»Was gibt’s?«
»Wir sind gekommen, um dir zu helfen. Generalmajor Kuzmin hat uns geschickt.«
»Danke, aber ich habe die Durchsuchung im Griff.«
»Da bin ich mir sicher. Wir sind auch nur da, um zu helfen.«
»Danke, aber das ist nicht nötig.«
»Komm schon, Leo. Wir sind den ganzen weiten Weg gefahren. Und hier draußen ist es kalt.«
Leo trat zur Seite und ließ sie herein.
Keiner der drei Männer zog seine Stiefel aus, die voller Eisklumpen waren. Große Brocken lösten sich und schmolzen auf dem Teppich. Leo schloss die Tür. Ihm war klar, dass Wassili hier war, um ihm eine Falle zu stellen. Er wollte, dass Leo die Beherrschung verlor. Er suchte Streit, hoffte auf eine unbedachte Bemerkung, irgendetwas, was zu seinem Vorteil war.
Leo bot seinen Gästen Tee an, oder auch Wodka, wenn sie den lieber wollten. Wassilis Vorliebe für Alkohol war allgemein bekannt, aber Trinken galt als das geringste aller Laster, wenn es überhaupt eines war. Mit einem Kopfschütteln lehnte er Leos Angebot ab und spähte ins Schlafzimmer. »Was hast du gefunden?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat Wassili das Zimmer und nahm die umgedrehte Matratze in Augenschein. »Du hast sie nicht aufgeschnitten.«
Er beugte sich hinunter, zog sein Messer und wollte die Matratze aufschlitzen. Leo packte seine Hand. »Man kann Sachen, die eingenäht sind, auch fühlen. Man braucht sie nicht aufzuschneiden.«
»Du willst die Bude tatsächlich anschließend wieder aufräumen?«
»So ist es.«
»Du glaubst also immer noch, dass deine Frau unschuldig ist?«
»Ich habe nichts gefunden, das etwas anderes nahelegen würde.« »Darf ich dir mal einen Rat geben? Such dir eine andere Frau. Raisa ist eine Schönheit. Aber Schönheiten gibt es viele. Vielleicht wärst du besser dran mit einer, die nicht ganz so schön ist.«
Wassili griff in seine Tasche und zog einen Stapel Fotographien heraus. Er gab sie Leo. Es waren Fotos von Raisa und Iwan, dem Sprachlehrer, aufgenommen vor ihrer Schule. »Sie vögelt ihn, Leo. Sie verrät dich genauso wie den Staat.«
»Die da sind an der Schule aufgenommen worden. Die beiden sind Lehrer. Natürlich kann man dort gemeinsame Fotos von ihnen machen. Das beweist noch gar nichts.«
»Weißt du, wie er heißt?«
»Iwan, glaube ich.«
»Wir haben schon eine ganze Weile ein Auge auf ihn.«
»Wir haben auf ziemlich viele Leute ein Auge.«
»Vielleicht bist du ja auch ein Freund von ihm?«
»Ich bin ihm noch nie begegnet. Hab noch nie ein Wort mit ihm gewechselt.«
Wassili bemerkte den Haufen Kleider auf dem Boden, bückte sich und hob einen von Raisas Schlüpfern hoch. Er rieb den Stoff zwischen den Fingern, drückte ihn zu einer Kugel zusammen und hielt sie sich vor die Nase. Die ganz Zeit wandte er kein Auge von Leo. Doch anstatt sich durch die Provokation in Rage bringen zu lassen, versuchte Leo zum ersten Mal zu ergründen, was in seinem Stellvertreter vorging. Bislang war ihm das egal gewesen. Was für ein Mann war das eigentlich und warum hasste er ihn so sehr? Trieb ihn der berufliche Neid an oder nur der schiere Ehrgeiz? Als er Wassili jetzt so sah, wie er an Raisas Sachen herumschnüffelte, wurde Leo klar, dass sein Hass auf etwas Persönlichem gründete.
»Kann ich mich mal im Rest der Wohnung umsehen?«
Leo, der eine Falle befürchtete, antwortete: »Ich komme mit.«
»Nein, das würde ich lieber alleine machen, wenn du nichts dagegen hast.«
Leo nickte. Wassili ging.
Leo bekam kaum noch Luft, vor Wut war ihm der Hals wie zugeschnürt. Er starrte nur auf das hochgeklappte Bett. Da wurde er von einer leisen Stimme neben ihm aufgeschreckt. Es war Fjodor.
