GUGU: Ich sage euch, wie es ist. In letzter Zeit denke ich oft an den Tod.
KAULQUAPPE: Gugu, komm jetzt bloß nicht auf dumme Gedanken! Du bist erst Anfang siebzig. Dass du jetzt im Zenit deines Lebens stehst, dass es also zwölf Uhr Mittag für dich ist, mag übertrieben sein, aber mehr als drei Uhr Nachmittag ist es in deinem Leben noch nicht. Damit möchte ich dir keineswegs schmeicheln. Drei Uhr nachmittags ist noch früh am Tag, da wird es noch lange nicht dunkel. Dazu kommt, dass die Menschen in Nordost-Gaomi ihre Gugu noch nicht missen möchten!
GUGU: Natürlich will ich nicht sterben. Wenn der Mensch keine Not leidet, nicht ernsthaft krank ist, wenn er essen und wenn er schlafen kann, warum sollte er dann sterben wollen? Aber ich kann nicht einschlafen. Wenn um Mitternacht alle schlafen, bin ich wach wie die Eule auf dem Baum vor unserem Haus. Die Eule bleibt wach, weil sie Mäuse fangen muss. Was mache ich, wenn ich wach bleibe?
KAULQUAPPE: Du kannst Schlaftabletten nehmen. Sehr viele bedeutende Persönlichkeiten leiden unter massiven Schlafstörungen. Sie nehmen alle etwas ein.
GUGU: Schlaftabletten zeigen bei mir keinerlei Wirkung.
KAULQUAPPE: Du könntest es mal mit Traditioneller Chinesischer Medizin versuchen.
GUGU: Ich bin Ärztin, das weißt du doch! Ich sag dir eins. Das ist bei mir keine Krankheit.
Die Zeit der Vergeltung ist angebrochen. Der Dämon, der meine Schulden eintreiben will, steht mit geöffnetem Säckel an meinem Bett, um mit mir abzurechnen. Um Mitternacht, wenn die Eule ruft, kommt er an mein Bett. Jede Nacht kommt er, blutüberströmt, und brüllt zum Erbarmen. Er kommt zusammen mit den schwerbehinderten Fröschen, die einen Arm, ein Bein zu wenig haben. Ihr Brüllen mischt sich mit dem Fröschequaken zu einem Konzert. Sie jagen mich durch den Hof. Ich habe keine Angst, dass sie mich beißen. Ich fürchte die kühle, weiche Haut an ihrem Bauch und ihren fischigen Gestank. Sagt selbst, wovor habe ich in meinem Leben Angst gehabt? Tiger, Leoparden, Wölfe, Füchse, vor denen andere sich immer fürchten, erschrecken mich nicht. Ich habe nur mörderische Angst vor den Froschdämonen.
KAULQUAPPE: (zu Große Hand gewandt)
Sollte man vielleicht einen Taoisten kommen lassen, der Gebete spricht?
GROSSE HAND: Sie spricht ja schon auswendig gelernte Bühnentexte.
GUGU: Wenn ich nicht einschlafen kann, grüble ich immer über mein Leben nach. Ich beginne bei dem ersten Kind, das ich geholt habe, und lasse dann alle Kinder in einer langen Schlange folgen, bis zum letzten, Bild für Bild, als würde ich einen Film abspulen. Mal angenommen, ich hätte in meinem Leben sonst nichts Unrechtes getan. Aber gewisse Dinge, sind das böse Taten gewesen?
KAULQUAPPE: Gugu, das, was du meinst, waren keine bösen Taten, auch jetzt ist noch einiges sehr umstritten. Und selbst wenn man jetzt all das offiziell als böse Tat definieren würde, könnte man dir aber noch lange nicht die Verantwortung dafür aufbürden. Gugu, mach dir keine Selbstvorwürfe. Es ist keine Schande, du bist eine erfolgreiche Beamtin, keine Missetäterin.
GUGU: Bin ich wirklich keine Sünderin?
KAULQUAPPE: Wenn Nordost-Gaomi heute seinen Gutmenschen wählen würde, würden die Leute zuallererst dich wählen.
GUGU: Sind meine beiden Hände sauber?
KAULQUAPPE: Sie sind nicht nur sauber, es sind gesegnete Hände.
GUGU: Wenn ich nicht einschlafen kann, muss ich immer daran denken, wie Fausts Frau gestorben ist, und wie Renmei gestorben ist, und wie Galle gestorben ist.
KAULQUAPPE: Bei dir darf man nicht die Schuld suchen. Bei dir zuallerletzt.
GUGU: Fausts Frau hat etwas zu mir gesagt, als sie starb. Weißt du, was das war?
KAULQUAPPE: Nein.
GUGU: Sie sagte: Wan Herz, du wirst zur Hölle fahren.
KAULQUAPPE: Die alte Stinksocke. Was die sich herausgenommen hat.
GUGU: Renmei hat etwas zu mir gesagt, als sie starb. Weißt du, was das war?
KAULQUAPPE: Nein, was denn?
GUGU: Sie sagte: Gugu, mich friert so.
