«Und ich dachte immer, wegen der Christenverfolgung hätten die Gläubigen ihre Toten in Rom in großen unterirdischen Gewölben bestattet», entgegnete Fidelma.
Eadulf schüttelte lächelnd den Kopf. «Mit der Christenverfolgung hatte das wenig zu tun. Die frühen Anhänger des Glaubens, zumeist Griechen, Juden oder Römer, folgten einfach ihren alten Sitten und brachten die Überreste ihrer Toten in Urnen oder Sarkophagen in die unterirdischen Totenkammern. Erst im letzten Jahrhundert wurde dieser Brauch allmählich abgeschafft.»
Als der letzte Segen erteilt war, trat der Trauerzug, angeführt von den Chorknaben mit dem Gloria Patri, einem triumphierenden Lobgesang dafür, daß Wighards Seele den himmlischen Frieden gefonden hatte, den Rückweg an. Wie angemessen, dachte Fidelma, auf dem Weg zum Grab klagende Gesänge und bei der Rückkehr fröhliche Dankeslieder anzustimmen.
«Wir müssen dringend unseren Fall besprechen», raunte sie Eadulf ins Ohr.
«Dafür haben wir doch noch genügend Zeit -ich meine, jetzt, wo wir wissen, daß Ronan Ragal-lach schuldig ist», widersprach Eadulf.
«Gar nichts wissen wir», gab Fidelma verärgert zurück.
Aufgeschreckt von ihrem scharfen Ton, wandten die Trauernden sich zu ihnen um. Errötend senkte Fidelma den Blick.
«Gar nichts wissen wir», wiederholte sie flüsternd.
«Aber es liegt doch auf der Hand», entgegnete Eadulf, ebenfalls verärgert. «Was braucht Ihr außer Ronans Flucht noch an Beweisen? Sein Ausbruch aus dem Gefängnis ist so gut wie ein Geständnis.»
Fidelma schüttelte heftig den Kopf. «Nein, keinesfalls.»
«Nun, meiner Ansicht nach ist Ronan eindeutig der Täter», erwiderte Eadulf stur.
Fidelma preßte die Lippen zusammen. Ein gefährliches Zeichen. «Darf ich Euch an unsere Übereinkunft erinnern: Die Entscheidung über Schuld oder Unschuld muß einstimmig getroffen werden. Ich werde weiter ermitteln . notfalls allein.»
Eadulf stand das Mißbehagen deutlich ins Gesicht geschrieben, denn für ihn war die Sache sonnenklar. Allerdings wußte er, daß Uneinigkeit für Bischof Gelasius weitaus schlimmere Folgen haben würde als ein ungeklärter Fall. Gleichzeitig regten sich Zweifel in ihm. Es ließ sich nicht leugnen, daß Schwester Fidelma ein beachtliches Talent dafür besaß, ein Rätsel auch dann noch zu lösen, wenn er selbst die Hoffnung längst aufgegeben hatte. Ihr Spürsinn bei der Aufklärung des Mordes an Äbtissin Etain hatte ihn mehr als beeindruckt. Hingegen lag der jetzige Fall ganz einfach. Warum mußte sie sich unbedingt gegen diese Einsicht sperren?
«Also gut, Fidelma. Ich glaube, daß Ronan schuldig ist. Sein Verhalten macht dies mehr als deutlich, und wenn es nach mir ginge, würde ich Gelasius sofort Meldung erstatten. Aber ich bin bereit, mir alle stichhaltigen Gründe anzuhören, die Ihr gegen diese Schlußfolgerung vorzubringen habt .»
Er bemerkte, daß einige der Trauernden ihr hitziges Wortgefecht neugierig beobachteten.
Bruder Eadulf nahm Fidelma am Arm und führte sie über den Friedhof auf ein hohes Mausoleum aus Marmor zu. «Ich weiß, wo wir die Angelegenheit in Ruhe erörtern können», murmelte er.
Zu ihrem Erstaunen sah Fidelma einen kleinen Jungen mit einem Korb voller Kerzen vor dem Eingang des Mausoleums hocken. Eadulf gab ihm eine Münze und wählte eine Kerze aus. Der Junge entzündete sie mit Zunder und Feuerstein.
Wortlos zog Eadulf die irische Schwester zu einer schmalen Treppe, die hinunter in die dunkle Gruft führte.
«Wohin gehen wir, Eadulf?» fragte sie, während sie sich vorsichtig über die behauenen Steinstufen tastete.
«In eine der Katakomben, in der die frühen Anhänger unseres Glaubens ihre Toten beerdigt haben», erklärte er und hob die Kerze, um die Wände eines breiten unterirdischen Ganges auszuleuchten. «In unmittelbarer Nähe Roms gibt es ungefähr sechzig dieser Friedhöfe, die noch bis zum Ende des letzten Jahrhunderts in Gebrauch waren. Es heißt, in den letzten vier oder fünf Jahrhunderten seien dort sechs Millionen Christen bestattet worden.»
