Tom Rob Smith - Kind 44

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Kind 44: краткое содержание, описание и аннотация

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Moskau, 1953. In der Sowjetunion herrscht die nackte Angst. Stalins Letzte große Säuberungswelle wütet im Land. Die Staatssicherheit hat Ohren und Augen überall - und jeder denunziert jeden, in der Hoffnung, die eigene Haut zu retten.
Der hochdekorierte Kriegsheld und Offizier des NKWD Leo Demidow wird zu einem Kollegen geschickt. Fjodors kleiner Sohn ist ums Leben gekommen - und Fjodor besteht darauf, dass es kein Unfall war, sondern brutaler Kindsmord. Diese Behauptung kann die Familie das Leben kosten -denn die herrschende Ideologie sagt: Im real existierenden Sozialismus gibt es kein Verbrechen. Warum sollte in der perfekten Gesellschaft jemand Grund haben zu töten? Es gelingt Leo, den verzweifelten Vater zum Schweigen zu bringen - aber er selbst kann das tote Kind nicht vergessen.
Leo beginnt heimlich im Fall des ermordeten Jungen zu ermitteln - und stellt fest, dass einem bestialischen Killer immer mehr Kinder zum Opfer fallen. Aber seine Nachforschungen bringen Leo in tödliche Gefahr: Der Apparat bestraft die kleinste Abweichung mit gnadenloser Härte. Aus dem Karriere-Offizier wird ein Gejagter. Irgendwann hat er nur noch ein Ziel: den Mörder zu stoppen, ehe die NKWD-KoLlegen Leo selbst zur Strecke bringen ...

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Zwischen ihm und seiner Beförderung stand nur noch dieser eine Satz. Alle im Raum schwiegen. Generalmajor Kuzmin lehnte sich vor. »Leo?«

Leo glättete seine Uniformjacke. »Meine Frau ist unschuldig.«

Drei Wochen später

Westlich des Ural

Die Stadt Wualsk

13. März

Das Montageband für den GAZ-20 wechselte zur Spätschicht. Ili-naja Morosowna hörte auf zu arbeiten und begann sich mit einem Stück schwarzer, ranzig riechender Seife die Hände zu waschen, der einzigen, die zu bekommen war, wenn überhaupt. Das Wasser war kalt und die Seife machte keinen Schaum, sondern löste sich nur in ölige Bröckchen auf. Trotzdem konnte Ilinaja an nichts anderes denken als an die Stunden zwischen jetzt und dem Beginn ihrer nächsten Schicht. Sie hatte den Abend durchgeplant. Erst würde sie die schmierigen Feilspäne unter ihren Fingernägeln wegschrubben. Dann würde sie nach Hause gehen, sich umziehen, etwas Rouge auflegen und sich zum Basarow aufmachen, einem Restaurant neben dem Bahnhof.

Das Basarow war beliebt bei Geschäftsleuten und Regierungsbeamten, die hier Halt machten, bevor sie mit der Transsibirischen Eisenbahn in Richtung Osten oder Westen weiterfuhren. Das Restaurant bot Speisen an, die Ilinaja allesamt grauenhaft fand: Sachen wie Hirsesuppe, Gersten-Kasha und Salzheringe. Vor allem aber gab es hier Alkohol. Da der öffentliche Alkoholausschank illegal war, sofern man nicht auch eine Speisekarte hatte, war der Fraß nur Mittel zum Zweck, ein Teller Essen gleichbedeutend mit der Lizenz zum Trinken. In Wahrheit war das Restaurant eigentlich nur eine Bumsbude. Das Gesetz, wonach keinem mehr als 100 Gramm Alkohol verkauft werden durfte, wurde ignoriert. Basarow, der Wirt und Namensgeber des Restaurants, war immer besoffen und oft gewalttätig. Und wenn Ilinaja in seinem Laden auf Kundenfang gehen wollte, erwartete er eine anständige Beteiligung. Es war unmöglich, so zu tun, als trinke sie nur zum Vergnügen, wenn sie immer mal wieder mit zahlenden Kunden verschwand. Kein Mensch trank hier nur um des Trinkens willen. Hier verkehrten nur Durchreisende, keine Einheimischen. Aber das hatte auch seine Vorteile. Die Einheimischen ließen sich nicht mehr mit ihr ein, seit sie kürzlich krank geworden war. Wunde Stellen, rote Flecken, Ausschlag und so weiter. Ein paar Stammkunden hatten in etwa die gleichen Symptome bekommen und es in der Stadt herumerzählt. Jetzt kam sie nur noch mit Leuten ins Geschäft, die sie nicht kannten. Leuten, die nicht lange dablieben und erst merkten, dass sie Eiter pissten, wenn sie wieder in Wladiwostok oder Moskau waren, je nachdem, in welche Richtung sie fuhren.

Der Gedanke, dass sie andere mit irgendwas ansteckte, bereitete ihr nicht eben Vergnügen, auch wenn es nicht gerade nette Zeitgenossen waren. Aber wenn man in dieser Stadt wegen einer Geschlechtskrankheit einen Arzt aufsuchte, war das gefährlicher als die Infektion selbst. Als unverheiratete Frau konnte man da ebenso gut gleich sein schriftliches Geständnis einreichen, unterzeichnet mit seinem Abstrich. Sie würde sich also ihre Medikamente auf dem Schwarzmarkt besorgen müssen. Das kostete Geld, wahrscheinlich viel Geld, und im Augenblick sparte sie für etwas anderes - ihre Flucht aus dieser Stadt.

