Das Geschwisterpaar Parthey gehörte einer der besten Berliner Familien an, ihr Vater war Hofrat, ihre frühverstorbene Mutter eine Tochter Friedrich Nicolais gewesen. Kaum hatte auch Marie sich gesetzt, begann eine Plauderei, deren unbestimmte Leichtigkeit ganz das Metier dieser jungen Leute zu sein schien, und Marie erfuhr, daß es sich bei Schlemihl um einen Naturforscher auf Humboldts Spuren handelte, der, wenn er nicht in Berlin war, in atemlosem Tempo die Welt bereiste, wovon er einiges erzählte, was vor allem bei dem jungen Parthey sein Echo fand, der, obzwar noch in Heidelberg, im Geist längst in Rom war, von dem er schon jeden Stein zu kennen behauptete, was er auch sogleich mit schwärmerischen Schilderungen unter Beweis zu stellen suchte. Wobei Lili, seine Schwester, der lachende Mittelpunkt war, um den die Geschichten, je bunter und je fremder um so besser, wirbelnd sich drehten. Und aus dem stillen Herz dieses Wirbels zwinkerte sie Marie immer wieder zu, als wären sie alte Freundinnen, und begann ihr auch selbst bald alles mögliche zu erzählen, über ihren Bruder und seinen Freund, was sie in Berlin erlebten, von der Reise nach Potsdam, der Gondelfahrt hierher und schließlich auch ihre Impressionen von der Insel.
»Das kleine Schloß ist ja ganz allerliebst, aber so enge, daß die drei Prinzessinnen in sehr kleinen Stuben schlafen müssen. In der Meierei haben wir köstliche Milch getrunken, und wir haben Pfauen und Störche, Adler und Hirsche, Auerochsen, Schafe und Kühe gesehen.«
Ihr Bruder machte den Schrei eines Pfauen nach, und Lili hieb ihm, weil man sich sofort nach ihnen umsah, lachend auf den Mund. Dann forderte sie Marie auf, von ihrem Leben hier zu erzählen, was diese, ganz verwirrt von dem Geplauder, stockend begann. Sie war froh, als Peter Schlemihl sie bald schon unterbrach.
»Ich beneide Sie darum, Mademoiselle, an einem solchen Ort leben zu können.«
»Ja, es ist wunderschön hier«, pflichtete Lili ihm bei.
»Das meine ich nicht.«
»Sondern?« fragte ihr Bruder, doch Schlemihl erklärte sich nicht.
»Den Vater unsres Königs haben Sie wohl nicht mehr gekannt?« fragte er statt dessen. »Oder gar die Gräfin?«
Marie verneinte.
Schlemihl nickte ernst, als hätte er sich das schon gedacht, doch gleich schien ihm etwas anderes einzufallen. »Aber Sie wissen um die seltsame Geschichte des Namens Ihrer Insel?«
Was denn daran seltsam sei, wollte Marie wissen.
»Seltsam ist, daß die Insel auf der ältesten Karte, die es gibt, jener von Suchodoletz aus dem Jahr 1683, zwar Pfauwerder heißt, der Große Kurfürst, nachdem er sie wirtschaftlich zu nutzen begann, sie aber nach den Tieren benannte, die er hier ansiedelte. Als Kaninchenwerder erscheint sie in den Akten.«
»Und dann?« wollte Abel Parthey wissen.
»Nach Johann Kunckels, des Glasmachers, Zwischenspiel ließ das Gut Bornstedt hier Schafe, Kühe und Ochsen grasen, dann wurde die Insel dem Potsdamer Waisenhaus geschenkt, von dem sie schießlich der Vater selig unseres Königs erwarb und kurz vor seinem Tod auf Gut Sacrow Pfauen kaufen und hier aussetzen ließ. Keine dreißig Jahre ist das her, und erst seitdem heißt sie Pfaueninsel. Die Wirklichkeit äfft so den Namen nach und glaubt der Lüge, die Namen immer in sich tragen.«
Marie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht.«
»Glauben Sie denn wirklich, daß früher einmal Pfauen hier gelebt haben?«
Marie sah ihn überrascht an. Lebten diese Vögel nicht überall? Lili lachte und hielt sich die Hand vor den Mund.
»Dürfte ich vielleicht ein Portrait von Ihnen schneiden, Mademoiselle?« wechselte Schlemihl das Thema.
»Oh ja, bitte!« freute sich Lili.
Und schon hatte er ein Stück schwarzen Karton und ein winziges goldenes Scherchen aus seinem Rock gezogen und setzte sich vor Marie in Positur, wobei er sie so skeptisch musterte, daß sie es zunächst mit der Angst bekam. Versetzte sie doch alles, was sich auf ihr Aussehen richtete, in Panik. So, wie sie war.
