»Nicht mehr ganz so mutig jetzt, was?«, spottete Lasseur. »Lâche!«
Er sah, wie sich der Gesichtsausdruck des Mannes unter dem strömenden Blut veränderte. Lasseur wusste sofort, dass sein Akzent ihn verraten hatte. Er hob die Axt. Der Mann duckte sich.
Eine Hand legte sich auf seinen Arm. Lasseur hörte, wie die Frau sagte: »Nein, bitte nicht!«
Lasseur schüttelte den Kopf. »Er hat Ihnen Gewalt angetan. Wollen Sie nicht, dass er bestraft wird?«
»So nicht.« Sie sah auf ihren Peiniger hinunter. Ihre Augen blitzten. »Aber wenn du dich hier noch einmal sehen lässt, Seth, dann nehme ich das Gewehr. Das schwöre ich.«
Lasseur warf einen zornigen Blick auf das blutverschmierte Gesicht.
»Wenn du ihn umbringst, Paul«, sagte Hawkwood und seine Hand wanderte von Lasseurs Arm zum Axtstiel, »und wenn wir gefasst werden, dann werden wir tatsächlich aufgehängt.«
»Er soll wissen, dass ich ihn umbringe, wenn er noch einmal in ihre Nähe kommt.«
»Das weiß er«, sagte Hawkwood. »Glaub mir, das weiß er.«
Langsam lockerte Lasseur seinen Griff und ließ es zu, dass Hawkwood ihm die Axt abnahm.
»Geh nach Hause, Seth«, sagte die Frau. Ihr Gesicht war noch immer hochrot. »Geh jetzt, solange du es noch kannst.«
Lasseur trat zurück, seine Augen waren noch immer dunkel vor Wut. Etwas unsicher stand der Mann auf. Mit einem letzten wütenden Blick drehte er sich um und stolperte auf den Wald zu, die Hand auf dem blutenden Gesicht. Erst als er zwischen den Bäumen verschwunden war, steckte Hawkwood die Axt wieder in den Hackklotz.
Lasseur hob den Besen auf und lehnte ihn an die Wand. »Eine stark unterschätzte Waffe, so ein Besen, besonders in den Händen eines Experten.« Er sah Hawkwood an, dann wandte er sich an die Frau. »Sind Sie verletzt, Madame?«
Sie starrte noch immer auf den Waldrand, dann fröstelte sie und schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht verletzt.«
»Aber Sie frieren. Hier, nehmen Sie meine Jacke.«
Lasseur zog seine Jacke aus und sie protestierte nicht, als er sie um ihre Schultern legte. Plötzlich sah sie sich besorgt um. »Rab?«
»Der ist hier«, sagte Lasseur, als der Hund schwanzwedelnd auf sie zukam.
Sie fuhr dem Hund liebevoll durchs Fell, ihr Gesicht war erleichtert.
»Kommen Sie jetzt«, sagte Lasseur behutsam.
Sie zögerte nur kurz, dann hüllte sie sich in die Jacke, zog die zerrissene Bluse über der Brust zusammen und schickte sich an, ins Haus zu gehen.
Hawkwood und Lasseur gingen neben ihr. Der Hund folgte ihnen. Als sie an die Tür kamen, schnappte sie kurz nach Luft, als sähe sie erst jetzt die Unordnung. Der Fußboden war schmutzig und von Trümmern übersät; Scherben von Tongeschirr lagen zwischen zertretenen Zweigen und Blättern. Von den Deckenbalken hingen Pflanzen und Kräuterbündel. Der Raum sah mehr wie eine Apotheke aus als eine Küche.
Sie holte tief Luft, sammelte sich und sagte: »Verzeihen Sie, Captain Lasseur. Ich habe Ihnen noch nicht für Ihr Eingreifen gedankt, und auch Ihnen danke ich, Captain Hooper.«
»Keine Ursache, Madame«, sagte Lasseur mit einer kleinen Verbeugung.
»Ich möchte nicht, dass Sie mich für undankbar halten.«
Die Rötung, die ihr Gesicht noch von der Ohrfeige hatte, ging langsam zurück.
»Nichts lag uns ferner«, sagte Lasseur. »Sie sind in Sicherheit, und das ist das Wichtigste.«
Sie nickte. »Trotzdem war es nachlässig von mir. Sie haben Ihr Leben riskiert.«
»Sie haben ihn beim Namen genannt«, sagte Lasseur. »Kennen Sie ihn?«
Sie antwortete nicht sofort. Schließlich sagte sie: »Er ist der Mann meiner Schwester.«
Lasseur zögerte, diese Antwort hatte er nicht erwartet. »Ist das schon einmal passiert?«
Sie zog seine Jacke fester um sich und schüttelte den Kopf. »Nein.«
Es entstand eine peinliche Pause.