Der Tunnel mündete, wie Fidelma sehen konnte, in einem verwirrenden Geflecht unterirdischer Gänge, die trotz zahlreicher Windungen meist in rechtem Winkel aufeinander zuliefen. Sie waren etwa zwei Meter breit und an manchen Stellen über drei Meter hoch.
«Diese Tunnel scheinen direkt in den Stein geschlagen worden zu sein.» Fidelma blieb stehen und strich mit den Fingern über die Wand.
Eadulf nickte lächelnd. «Rund um Rom findet man ein Vulkangestein, das manchmal auch zum Bauen verwendet wird. Es ist trocken und porös und läßt sich leicht bearbeiten. In den von unseren früheren Glaubensbrüdern gehauenen, unterirdischen Gängen ließ es sich zur Not auch überleben.
In der Zeit der Christenverfolgung dienten sie daher gelegentlich auch als Zufluchtstätten.»
«Aber wie konnten die Leute unter der Erde atmen?»
Eadulf zeigte auf eine kleine Öffnung über ihren Köpfen. «Seht Ihr? Die Erbauer haben alle siebzig bis hundert Meter Luftlöcher vorgesehen.»
«Die Katakomben müssen riesig sein, wenn dies nur eine von sechzig ist.»
«Allerdings», stimmte Eadulf zu. «Die größten Erweiterungen hat es unter der Herrschaft der Kaiser Aurelius Antoninus und Alexander Severus gegeben.»
Ganz unerwartet tat sich vor ihnen ein breiter Raum mit langgestreckten, in die Wände gemeißelten Nischen auf. Manche von ihnen waren leer, andere waren von riesigen Steinen versperrt.
«Das sind die eigentlichen Gräber», erklärte Eadulf. «Eine Nische, in die eine Leiche gelegt wurde, nennt man loculus, Kammern für ganze Familien arcosolia.»
Bewundernd betrachtete Fidelma die kunstvollen, farbenfrohen Fresken, mit denen einige der Gräber von außen bemalt waren. Über einem Torbogen war ein Spruch eingraviert:
Hic contesta jactet quaeris si turba piorum, corpora sanctorum retinent venereanda sepul-cra ...
«Hier ruhen die Überreste der Gläubigen», murmelte Eadulf auf irisch, «heilige Grabstätten bewahren die Leiber der Seligen.»
Fidelma war ergriffen. «Das ist sehr beeindruk-kend, Eadulf. Danke, daß Ihr es mir gezeigt habt.»
«Es gibt noch umfangreichere Katakomben in anderen Teilen Roms, sogar unmittelbar unter dem Vatikanhügel, wo Petrus und Paulus ihre letzte Ruhestätte haben. Die größte von allen ist jedoch das Grabmal des heiligen Calixtus, des großen Papstes und Märtyrers, gleich an der Via Appia.»
«Unter anderen Umständen würde ich mir gern noch mehr ansehen, Eadulf», sagte Fidelma, «aber wir müssen dringend über den Mord an Wighard sprechen.»
Eadulf seufzte tief auf, stellte die Kerze auf einer Steinplatte ab und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand.
«Warum seid Ihr Euch so sicher, daß Ronan Ragallach unschuldig ist?» fragte er. «Nur, weil es sich um einen Iren handelt?»
Fidelmas Augen schienen im flackernden Kerzenlicht gefährlich aufzublitzen. Eadulf sah, wie sie nach Luft schnappte, und bereitete sich auf einen Sturm der Entrüstung vor, der jedoch ausblieb. Langsam und beherrscht atmete Fidelma aus. «Was Ihr da sagt, ist Eurer unwürdig, Eadulf. Ihr solltet mich besser kennen», sagte sie sanft.
Eadulf hatte seine Worte, sobald sie ausgesprochen waren, längst bereut.
«Es tut mir leid», sagte er schlicht, und sie wußten beide, daß dies keine leere Floskel war.
Verlegenes Schweigen entstand. Endlich sagte Eadulf: «Aber Ihr müßt doch zugeben, daß Ronan Ragallach sich durch sein Verhalten eindeutig verdächtig macht.»
«Ja», stimmte Fidelma zu. «Vielleicht ist es sogar ein wenig zu eindeutig ...»
«Nicht alle Mordfälle sind so verworren wie der an Äbtissin Etain in Witebia.»
«Das will ich gar nicht abstreiten. Und ich habe auch nicht gesagt, daß Ronan Ragallach unschuldig ist. Ich glaube nur, daß es noch viele Fragen zu beantworten gibt, ehe wir seine Schuld mit Sicherheit feststellen können. Und die sollten wir gemeinsam prüfen.»
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