In dieser Nacht war das Klopfen an der Tür nicht gekommen. Vier Uhr nachts war vorbei, und keine Verhaftung. Als es dann Mittag wurde, bereitete Leo schließlich ein Frühstück zu. Er fragte sich, warum es so lange dauerte. Als es endlich das erste Mal an der Tür klopfte, sprangen sie keuchend auf, weil sie erwarteten, dass dies das Ende war. Die Geheimdienstler waren da, um sie abzuholen, voneinander zu trennen und separat zu verhören. Aber es waren immer nur harmlose Angelegenheiten. Die Wache wechselte, ein Beamter wollte aufs Klo, konnte man ihnen was zu essen abkaufen? Vielleicht fanden sie einfach keine Beweise, vielleicht war ihre Unschuld erwiesen und die Anklage in sich zusammengefallen. Aber Leo hatte sich dieser Illusion nur kurz hingegeben. Aus Mangel an Beweisen wurden Anklagen nie und nimmer fallengelassen. Dennoch, aus einem Tag wurden zwei und aus zwei vier.
Nach einer Woche ihres Arrests war eines Tages einer der Beamten mit aschfahlem Gesicht zu Leo und Raisa in die Wohnung gekommen. Jetzt war es so weit. Stattdessen aber hatte der Mann ihnen mit bebender Stimme verkündet, ihr Führer Stalin sei tot. Erst in diesem Moment hatte Leo sich an ein Fünkchen Hoffnung geklammert, ob sie nicht vielleicht doch eine Chance hatten zu überleben.
Die Zeitungen waren hysterisch gewesen, die Wachen ebenso, aber an Fakten zu Stalins Tod war kaum heranzukommen. Schließlich hatte sich Leo mühsam zusammengereimt, dass Stalin friedlich in seinem Bett gestorben war. Seine letzten Worte hatten angeblich ihrem großartigen Land und dessen großartiger Zukunft gegolten. Leo hatte das keine Sekunde lang geglaubt. Er kannte sich zu gut mit Paranoia und Komplotten aus, um nicht die Schwachstellen an der Geschichte zu erkennen. Von seiner Arbeit her wusste er, dass Stalin erst kürzlich im Rahmen einer Säuberungsaktion gegen bekannte jüdische Bürger die berühmtesten Ärzte hatte verhaften lassen. Ärzte, die ihr ganzes Berufsleben damit verbracht hatten, ihn bei guter Gesundheit zu erhalten. Es konnte kein Zufall sein, dass Stalin genau dann eines angeblich natürlichen Todes gestorben war, als es keine medizinischen Fachkräfte mehr gab, die den Grund für seine plötzliche Erkrankung hätten herausfinden können. Auch wenn man alle moralischen Bedenken beiseite schob, war Stalins Säuberungsaktion schon allein aus taktischen Erwägungen ein Fehler gewesen. Damit hatte er sich selbst entblößt. Leo hatte keinen blassen Schimmer, ob Stalin ermordet worden war oder nicht. Aber dass seine Ärzte verhaftet worden waren, hatte mutmaßlichen Attentätern zumindest freie Hand gelassen. Sie hatten sich lediglich zurücklehnen und abwarten müssen, bis er starb, in der Gewissheit, dass eben die Männer und Frauen, die sie hätten aufhalten können, hinter Gittern saßen. Aber es war natürlich auch möglich, dass Stalin ganz einfach krank geworden war und niemand gewagt hatte, sich über seine Befehle hinwegzusetzen und die Ärzte freizulassen. Denn wenn Stalin wieder gesund geworden wäre, hätte man sie möglicherweise wegen Ungehorsams hingerichtet.
Aber eigentlich war Leo diese Augenwischerei egal. Wichtig war nur, dass der Mann tot war. Jedermanns Gefühl für Ordnung und alle Gewissheit hatte sich plötzlich in Luft aufgelöst. Welche Leute würden Stalins Nachfolge antreten? Wie würden sie das Land führen? Was für Entscheidungen würden sie fällen? Welche Beamten würden begünstigt und welche abgesägt werden? Was unter Stalin erlaubt gewesen war, wäre es unter eine neuen Führung vielleicht nicht mehr. Allein schon die Abwesenheit eines allmächtigen Führers sorgte für eine vollständige Lähmung des Apparats. Niemand war bereit, irgendwelche Entscheidungen zu treffen, bevor er nicht wusste, dass diese Entscheidungen auch gutgeheißen wurden. Jahrzehntelang hatte keiner mehr Entscheidungen aus Überzeugung gefällt, sondern nur noch im Hinblick darauf, was Stalin gefallen würde. Leben und Tod von Menschen hatten davon abgehangen, mit welchen Anmerkungen er Listen versehen hatte. Ein unterstrichener Name bedeutete, dass der Betreffende am Leben blieb, die anderen waren dem Tode geweiht. So einfach war das Rechtssystem - unterstrichen oder nicht. Wenn er die Augen schloss, konnte Leo sich das stumme Entsetzen in der Lubjanka jetzt lebhaft vorstellen. Sie hatten ihren eigenen moralischen Kompass derart ignoriert, dass er mittlerweile gar nicht mehr funktionierte. Aus Norden war Süden und aus Osten Westen geworden. Aber was war richtig? Sie wussten es nicht. Sahen sich außerstande, Entscheidungen zu treffen. In solchen Zeiten war es am sichersten, wenn man so wenig tat wie möglich.