»Keine Sorge!« beruhigte sie Lili, die Maries Aufregung gleich bemerkte. »Peter ist ein großartiger Silhouetteur. In Berlin sind seine Schattenrisse gerade sehr in Mode! Aber du mußt stillhalten.«
Während sein Blick unentwegt zwischen Marie und dem schwarzen Papier pendelte und die Schere in winzigen, doch völlig sicheren und ungemein hurtigen Bewegungen herumfuhr, nahm Schlemihl den Faden des Gespräches mit aller Seelenruhe wieder auf. »Es täte mir wirklich leid, wenn ich Sie verwirrt haben sollte, Mademoiselle. Was ich eigentlich sagen wollte: Man spürt hier noch viel von der alten Zeit. Nur an wenigen Orten in Preußen ist sie noch so gegenwärtig.«
»Was die alte Zeit angeht, mein Lieber«, entgegnete Abel dem Freund, »sind Gott sei Dank die Zustände vorüber, in denen die von dir erwähnte Gräfin Lichtenau mit Hilfe des angeblichen Geistes ihres toten Sohnes regieren konnte.«
»Das meine ich nicht.«
»Was denn?« wollte Marie wissen, während sie zugleich gebannt den Bewegungen der Schere folgte.
»Fertig!« rief Schlemihl fröhlich aus, statt ihr zu antworten. Und im selben Moment fiel ein Großteil der Pappe zu Boden, der abgetrennte Schatten ihres schwarzen Konterfeis, das allein in seiner Hand zurückblieb.
»Darf ich Ihnen das schenken, Mademoiselle? Als Andenken an diesen schönen Tag bei Ihnen?«
Lächelnd reichte er ihr den Scherenschnitt. Sie bedankte sich artig und legte ihn vor sich auf den Rasen. Nie sieht man sich im Profil, wie die anderen es tun, und insofern ist ein Scherenschnitt immer fremd und vertraut zugleich. Natürlich, das war sie, sie erkannte all das, was sie an sich haßte, nichts war übertrieben, ihre Nase war so, ihre Stirn, ihre Lippen, sie wußte es. Und doch war die Linie, die all das aus dem Schwarz geschnitten hatte, so fein und sorgsam geführt, als spielte es überhaupt keine Rolle, welche Empfindungen man mit dem, was diese Linie erfaßt hatte, verbinden mochte. Schön war das Bild, nicht sie, und das war gut. Ihre Beklemmung löste sich, wenn sie sich auch noch längst nicht davon lösen konnte, das Bild immer weiter zu betrachten, und sie erinnerte sich plötzlich daran, im Schloß auf einem Teeservice ebensolche Silhouetten gesehen zu haben, und das freute sie noch mehr.
»Gefällt es Ihnen?«
»Ja, sehr!« hauchte sie und konnte dabei noch immer nicht hochschauen.
Ohne ein Wort darüber zu verlieren, wandte Schlemihl sich wieder seinem Freund zu. »Siehst du den Brunnen dort drüben? Man nennt ihn Jakobsbrunnen, aber er hieß sicherlich einmal anders. Denn in Rom, lieber Abel, wohin du so gerne möchtest, kannst du sein Vorbild sehen, die Cella des Serapistempels, verfallen zwar, aber noch kenntlich.«
»Und?« fragte Abel.
»Serapis nannten die Griechen den Osiris. Es fällt auf, wie viel Ägyptisches sich hier findet. Im Neuen Garten drüben gibt es noch zwei ägyptische Gottheiten, dazu eine Sphinx und eine Pyramide.«
»Und? Nichts als eine alte Mode.«
»Bist du dir da sicher? Die Rosenkreuzer haben ein sehr starkes Interesse an alten orientalischen Kulten.«
»Die Rosenkreuzer?« fragte Lili abschätzig. »Großvater Nicolai hat immer über sie gewettert. Dunkelmänner, sagte er. Gibt es die denn noch?«
»Ob es sie noch gibt, liebe Lili, weiß ich nicht zu sagen. Aber der Brunnen dort wurde auf Anordnung und Planung des Ministers Wöllner gebaut, und von dem wissen wir ja, daß er der führende Rosenkreuzer am Hofe war. Und seht euch doch um: Dieses Schloß, der Brunnen, die Pfauen und, verzeihen Sie meine Offenheit, Mademoiselle Strakon, nicht zuletzt auch die Anwesenheit der Zwerge, das alles atmet einen anderen als unseren modernen Geist.«
Nur einen Moment lang verletzten sie Schlemihls Worte. Vielleicht gab es tatsächlich einen Grund dafür, daß sie hier war. »Ich glaube, Herr Schlemihl hat recht.«
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