Lake nicht. Er hielt dergleichen für eine Verschwendung von Zeit, Geld und Privatsphäre. Wenn er je ein höheres Amt anstreben sollte, würde er jedenfalls keinen Chauffeur haben wollen — so etwas war nur eine Belastung. Außerdem war er gern allein. In seinem Büro ging es zu wie in einem Irrenhaus. Fünfzehn Angestellte waren vollauf damit beschäftigt, Anrufe entgegenzunehmen, Akten anzulegen und den Wählern zu Hause in Arizona zu dienen, die ihn nach Washington geschickt hatten. Drei Referenten standen sich auf den schmalen Fluren gegenseitig im Weg und nahmen mehr Zeit in Anspruch, als sie verdienten.
Er war ein allein stehender Witwer mit einem kleinen, altmodischen Stadthaus in Georgetown, das er sehr mochte. Er lebte zurückgezogen und nahm nur selten an dem gesellschaftlichen Leben teil, das er und seine verstorbene Frau in den frühen Jahren ihrer Ehe so genossen hatten.
leichter Schneefall ließ die Autofahrer auf dem Beltway langsam und vorsichtig fahren. In Eangley passierte Lake nach kurzer Kontrolle die Sicherheitssperre der CIA und war sehr erfreut, dass man einen Vorzugsparkplatz für ihn frei gehalten hatte, wo ihn zwei Beamte in Zivil erwarteten.
«Mr. Maynard erwartet Sie«, sagte der eine ernst, während er ihm die Wagentür öffnete. Der andere nahm seine Aktentasche. Macht hatte gewisse Vorzüge.
Lake hatte den CIA-Direktor noch nie in Langley aufgesucht. Sie hatten zwei Unterredungen auf dem Capitol Hill gehabt, Vorjahren, als der arme Kerl noch hatte gehen können. Doch nun saß Teddy Maynard im Rollstuhl und hatte ständig Schmerzen, und selbst Senatoren ließen sich nach Langley hinausfahren, wenn er mit ihnen sprechen wollte. In vierzehn Jahren hatte er Lake ein halbes Dutzend Mal angerufen, doch Maynard war ein viel beschäftigter Mann. Mit weniger wichtigen Aufgaben betraute er gewöhnlich seine Assistenten.
Unbehindert drangen der Abgeordnete und seine beiden Begleiter durch alle Sicherheitskontrollen in die Tiefen des CIA-Hauptquartiers vor. Als Lake durch den Eingang von Maynards Bürosuite trat, ging er unwillkürlich ein wenig aufrechter und federnder als sonst. Macht war berauschend.
Teddy Maynard hatte nach ihm geschickt.
In einem großen, quadratischen, fensterlosen Raum, der von den Mitarbeitern» der Bunker «genannt wurde, saß der CIA-Direktor allein und starrte unverwandt auf eine große Leinwand, auf der das Gesicht des Abgeordneten Aaron Lake zu sehen war. Es war ein Foto, aufgenommen vor drei Monaten während eines Galadiners für wohltätige Zwecke. Lake hatte ein halbes Glas Wein getrunken, ein wenig gebratene Hähnchenbrust und kein Dessert gegessen, war allein nach Hause gefahren und vor elf Uhr zu Bett gegangen. Das Foto wirkte attraktiv, weil Lake so attraktiv war: rötlich-blondes, volles Haar, fast ohne Grau, ohne künstliche Färbung oder Tönung, dunkelblaue Augen, kantiges Kinn, sehr gute Zähne. Er war dreiundfünfzig und in hervorragender körperlicher Verfassung. Jeden Tag trainierte er eine halbe Stunde auf einer Rudermaschine und sein Cholesterinspiegel lag bei 160. Man hatte keine einzige schlechte Angewohnheit entdeckt. Er war gern in Gesellschaft von Frauen, besonders wenn es nützlich war, in Gesellschaft einer Frau gesehen zu werden. Bei solchen Gelegenheiten trat er in Begleitung einer sechzigjährigen Witwe aus Bethesda auf, deren Mann als Lobbyist ein Vermögen gemacht hatte.
Beide Eltern waren tot, und die einzige Tochter war Lehrerin in Santa Fe. 1996 war seine Frau, mit der er neunundzwanzig Jahre verheiratet gewesen war, an Eierstockkrebs gestorben. Ein Jahr darauf hatte auch sein Spaniel im Alter von dreizehn Jahren das Zeitliche gesegnet, und seitdem lebte der Abgeordnete Aaron Lake aus Arizona ganz allein. Er war Katholik, auch wenn das inzwischen keine Rolle mehr spielte, und ging mindestens einmal wöchentlich zur Messe. Teddy drückte auf einen Knopf und das Bild verschwand.