Den problematischen Fall eines Leo Stepanowitsch Demidow und seiner Frau Raisa Gawrilowna Demidowa, der ohne Frage dazu angetan war, Uneinigkeit und Aufruhr zu stiften, schob man unter diesen Umständen am besten erst einmal beiseite. Darum war es zu diesen Verzögerungen gekommen. Niemand wollte sich mit der Sache befassen, alle waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich mit den neuen Machtgruppierungen im Kreml zu arrangieren. Um die Sache noch zu verkomplizieren, hatte Lawrenti Be-ria, Stalins engster Berater - wenn irgendjemand Stalin vergiftet hatte, dann er, vermutete Leo -, sich bereits als neuer Führer in Pose geworfen und die Idee verworfen, es habe ein Komplott der Ärzte gegeben. Er hatte angeordnet, sie wieder freizulassen. Verdächtige wurden freigelassen, weil sie unschuldig waren - was war denn jetzt los? Leo konnte sich an keinen Präzedenzfall erinnern. Vielleicht hielt man es ja unter solchen Gegebenheiten für riskant, einem hochdekorierten Kriegshelden, der es sogar auf die Titelseite der >Prawda< geschafft hatte, den Prozess zu machen. Und als es am 6. März an der Tür geklopft hatte, hatte man Leo und Raisa nicht etwa ihr Schicksal offenbart, sondern ihnen gewährt, dem Staatsbegräbnis des großen Führers beizuwohnen.
Leo und Raisa, die offiziell immer noch unter Hausarrest standen, schlössen sich also pflichtschuldigst in Begleitung zweier Bewacher den Menschenmassen an, die auf dem Weg zum Roten Platz waren. Viele weinten, manche sogar herzzerreißend, Männer, Frauen und Kinder. Leo fragte sich, ob es unter den Hunderttausenden, die sich hier in kollektiver Trauer versammelt hatten, einen Einzigen gab, der nicht irgendeinen Verwandten oder Freund an diesen Mann verloren hatte, den man jetzt öffentlich beweinte. Die Atmosphäre war aufgeladen mit einer überwältigenden Tristesse, was vielleicht mit der Idolisierung dieses Toten zu tun hatte. Selbst bei den brutalsten Verhören hatte Leo viele Leute schreien hören, dass Stalin bestimmt eingreifen würde, wenn er nur von diesen Exzessen des MGB wüsste. Was auch immer der wahre Grund für diese Trauer war, auf jeden Fall war das Begräbnis ein legitimes Ventil für in Jahren aufgestauten Jammer, eine Gelegenheit zu weinen, seinen Nachbarn zu umarmen und seine Betrübnis zu zeigen. Zuvor war das nicht erlaubt gewesen, weil es ja Kritik am Staat beinhaltete.
Die Hauptstraßen waren derart verstopft mit Menschen, dass man kaum atmen und sich nur mit den Massen weitertreiben lassen konnte. Die ganze Zeit ließ Leo Raisas Hand nicht los, und während sich von allen Seiten fremde Schultern an ihn drückten, drehte er sich immer wieder um, um sich zu vergewissern, dass sie nicht auseinandergerissen wurden. Von ihren Wachen waren sie schon sehr schnell getrennt worden. Als sie sich dem Platz näherten, wurde die Menschenmasse noch dichter zusammengedrängt. Als er den Druck und die sich steigernde Hysterie bemerkte, entschied Leo, dass es genug war. Durch Zufall waren sie an den Rand der Menge gedrängt worden. Er drückte sich in einen Hauseingang und half Raisa aus dem Pulk heraus. Hier suchten sie Schutz und sahen zu, wie sich die Ströme von Menschen weiter an ihnen vorbeischoben. Es war die richtige Entscheidung gewesen. Weiter vorne waren schon Leute zu Tode getrampelt worden.
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