte er, aller Widerstand sei gebrochen. Ilinaja spuckte ihm einen Mundvoll blutigen Schleim in die Augen. Damit hatte er wohl nicht gerechnet, er ließ los. Sie tastete nach der Tür hinter sich und drückte dagegen. Die Tür schwang auf, und Ilinaja fiel rücklings nach draußen in den Schnee, blieb auf dem Rücken liegen und starrte in den Himmel. Der Mann langte nach ihren Beinen. Wild um sich tretend versuchte sie, von ihm wegzukommen. Er erwischte einen Fuß und zog sie zurück in die Hütte. Sie konzentrierte sich und zielte, ihre Ferse erwischte ihn am Kinn. Das hatte gesessen. Sein Kopf flog herum, sie hörte ihn aufjaulen. Er konnte sie nicht mehr festhalten. Sie rollte sich auf den Bauch, rappelte sich hoch und stolperte los.
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