»Dass du das hier alles machst. Die Kleider deiner eigenen Frau durchsuchst, dein Bett umwirfst, deine eigenen Dielen herausreißt. Dein ganzes Leben kaputtmachst.«
»Wir sollten alle bereit sein, uns solchen Durchsuchungen zu unterwerfen. Oberbefehlshaber Stalin ...«
»Ich weiß, ich weiß. Unser Führer sagt, dass man notfalls sogar seine eigene Wohnung durchsuchen dürfe.«
»Es kann nicht nur gegen jeden von uns ermittelt werden, es muss auch gegen jeden von uns ermittelt werden.«
»Und trotzdem wolltest du beim Tod meines Sohnes keine Ermittlungen aufnehmen. Du warst bereit, gegen deine Frau zu ermitteln, gegen dich selbst, deine Freunde und Nachbarn, aber seine Leiche wolltest du dir nicht anschauen. Du wolltest dir nicht die eine Stunde Zeit nehmen, um zu sehen, dass man seinen Bauch aufgeschlitzt hatte und wie er gestorben war, den Mund vollgestopft mit Erde.«
Fjodor war gefasst, er sprach mit leiser Stimme. Seine Wut brannte nicht mehr. Er hatte sie in Eis verwandelt. Jetzt konnte er ihm offen und ehrlich die Meinung sagen, weil er wusste, dass Leo keine Bedrohung mehr darstellte.
»Du hast die Leiche doch selbst nicht gesehen, Fjodor.«
»Ich habe mit dem Alten gesprochen, der ihn gefunden hat. Er hat mir erzählt, was er gesehen hat. Ich habe das Entsetzen gesehen, das ihm noch in den Augen stand. Ich habe auch mit der Augenzeugin gesprochen, der Frau, die du verscheucht hast. Ein Mann hat meinen Jungen an der Hand gehalten und ihn über die Gleise geführt. Sie hat das Gesicht des Mannes gesehen. Sie könnte ihn beschreiben. Aber keiner will, dass sie redet, und jetzt hat sie Angst davor. Mein Junge wurde ermordet, Leo. Die Miliz hat dafür gesorgt, dass alle Zeugen ihre Aussagen revidiert haben. Damit hatte ich ja schon gerechnet. Aber du warst mein Freund. Und du bist zu mir nach Hause gekommen und hast meine Familie angewiesen, das Maul zu halten. Hast einer trauernden Familie Angst gemacht. Du hast uns ein Märchen vorgelesen und von uns verlangt, dass wir diese Lügen glauben. Anstatt nach der Person zu suchen, die meinen Sohn getötet hat, hast du stattdessen seine Beerdigung überwachen lassen.«
»Fjodor, ich habe versucht, euch zu helfen.«
»Das glaube ich dir sogar. Du hast uns gezeigt, wie wir überleben konnten.«
»Ja.«
»Und in mancherlei Hinsicht bin ich dir sogar dankbar. Sonst hätte der Mann, der meinen Sohn umgebracht hat, auch noch mich und meine Familie umgebracht. Du hast uns gerettet. Deshalb bin ich auch hier - nicht um dich zu demütigen, sondern um mich zu revanchieren. Wassili hat recht. Du musst deine Frau opfern. Mach dir nicht die Mühe, nach Beweisen zu suchen. Denunziere sie, dann überlebst du. Raisa ist eine Spionin, das ist schon längst beschlossene Sache. Ich habe Anatoli Brodskys Geständnis gelesen. Es ist mit derselben schwarzen Tinte geschrieben wie der Polizeibericht über meinen Sohn.«
Nein, Fjodor hatte unrecht. Aus ihm sprach die Wut. Leo besann sich darauf, dass er eine ganz eindeutige Aufgabe hatte. Er sollte gegen seine Frau ermitteln und über die Erkenntnisse Bericht erstatten. Seine Frau war unschuldig.
»Ich bin fest überzeugt, dass der Grund für die Einlassungen des Verräters im Hinblick auf meine Frau nichts anderes war als Rache. Und bislang legen meine Ermittlungsergebnisse nahe, dass das stimmt.«
Wassili war wieder ins Zimmer getreten. Es war unmöglich zu sagen, wie viel von dem Gespräch er schon mitbekommen hatte. Jedenfalls antwortete er: »Außer dass die anderen sechs Leute, die er genannt hat, alle verhaftet wurden. Und alle sechs haben bereits gestanden.«
»Umso mehr freut es mich, dass ich derjenige war, der ihn festgenommen hat.«
»Der Name deiner Frau wurde von einem verurteilten Spion genannt.«
»Ich habe das Geständnis gelesen. Raisas Name ist der letzte auf der Liste.«
»Die Namen wurden nicht nach ihrer Wichtigkeit geordnet.«
»Ich glaube, dass ihr Name aus Gehässigkeit hinzugefugt wurde. Ich glaube, dass er mich persönlich treffen wollte. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sich von diesem so offensichtlich verzweifelten Trick jemand an der Nase herumführen lässt. Ihr seid herzlich eingeladen, mir bei der Durchsuchung zu helfen - falls das der Grund für euer Kommen war. Wie ihr sehen könnt ...« -Leo deutete auf die herausgerissenen Dielen - »... ich war ziemlich gründlich.«
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