»Wir sollten Ihnen Gelegenheit geben, sich zu erholen«, sagte Lasseur sanft. »Es sei denn, wir können etwas für Sie tun …?«
Etwas mühevoll richtete sie sich auf. »Vielen Dank, nein. Sie waren sehr freundlich.«
»Es war nichts, Madame. Jeder hätte dasselbe getan.«
Sie sah ihn an. »Es war nicht Nichts , Captain. Und nein, nicht jeder würde es tun.«
Sie drehte sich um und ging ins Haus, dann rief sie den Hund und schloss die Tür hinter sich.
Die Männer standen auf der Schwelle. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls zu gehen.
Als sie zur Scheune zurückgingen, sagte Lasseur: »Ich hätte ihn wahrscheinlich umgebracht, wenn du mir nicht die Axt abgenommen hättest.«
»Das glaube ich auch«, sagte Hawkwood.
Lasseur schüttelte den Kopf. »Aber du hattest Recht. Es wäre Wahnsinn gewesen.«
»Ja, das wäre es.«
»Selbst wenn er jetzt jemandem erzählen könnte, dass er uns hier gesehen hat?«
»Glaubst du das? Er hat versucht, eine Frau zu vergewaltigen. Ich würde sagen, er hat genauso viel zu verbergen wie wir.«
»Er könnte es als einen Weg sehen, sich an ihr zu rächen, weil sie ihn abgewiesen hat, und an uns, weil wir eingeschritten sind.«
»Das ist möglich«, sagte Hawkwood. »Aber mit dem zerkratzten Gesicht wird er es bestimmt vorziehen, erst mal eine Weile in Deckung zu gehen, und bis dahin sind wir wahrscheinlich schon wieder unterwegs.«
»Trotzdem sollten wir die Augen offen halten«, sagte Lasseur.
»Stimmt«, sagte Hawkwood, »das kann nicht schaden.«
Sie kamen in die Scheune.
»Ah«, sagte Lasseur, »es ist doch schön, wieder zu Hause zu sein.«
Als es dämmerte, tauchte der Hund wieder auf. Schwanzwedelnd ging er zuerst zu Lasseur, dann zu Hawkwood. Es war das erste Mal, dass das Tier sich in seiner Nähe wohlzufühlen schien. Hawkwood fühlte sich fast geschmeichelt.
Der Hund war nicht allein gekommen. Ein Schatten fiel aufs Stroh, und die Männer erhoben sich. Sie hatte sich umgezogen und wirkte wesentlich ruhiger als am Nachmittag, als sie ins Haus gegangen war. Ihre widerspenstige Haarsträhne jedoch hatte sie immer noch nicht unter Kontrolle. Sie trug in einer Hand einen Korb, in der anderen ein Kleiderbündel. Sie stellte den Korb hin.
»Ihre Jacke, Captain«, sagte sie und hielt ihm das säuberlich gefaltete Kleidungsstück hin. Ein Zucken lief über ihre Wange. »Ich hatte bemerkt, dass ein Riss im Ärmel war und habe ihn repariert. Ich will zwar nicht behaupten, dass ich eine gute Näherin bin, aber ich glaube, es ist besser als vorher.«
Lasseur nahm die Jacke. »Das war sehr liebenswürdig, Madame. Vielen Dank.«
Sie nickte. »Na ja, das war das Mindeste, was ich tun konnte.« Sie strich die Haarsträhne hinters Ohr.
»Haben Sie sich etwas erholt?«, fragte Lasseur leise.
»Ja, danke.« Verlegen strich sie ihren Rock glatt und zeigte auf den Korb. »Ich bringe Ihnen auch Ihr Abendessen. Da ist Brot und etwas Wurst, und hier ist noch eine Stachelbeertorte. Ich hoffe, es schmeckt Ihnen.«
Sie wandte sich zum Gehen, dann zögerte sie. »Ich habe Ihnen auch dies mitgebracht. Ich dachte, dass Sie und Captain Hooper es vielleicht benutzen möchten … das heißt, wenn Sie es nicht für anmaßend von mir halten.« Sie griff in eine Kleidertasche und nahm einen Gegenstand heraus, der in ein kleines Handtuch gewickelt war. Sie gab ihn Lasseur und trat zurück. Lasseur wickelte ihn aus. Sein Gesicht strahlte vor Freude. Er hielt das Rasiermesser hoch und fuhr mit der Hand über seine dunklen Bartstoppeln. »Vielen Dank, Madame. Wir werden ausgezeichneten Gebrauch davon machen!« Er zeigte es Hawkwood und zog lakonisch eine Augenbraue hoch, was die Frau aber nicht sah.
»Es gehörte meinem verstorbenen Mann. Ich hatte ganz vergessen, dass es noch da war. Haben Sie die Seife noch?«
»Entschuldigung«, sagte Lasseur. »Die wollte ich Ihnen ja zurückgeben.«
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