Wir warfen uns augenblicklich zu Boden und krochen unter Wangs Anleitung wieder zurück. »Kriecht schneller, an den Flugzeugtragflächen sind Bomben festgemacht!«
Nach dem Bomberabsturz wussten wir, dass an einen Tragflügel vier Bomben gehängt werden können. An jenem Tag hatte der Bomber nur zwei. Er war mit leichter Bewaffnung geflogen. Wären es vier gewesen, wäre von uns nichts mehr übrig gewesen.
Als am dritten Tag nach dem Unglück mein Vater und die anderen Männer aus dem Dorf mit den Schubkarren aus Gaomi zurück waren – in den Karren hatten sie die Leichen- und Flugzeugteile von der Unglücksstelle zum Flugplatz von Gaomi geschoben –, kam mein Bruder völlig außer Atem angerannt. Mein Spitzensportlerbruder war ohne Pause von der ersten Kreismittelschule in Gaomi dreiunddreißig Kilometer am Stück nach Hause gerannt. Dreiunddreißig Kilometer sind ja fast Marathonlänge. Er stürzte zum Tor herein auf den Hof und sagte nur ein Wort: »Tante ...«, dann fiel er kopfüber zu Boden, spuckte weißen Schaum, verdrehte die Augen und wurde ohnmächtig.
Die ganze Familie umringte ihn, zupfte am Philtrum, kniff ihm in den Daumen-Zeigefingerspann, klopfte ihm die Brust.
»Was ist mit deiner Tante?«
»Was ist mit Tante?«
Endlich kam er doch wieder zu Bewusstsein, kniff aber nur die Lippen zusammen und fing an, laut zu weinen. Mutter schöpfte aus der Tonne eine Kelle Wasser, gab ihm davon zu trinken und schüttete ihm den Rest ins Gesicht.
»Sag schon, was ist mit der Tante?«
»Tantes Pilot ist in einem Flugzeug ... in den Westen abgehauen ...«
Mutters Porzellankelle fiel zu Boden und zerbrach.
»Wohin ist der geflohen?«, fragte Vater.
»Na, wohin schon! Nach Taiwan natürlich«, dabei wischte sich mein Bruder mit dem Ärmel übers Gesicht. Zähneknirschend sagte er: »Verräter! So ein Schuft, fliegt nach Taiwan und verkriecht sich bei Chiang Kai-shek!«
»Was ist mit deiner Tante?«, fragte Mutter.
»Von der Polizei in Gaomi abgeführt«, sagte mein großer Bruder. Meiner Mutter schossen die Tränen in die Augen. Wir sollten bloß der Großtante nichts davon sagen und auch anderswo nichts ausplaudern.
»Als wenn wir da noch was sagen müssten! Das weiß längst der ganze Kreis.«
Mutter holte einen großen Kürbis aus dem Haus und gab ihn meiner Schwester zum Tragen: »Komm, wir besuchen deine Großtante.«
Nur ein paar Minuten waren vergangen, da kam meine Schwester wieder angerannt. Noch während sie auf den Hof lief, schrie sie unserer Oma entgegen: »Oma, komm schnell! Mama sagt, du musst schnell kommen. Die Großtante ist weg!«
8
Kürzlich wurde Xiangqun, der Jüngste meines Bruders, von der Luftwaffe als Pilot angeworben. Es sind zwar vierzig Jahre verstrichen, wir haben völlig andere Zeiten und, wie schon das Sprichwort sagt, auch blaues Meer kann sich zu grünen Maulbeerhainen wandeln. Heutzutage ist vieles, weswegen früher die Köpfe rollten, nur noch einen Witz wert. Das betrifft auch viele Berufe, die damals Neid und Bewunderung erregten. Sie gelten heute als niedere Arbeiten und ernten nur noch Verachtung, aber als Fliegerpilot angeworben zu werden, ist immer noch etwas, weswegen die ganze Sippe in Aufregung gerät und worum einen alle Nachbarn beneiden. Um diesen zukünftigen Jetpiloten zu feiern, kehrte mein inzwischen von seinem Posten als Amtsleiter der Schulbehörde in den Ruhestand versetzter großer Bruder extra aus der Stadt zurück und gab ein Bankett für alle Verwandten und Freunde.