Als sie ankam, war das Restaurant schon voll, die Fenster beschlagen. Die Luft stank nach Machorka, billigem Tabak. Schon 50 Schritt vor dem Eingang hörte sie betrunkenes Gelächter. Vermutlich Soldaten, nahm sie an, und sie hatte richtig geraten. Oft wurden in den Bergen irgendwelche Manöver abgehalten, und die, die gerade keinen Dienst schoben, landeten meistens hier. Für diese Kundschaft hielt Basarow eine Spezialität bereit. Er schenkte mit Wasser gepanschten Wodka aus, und wenn sich, wie so oft, jemand beschwerte, behauptete er, das sei eine vorsorgliche Maßnahme, um der Trunkenheit vorzubeugen. Es gab oft Schlägereien. Doch trotz seines Geredes, wie hart das Leben und wie schrecklich seine Kunden waren, wusste sie, dass er mit dem Verkauf seines verdünnten Wodkas ein ganz hübsches Sümmchen verdiente. Er war ein Spekulant, er war Abschaum. Erst vor ein paar Monaten hatte sie, als sie nach oben gegangen war, um ihm seinen wöchentlichen Anteil auszubezahlen, durch eine Ritze in der Schlafzimmertür gesehen, wie er einen Rubelschein nach dem anderen abzählte und dann in einer mit Schnur zugebundenen Blechdose verstaute. Sie hatte ihn beobachtet und kaum zu atmen gewagt, während er die Dose in ein Tuch gewickelt und im Kamin versteckt hatte. Seitdem träumte sie davon, das Geld zu stehlen und abzuhauen. Basarow würde ihr natürlich das Genick brechen, wenn er sie je erwischte. Falls er nicht vorher beim Anblick der leeren Dose direkt vor dem Kamin einen Herzschlag kriegte. Ilinaja war sich ziemlich sicher, dass Basarows Herz und seine Dose ein und dasselbe waren.

Sie vermutete, dass die Soldaten noch ein paar Stunden weitertrinken würden. Im Augenblick begrapschten sie sie nur, ein Privileg, für das sie nichts zahlten, wenn man den spendierten Wodka nicht als Bezahlung ansah, aber so rechnete Ilinaja nicht. Abschätzend musterte sie die anderen Kunden, überzeugt, dass sie sich noch ein paar Rubel extra würde verdienen können, bevor die Soldaten bei ihr die Stechuhr drückten. Das Militärkontingent hatte die vorderen Tische besetzt und die übrigen Gäste auf die hinteren Plätze verdrängt. Jeder von ihnen war allein mit sich selbst und seinem Glas und seinem unberührten Teller. Kein Zweifel: Sie waren auf der Suche nach Sex. Sonst gab es keinen Grund, hier herumzuhängen.

Ilinaja zupfte ihr Kleid zurecht, kippte ihren Wodka hinunter und bahnte sich, ohne auf die Kniffe und Zoten zu achten, ihren Weg durch die Soldaten, bis sie sich an einem der hinteren Tische wiederfand. Der Mann, der dort saß, war um die vierzig, vielleicht ein wenig jünger. Schwer zu sagen. Er war nicht attraktiv, aber vielleicht würde er deswegen ein bisschen mehr lockermachen. Die gut Aussehenden kamen manchmal auf die Schnapsidee, Geld sei nicht wichtig, als sei das Arrangement zu beiderseitigem Vergnügen. Sie setzte sich an den Tisch, ließ ein Knie an seinem Schenkel hochgleiten und lächelte ihn an. »Ich heiße Tanja.«

In solchen Zeiten half es manchmal, wenn man vor sich selbst so tat, als sei man eine andere.

Der Mann zündete sich eine Zigarette an und legte Ilinaja eine Hand aufs Knie. Anstatt ihr richtig etwas zu trinken zu spendieren, kippte er einfach die Hälfte seines Wodkas in eines der vielen schmutzigen Gläser auf dem Tisch und schob es ihr zu. Sie spielte mit dem Glas und wartete darauf, dass er den Mund aufmachte. Er trank aus, machte aber keine Anstalten zu reden. Sie versuchte, sich ein Augenrollen zu verkneifen und die Konversation in Gang zu bringen. »Wie heißt du?«

Er gab keine Antwort, sondern griff nur in seine Tasche und kramte darin herum. Als er die Hand wieder herauszog, hatte er sie zur Faust geballt. Ihm stand offenbar der Sinn nach einem kleinen Spielchen, und sie sollte mitspielen. Sie tippte ihm auf die Fingerknöchel. Er drehte die Faust um und öffnete sie ganz langsam, einen Finger nach dem anderen ...

Mitten auf seiner Handfläche lag ein kleiner Goldklumpen. Sie beugte sich vor. Bevor sie ihn sich genau ansehen konnte, machte er die Hand wieder zu und schob sie zurück in seine Tasche. Er hatte immer noch kein Wort von sich gegeben. Ilinaja musterte sein Gesicht. Er hatte blutunterlaufene, betrunkene Augen, und sie mochte ihn überhaupt nicht. Aber es gab schließlich viele Leute, die sie nicht mochte, und sie mochte gewiss keinen der Männer, mit denen sie schlief. Wenn sie wählerisch werden wollte, konnte sie das Ganze auch gleich abblasen, einen von den Einheimischen heiraten und sich darin fügen, für immer in dieser Stadt zu bleiben. Ihre Familie wohnte in Leningrad, und auch sie hatte dort gelebt, bis man ihr befohlen hatte, hierher zu ziehen, in eine Stadt, von der sie noch nie gehört hatte. Ihre einzige Möglichkeit, zurück nach Leningrad zu kommen, war, genügend Geld zu sparen, um die Behörden zu bestechen. Hochrangige, mächtige Freunde hatte sie nicht, also brauchte sie dieses Gold.

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