KAULQUAPPE: (schmerzvoll)
Renmei, mich friert auch.
GUGU: Galle hat etwas zu mir gesagt, als sie starb.Weißt du, was das war?
KAULQUAPPE: Nein.
GUGU: Möchtest du es wissen?
KAULQUAPPE: Natürlich, obwohl ...
GUGU: ( erhebt sich )
Sie sagte: Danke, Gugu, dass du mein Kind gerettet hast. Was meinst du, habe ich ihr Kind gerettet?
KAULQUAPPE: Natürlich hast du das.
GUGU: Dann kann ich ja beruhigt sterben.
KAULQUAPPE: Gugu, so ist das nicht richtig. Du musst sagen, du schläfst jetzt beruhigt ein, und dann lebst du zufrieden.
GUGU: Ein Mensch, der Schuld auf sich geladen hat, sollte das Recht haben, in den Tod zu gehen. Er wird zu einem Leben gezwungen, das nur noch eine Qual ist, in dem er leidet wie ein Fisch auf dem Grill und wieder und wieder auf dem Rost gewendet wird, in dem er wie bittere TCM-Medizin Stunde um Stunde in siedendem Wasser kocht. Er muss durchhalten, seine Schuld sühnen, damit er, wenn er sie gesühnt hat, erleichtert sterben darf.
Von der Decke der Bühne baumelt eine große schwarze Schlinge aus dickem Seil. Gugu hat ihren Kopf bereits in die Schlinge gesteckt und tritt mit dem Fuß den Stuhl um, auf dem sie steht. Hao Große Hand und Qin Strom kneten ihre Niwawa-Tonpuppen.
Kaulquappe hat ein Messer in der einen Hand und stützt sich mit der anderen auf dem Stuhl ab, während er draufklettert. Er schneidet das Seil durch. Gugu fällt zu Boden .
KAULQUAPPE: (hilft Gugu hoch)
Gugu!
GUGU: Bin ich tot?
KAULQUAPPE: Könnte man meinen, aber jemand wie du ist nicht so leicht totzukriegen.
GUGU: Wie, du meinst, ich bin wiedergeboren?
KAULQUAPPE: Könnte man sagen.
GUGU: Ist mit euch alles in Ordnung?
KAULQUAPPE: Wir sind okay.
GUGU: Und das Goldkind?
KAULQUAPPE: Dem geht’s prächtig.
GUGU: Hat Kleiner Löwe jetzt Milch?
KAULQUAPPE: Der Milchfluss ist in Gang gekommen.
GUGU: Hat sie viel oder wenig?
KAULQUAPPE: Mehr als genug.
GUGU: Wie viel genau?
KAULQUAPPE: Wie ein Springbrunnen.
Ende des neunten Aufzugs
(Ende des Schauspiels)
Fröschequaken ohne Ende
Nachwort des Autors
Der Titel dieses Romans zitiert einen Liedvers eines Ci-Gedichts von Xin Qiji, das den Titel Nächtliche Reise im Huangsha Gebirge zur Melodie Weststrom Mond (Xijiang Yue) trägt. Dieses Song-zeitliche Gedicht kenne ich seit meinen Kindertagen; ich bin mit ihm so vertraut, es hat sich so sehr in mein Herz eingebrannt, dass ich es nie und nimmer vergessen werde.
Wieso haftet es mir so im Gedächtnis?
Es ist wegen eines Verses, der lautet:
Überall Fröschequaken ohne Ende .
Der Froschgesang ist aus meinen Kindheitserinnerungen nicht wegzudenken. Leute, die meine Bücher gelesen haben, wissen nur zu gut, dass ich das Fröschequaken darin oft beschrieben habe, aber mein Leser weiß nicht unbedingt, dass ich eine gewisse Froschphobie habe.
Vor Giftschlangen und Raubtieren fürchten sich die Leute aus gutem Grund.
Aber warum sich vor diesen nützlichen, deswegen sogar beliebten Froschlurchen fürchten? Deren Fleisch eine nahrhafte Stärkung bei körperlicher Schwäche verspricht?
Ich verspüre trotzdem furchtbare Angst vor Fröschen.
Kommen sie mir in den Sinn – allein die Glupschaugen und die feuchte Haut – beim bloßen Darandenken sträuben sich mir die Haare und ich bekomme Gänsehaut.
Wovor fürchte ich mich bei diesen Kreaturen?
Ich weiß es nicht. Aber wahrscheinlich ist es mit ein Grund, warum ich meinen Roman Frösche genannt habe.
Im Buch erzählte ich bereits davon, dass ich eine Tante habe, die wir Gugu nennen und die auf eine besonders lange frauenärztliche Tätigkeit zurückblickt. Die vielen tausend Säuglinge bei uns in Nordost-Gaomi haben alle mit Gugus Hilfe das Licht der Welt erblickt. Das entsprach den Erwartungen, es war gut. Aber durch ihre Hand starben auch viele! Viele Babys verloren ihr Leben, noch ehe sie auf die Welt gekommen waren, und kamen ins Fegefeuer.
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