Leo sah seine Mutter an. Ihr Gesicht war so bleich wie die labberigen Kohlblätter, die sie in der Hand hielt. Sie war gefasst. Sie widersprach dem nicht, was sie gerade gehört hatte, sondern fragte stattdessen nur: »Bis wann musst du dich entscheiden?«
»Ich habe zwei Tage, um Beweise zu finden. Übermorgen muss ich Bericht erstatten.«
Seine Eltern konzentrierten sich wieder auf das Abendessen. Sie umwickelten das Hackfleisch mit Kohlblättern und legten die Päckchen nebeneinander auf ein Backblech. Sie sahen aus wie eine Reihe dicker, abgeschnittener Daumen. Keiner sagte etwas, bis das Blech voll war. Dann fragte Stepan: »Isst du mit uns?«
Leo folgte seiner Mutter ins Wohnzimmer und sah, dass sie bereits für drei gedeckt hatte. »Erwartet ihr jemanden?«
»Wir erwarten Raisa.«
»Meine Frau?«
»Sie kommt zum Essen. Als du an die Tür geklopft hast, dachten wir schon, sie sei es.«
Anna stellte einen vierten Teller hin und erklärte: »Sie kommt fast jede Woche. Sie wollte nicht, dass du weißt, wie einsam es für sie ist, immer allein zu essen, nur mit dem Radio als Gesellschaft. Auch wenn das jetzt merkwürdig klingt, wir haben sie sehr liebgewonnen.«
Es stimmte. Um sieben Uhr war Leo nie schon von der Arbeit zurück. Stalin, der an Schlaflosigkeit litt und nicht mehr als vier Stunden Ruhe pro Nacht brauchte, hatte dem Land eine Kultur der langen Arbeitstage verordnet. Leo hatte gehört, dass im Politbüro niemand gehen durfte, bevor die Lichter in Stalins Privatbüro gelöscht wurden, normalerweise irgendwann nach Mitternacht. Auf die Lubjanka traf diese Regel zwar nicht zu, aber ein ähnliches Maß an Arbeitseifer wurde durchaus erwartet. Nur wenige Beamte arbeiteten weniger als zehn Stunden pro Tag, selbst wenn sie einige dieser Stunden mit Nichtstun verbrachten.
Es klopfte. Stepan öffnete die Tür und ließ Raisa in den Flur treten. Als sie Leo sah, war sie ebenso überrascht, wie es seine Eltern gewesen waren. Stepan erklärte ihr: »Er hatte in der Gegend zu tun. Nun können wir wenigstens einmal zusammen essen wie eine richtige Familie.«
Raisa zog ihre Jacke aus, und Stepan nahm sie ihr ab.
Sie ging zu Leo und musterte ihn von oben bis unten. »Was sind das denn für Klamotten?«
Leo schielte auf seine Hose und sein Hemd - die Sachen von Toten. »Die habe ich geliehen. Auf der Arbeit.«
Raisa lehnte sich dicht an Leo heran und flüsterte ihm zu: »Das Hemd riecht.«
Leo ging ins Bad. »Ich glaube, ich mache mich besser mal frisch.«
An der Badezimmertür blickte er sich kurz um und sah, wie Raisa ihren Eltern beim Auftragen half.
Leo war ohne fließend warmes Wasser aufgewachsen. Seine Eltern hatten sich ihre alte Wohnung mit dem Onkel seines Vaters und dessen Familie geteilt. Es gab nur zwei Schlafzimmer, eins für jede Familie. Die Wohnung selbst verfügte weder über eine Toilette noch über ein Badezimmer. Alle Hausbewohner mussten das stille Örtchen draußen benutzen. Morgens bildeten sich lange Schlangen davor, und im Winter fiel beim Warten der Schnee in dichten Flocken auf sie. Ein eigenes Waschbecken mit warmem Wasser war unvorstellbarer Luxus gewesen. Leo zog das Hemd aus und wusch sich. Als er fertig war, öffnete er die Tür und fragte seinen Vater, ob der ihm eines leihen könne. Obwohl der Kör-per seines Vaters von der Arbeit verbraucht und gebeugt war, vom Fließband so verformt wie das Metall, aus dem er selbst die Panzergranaten geformt hatte, hatte er doch ungefähr den gleichen Körperbau wie sein Sohn, eine athletische Gestalt mit breiten, muskulösen Schultern. Das Hemd passte Leo fast wie angegossen.