Das Festessen wurde im Hof des Hauses meines zweiten Bruders aufgebaut. Aus dem Zimmer führten sie ein Stromkabel heraus, an dem sie eine starke Glühlampe anschlossen, die den Hof in blendendweißes Licht tauchte. Sie hatten zwei Esstische zusammengeschoben, woran dicht gedrängt zwanzig Stühle gestellt wurden. Wir saßen alle Schulter an Schulter. Unmengen verschiedener Speisen hatte mein Bruder aus dem Restaurant kommen lassen: Bunte Platten mit Wild- und Meeresspezialitäten, Huhn, Ente, Rind- und Schweinefleisch stapelten sich auf den Tischen. Meine Schwägerin wünschte allen in ihrem unverständlichen Yantaier Dialekt einen guten Appetit:
»Wir haben gar nichts Besonderes bestellt. Fangt bitte an und lasst es euch schmecken!«
Mein Vater sagte: »Nun sag das mal nicht! Erinnere dich an 1960, da konnte sich selbst der Vorsitzende Mao solches Essen nicht leisten.«
Mein für die Pilotenausbildung ausgewählter Neffe erwiderte: »Nicht schon wieder die alten Kamellen, Opa!«
Als wir alle die dritte Runde Schnaps intus hatten, sagte mein Bruder: »Nun hat unsere Familie also doch noch einen Jetpiloten hervorgebracht! Als ich damals den Aufnahmetest mitmachte, haben sie mich wegen einer Narbe am Bein nicht genommen, und nun lässt Xiangqun den Traum unserer Familie wahr werden.«
Xiangqun verzog den Mund: »Ach was, Piloten sind nichts Besonderes. Die, die es wirklich drauf haben, sind die hohen Kader. Die machen die fette Kohle!«
»So darf man nicht reden. Unsere Jetpiloten«, Vater leerte sein Schnapsglas mit einem Zug und stellte es geräuschvoll auf dem Tisch ab, »sind die Drachen und Phönixe unter den Menschen. Das war was, als sich deine Großtante ihren Jetpiloten Wang Xiaoti aussuchte! Den hättste mal sehen sollen! Der stand fest auf dem Boden wie eine Föhre, saß schwer auf dem Stuhl wie eine Bronzeglocke und bewegte sich mit der Wucht eines brüllenden Tigers. Wenn er nicht diesen Aussetzer mit Taiwan gehabt hätte, wäre der jetzt Befehlshaber der Luftwaffe. Davon kannst du ausgehen!«
»Ach so?«, fragte Xiangqun erstaunt. »Und ich dachte die ganze Zeit, Tantes Mann modelliert Glückskinder aus Ton. Wo kommt denn da plötzlich ein Jetpilot her?«
»Das sind nun wirklich alte Kamellen! Lass uns nicht wieder davon anfangen«, erwiderte mein großer Bruder, aber Xiangqun ließ nicht locker: »Kommt nicht in Frage! Ist ja affengeil! Tantes Wang Xiaoti setzt sich mit dem Flieger nach Taiwan ab. Danach frage ich meine Großtante.«
»Sei nicht auf Nervenkitzel aus, wenn du fliegen willst. Der Mensch muss patriotisch sein. Wenn du bei der Armee bist, ist das noch viel wichtiger als bei den Zivilisten, und wenn du Pilot bei der Luftwaffe bist, musst du noch mal doppelt so viel Patriotismus im Leib haben. Meinetwegen sei ein Dieb, überfalle Leute und werde ein Räuber, morde, brandschatze ... will sagen, sei alles, aber sei kein Verräter! Kein Landesflüchtiger, der ab in den Westen macht! Den Fluch des Verräters werden wir über Generationen nicht mehr los. Damit nimmt es kein gutes Ende ...«
»Ich seh schon, ich habe dich richtig ins Bockshorn gejagt! Aber Taiwan gehört«, sagte der ehrlose Xiangqun, »doch zum Vaterland. Da kann man doch mal rüberfliegen und sich umschauen.«
»Untersteh dich! Dann werd du lieber gar nicht erst Pilot, wenn du solche Ideen hast«, sagte meine Schwägerin. »Warte, ich telefoniere gleich mit Liu, dem Chef der bewaffneten Truppe, und sag ihm schon mal Bescheid, dass du es dir anders überlegt hast.«
»Reg dich ab, Mama! Ich bin doch noch nicht verrückt!«, sagte meine Neffe, »Wie käme ich dazu, nur an mein eigenes Glück zu denken und euch einfach im Stich zu lassen! Dazu kommt, dass die sich doch längst verbrüdert haben. Wenn ich rüberfliege, müssten die Taiwaner mich wieder zurückschicken.«
»So klingt das Wort eines echten Wan!«, warf mein Bruder ein. »In unserer Familie benehmen sich die Männer wie ganze Kerle und sind keine Loser wie diese Memme von Wang Xiaoti. Der hat doch das Leben meiner Tante zerstört!«
»Wer redet da über mich?« tönte es laut, als die Tante das Hoftor aufdrückte und ohne Zögern eintrat. Sie blinzelte, weil das helle Licht sie blendete. Deswegen drehte sie sich weg und setzte erst mal die Sonnenbrille auf. Sah cool aus, aber auch lächerlich.
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