Außerhalb der politischen Klasse von Washington war Lake ein Unbekannter, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er sein Ego im Griff hatte. Wenn er Ambitionen auf ein höheres Amt besaß, so ließ er sich davon nichts anmerken. Einmal war er als potenzieller Kandidat für das Amt des Gouverneurs von Arizona gehandelt worden, aber es gefiel ihm einfach zu gut in Washington. Er liebte Georgetown — das Gedränge auf den Straßen, die Anonymität, das Stadtleben. Dort gab es gute Restaurants, hervorragende Buchhandlungen und gemütliche Espressobars. Er mochte Musik und das Theater und er und seine verstorbene Frau hatten sich keine Veranstaltung im Kennedy Center
entgehen lassen.
Auf dem Capitol Hill galt Lake als intelligenter, fleißiger Abgeordneter — wortgewandt, grundehrlich, loyal und äußerst gewissenhaft. In seinem Wahlbezirk gab es vier große Unternehmen, die Waffensysteme herstellten, und daher war er im Lauf der Zeit zu einem Experten für die Ausrüstung und Einsatzbereitschaft der Streitkräfte geworden. Er war Vorsitzender des Verteidigungskomitees. In dieser Eigenschaft hatte er Teddy Maynard kennen gelernt.
Teddy drückte erneut auf den Knopf und wieder erschien Lakes Gesicht. Der CIA-Direktor war seit 50 Jahren im Geheimdienstgeschäft und hatte nur selten ein ungutes Gefühl im Bauch. Er war beschossen worden, hatte sich unter Brücken verstecken müssen, war in den Bergen fast erfroren, er hatte zwei tschechische Spione vergiftet und in Bonn einen Verräter erschossen, er hatte sieben Sprachen gelernt, im Kalten Krieg gekämpft und sein Bestes getan, um den nächsten zu verhindern, er hatte mehr Abenteuer erlebt als zehn Agenten zusammen, und doch — beim Anblick von Aaron Lakes unschuldigem Gesicht hatte er eindeutig ein ungutes Gefühl.
Er — die CIA — war dabei, etwas zu tun, das der Geheimdienst noch nie getan hatte.
Sie hatten sich 100 Senatoren, 50 Gouverneure und 435 Abgeordnete vorgenommen — die üblichen Verdächtigen eben —, und nur einer war übrig geblieben: Aaron Lake aus Arizona.
Teddy tippte auf den Knopf, und das Bild verschwand. Seine Beine waren zugedeckt. Er trug dasselbe wie jeden Tag: einen Pullover mit V-Ausschnitt, ein weißes Hemd, eine Krawatte in gedeckten Brauntönen. Er fuhr den Rollstuhl zur Tür und bereitete sich darauf vor, seinen Kandidaten zu empfangen.
Während der acht Minuten, die Lake warten musste, bot man ihm Kaffee und ein Stück Kuchen an, das er dankend ablehnte. Er war einen Meter fünfundachtzig groß, wog sechsundsiebzig Kilo und achtete sehr auf sein Äußeres und Teddy wäre überrascht gewesen, wenn er den Kuchen gegessen hätte. Soweit man hier wusste, aß Lake nie Zucker. Nie.
Der Kaffee war stark, und während er ihn trank, ging er in Gedanken noch einmal die Ergebnisse seiner eigenen Nachforschungen durch. Der Zweck dieses Treffens war ein Gespräch über die beunruhigende Menge schwerer Waffen, die vom Schwarzen Markt stammten und an Balkanländer geliefert wurden. Lake hatte zwei Memoranden zu diesem Thema, achtzig eng beschriebene Seiten voller Daten, die er bis zwei Uhr morgens durchgegangen war. Er wusste nicht, warum Mr. Maynard ihn zur Besprechung dieser Angelegenheit nach Langley gebeten hatte, aber er war vorbereitet.
Ein leises Summen ertönte, die Tür öffnete sich, und der CIA-Direktor rollte auf ihn zu. Seine Beine waren unter einer Decke verborgen und man sah ihm seine vierundsiebzig Jahre an, doch sein Händedruck war fest — wahrscheinlich von der Kraftanstrengung, die es ihn kostete, sich mit dem Rollstuhl fortzubewegen. Lake folgte ihm in das Büro. Die beiden Bullterrier mit Universitätsabschluss blieben zurück und bewachten die Tür.
Maynard und Lake setzten sich einander gegenüber an einen sehr langen Tisch, an dessen Ende eine große weiße Wand als Projektionsfläche diente. Nach ein paar Begrüßungsworten drückte Teddy einen Knopf, und auf der Wand erschien ein Gesicht. Ein weiterer Knopfdruck, und es wurde dunkler im Raum. Lake gefiel das: Man drückte auf einen kleinen Knopf und sogleich flimmerten Hightech-Bilder. Zweifellos war dieser Raum mit elektronischen Geräten ausgestattet, die so empfindlich waren, dass man seinen Pulsschlag auf zehn Meter Entfernung messen konnte.
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