Nachdem er sich umgezogen hatte, setzte er sich zum Essen hin. Während die Golubsti im Ofen schmorten, aßen sie Sakuski, einen Vorspeisenteller mit Gurken, Pilzen und Salat sowie für jeden eine Scheibe Rinderzunge, die mit Majoran gekocht und dann in Gelatine kaltgestellt worden war, dazu Meerrettich. Es war eine ausgesprochen üppige Tafel. Leo konnte seine Augen einfach nicht abwenden und rechnete im Geiste aus, was jede einzelne Portion kostete. Mit welchem Tod war der Majoran beglichen worden? Hatte die Scheibe Rinderzunge da das Leben von Anatoli Brodsky gekostet? Während ihm übel wurde, bemerkte er: »Kein Wunder, dass du jede Woche hierherkommst.«
Raisa lächelte. »Ja, die beiden verwöhnen mich. Ich sage ihnen immer, dass mir auch eine Kasha reichen würde, aber ...«
Stepan unterbrach sie: »Du lieferst uns eine gute Ausrede, um uns selbst zu verwöhnen.«
In betont neutralem Ton fragte Leo seine Frau: »Dann bist du also direkt nach der Arbeit hergekommen?«
»Genau.«
Das war eine Lüge. Zuerst war sie irgendwo mit Iwan hingegangen. Aber bevor Leo weiter über die Sache nachdenken konnte, berichtigte Raisa sich: »Stimmt gar nicht. Normalerweise komme ich direkt von der Arbeit her. Aber heute Abend hatte ich noch einen Termin, deshalb war ich auch ein bisschen zu spät.«
»Einen Termin?«
»Beim Arzt.«
Raisa setzte ein Lächeln auf. »Eigentlich wollte ich es dir ja erst sagen, wenn wir allein sind, aber da es nun schon mal zur Sprache gekommen ist ...«
»Was sagen?«
Anna stand auf. »Sollen wir lieber rausgehen?«
Leo bedeutete seiner Muter, sie solle sich wieder hinsetzen. »Also bitte. Wir sind doch eine Familie. Keine Geheimnisse.«
»Ich bin schwanger.«
Leo konnte nicht schlafen. Er starrte die Decke an und hörte dem ruhigen Atmen seiner Frau zu, die sich mit dem Rücken an ihn gekuschelt hatte, nicht unbedingt als bewusstes Zeichen von Intimität, sondern weil sie zufällig so zu liegen gekommen war. Raisa hatte einen unruhigen Schlaf. War das Grund genug, sie zu denunzieren? Ja, warum nicht? Er kannte sich damit aus, wie man so etwas formulieren musste: Meine Frau findet nachts keine Ruhe, sie wird von Träumen verfolgt. Offensichtlich plagt sie ein Geheimnis.
Er konnte die Verantwortung für die Ermittlungen in die Hände eines anderen legen. Er konnte sich vormachen, dass er damit das Urteil aufschob. Er selbst war ja viel zu nah an der Sache dran, war viel zu verstrickt. Bei jedem anderen würden die Ermittlungen nur zu einem einzigen Ergebnis führen: Da der Fall nun einmal eröffnet war, würde sich sonst niemand gegen die Schuldvermutung stemmen.
Er stand auf und stellte sich im Wohnzimmer ans Fenster. Der Blick von hier ging nicht über die Stadt, sondern reichte nur bis zum benachbarten Wohnblock. In der ganzen Front waren nur drei Fenster erleuchtet, drei von vielleicht 1000. Leo fragte sich, welche Probleme die Leute dort quälten, was ihnen den Schlaf raubte. Er fühlte eine seltsame Verbundenheit mit den Menschen hinter diesen drei Vierecken aus blassgelbem Licht. Es war vier Uhr morgens, die Stunde der Verhaftungen. Die beste Zeit, jemanden abzuholen, indem man ihn aus dem Schlaf riss. Da waren die Leute schutzlos und verwirrt. Oftmals ergab sich aus ihren unbedachten Äußerungen, wenn die Beamten in ihre Wohnungen schwärmten, etwas, was man in den Verhören gegen sie verwenden konnte. Es war nicht einfach, besonnen zu bleiben, wenn die eigene Frau an den Haaren über den Boden geschleift wurde. Wie oft hatte Leo schon eine Tür eingetreten? Wie oft hatte er schon miterlebt, wie ein Ehepaar aus dem Bett gezerrt wurde, wie man ihnen Taschenlampen vor die Augen oder unter das Nachthemd hielt? Wie oft hatte er schon Beamte beim Anblick von Genitalien lachen hören? Wie viele Leute hatte er selbst aus dem Bett gezogen? Wie viele Wohnungen verwüstet? Und wie viele Kinder hatte er festgehalten, während man ihre Eltern fortschleppte? Er konnte sich nicht mehr erinnern, hatte die Namen und Gesichter verdrängt. Ein schwaches Gedächtnis war gar nicht mal unpraktisch. Hatte er es etwa kultiviert? Hatte er die Amphetamine vielleicht gar nicht geschluckt, um länger durchzuhalten, sondern um die Erinnerungen an seine Arbeit zu betäuben?
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