Adalbert Stifter - Witiko

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An seinem monumentalen Werk über die Gründungsgeschichte des Königreiches Böhmen im 12. Jahrhundert arbeitete Stifter zehn Jahre lang wie »ein Pflugstier«. Durch den Romanhelden Witiko, der stellvertretend für den sittlich handelnden Menschen steht, wird das grandiose Historiengemälde zum Bildungsroman, als dessen Meister sich der Autor mit seinem ›Nachsommer‹ in die Literaturgeschichte eingeschrieben hatte.

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Die Männer ritten an das Tor des Hauses. In dem Tore öffnete sich ein Schubfach, und das Haupt eines Knechtes sah heraus. Dann schloß der Knecht das Fach, und öffnete das Tor. Unter dem Bogen des Tores stand Heinrich, und sagte zu Witiko: »Seid gegrüßt. Es ist gut von Euch, daß Ihr auf meine Einladung nicht vergessen habt, und wieder einmal in mein Haus gekommen seid. Ihr werdet mit den Eurigen freundlich in demselben aufgenommen.«

»Ich danke Euch«, entgegnete Witiko, »wir bitten nur um Raum zu einer kurzen Rast für heute, um etwas Nahrung für uns und unsere Pferde und um eine Herberge für die Nacht. Mit dem frühen Morgen werden wir unsern Weg wieder betreten.«

»Wie es Euch gefällt, und wie Ihr in Absicht habt«, entgegnete Heinrich, »es wäre ein Unrecht, den Gast zu zwingen, länger zu bleiben, als er will, er wisse nur, daß er gerne begrüßt wird.«

»Ich danke Euch für Eure Gesinnungen«, sagte Witiko.

»So reitet ein«, antwortete Heinrich.

Nach diesen Worten trat er seitwärts, und Witiko ritt mit seinen Gefährten in den Hof. Dort stiegen sie von den Pferden. Der Knecht, welcher das Tor geöffnet hatte, und ein anderer, welcher herbei gekommen war, nahmen die Pferde, und führten sie in den Stall. Heinrich geleitete Witiko gegen eine Tür, die von dem Hofe in das Gebäude ging, die zwei andern folgten. Als sie an der Tür angelangt waren, sah Witiko, daß von ihr mehrere Stufen empor führten. Er stieg mit seinem Gastherrn die Stufen hinan. Dann gelangten sie in einen Gang, in dessen Mitte ein Fallgitter war, unter welchem sie hindurch gingen. Dann kamen sie an eine Tür. Heinrich öffnete sie, und ließ die Männer in ein Gelaß, welches aus zwei Gemächern bestand, und Geräte und Betten hatte.

»Hier haltet Rast und Herberge, Witiko«, sagte Heinrich, »Ihr seid von allem Geräusche entfernt. Und wenn es Euch dann genehm sein wird, so kommt zu meiner Haufrau, sie zu begrüßen.«

»Ich werde bald kommen«, entgegnete Witiko, »sagt der hohen

Frau indes meine Ehrerbietung.« »Ich werde es tun«, antwortete Heinrich, »und gehabt euch wohl.«

»Gehabt Euch wohl«, sagte Witiko. Heinrich verließ die Gemächer. Die drei Männer standen nun in dem Raume, der ihnen

angewiesen worden war. »Ich werde nach den Pferden sehen«, sagte Raimund. »Tue das«, entgegnete Witiko, »ich werde dir sogleich folgen.« Raimund ging fort, der Mann in dem braunen Gewande setzte

sich auf ein Gesiedel, das in einer Ecke stand, und Witiko verließ

nun auch das Gemach. Als er in den Hof kam, sah er dort den Knecht, welcher das Tor geöffnet hatte.

Der Knecht näherte sich ihm, und sagte: »Das ist sehr gut, daß

Ihr gekommen seid, das ist sehr gut.« »Es kann gut sein«, sagte Witiko, »und es freut mich, daß du das sagst.«

»Und das schöne Pferd habt Ihr auch noch, das bei den Köhlern gestanden ist«, sagte der Knecht, »und Ihr werdet wieder zu ihm gehen, wie damals.«

»Das werde ich tun«, antwortete Witiko, »wie heißest du denn?« »Hando«, erwiderte der Mann.

»Nun, Hando«, entgegnete Witiko, »du wirst mir wohl behilflich sein, wenn ich etwas brauche.«

»Es ist der Befehl des Herrn, daß ich bei den Pferden bleibe«, sagte Hando, »ich glaube, daß Euer Pferd sehr rechtschaffen sein wird.«

»Es ist schon rechtschaffen gewesen, und wird wieder rechtschaffen sein«, sagte Witiko.

Nach diesen Worten ging Witiko von dem Knechte in den Stall. Er sah, daß die Pferde gut eingestellt und mit Decken versorgt worden waren. Er sagte Raimund noch genauer, was er tun solle, streichelte sein graues Pferd, und ging dann fort. Er ging über den Hof, und suchte den Saal, in welchem er einst von Heinrich empfangen worden war, und in welchem man das Mittagmahl eingenommen hatte. Er kam in den Saal. Der Saal war gerade so wie damals, er hatte die Tische, die Waffen, und an einem Fensterpfeiler hing auf einem Nagel ein Kopfgoldreifchen mit kleinen Öffnungen. Es war aber niemand in dem Saale. Witiko ging durch eine Tür in ein weiteres Gemach. Auch dieses war leer. Als er in demselben stand, hörte er Tritte kommen, und Heinrich ging herein. Er führte Witiko durch ein zweites Gemach, das gleichfalls leer war, in ein drittes, in welchem Wiulfhilt saß. Sie stand von dem Stickrahmen auf, und ging Witiko entgegen.

»Seid willkommen, Witiko«, sagte sie.

»Ich bringe meinen ehrerbietigen Gruß«, sagte Witiko, »ich bin in Euer gastliches Haus gekommen, hohe Frau, um darin um eine Nachtherberge zu bitten.«

»Und mein Gemahl und ich gewähren sie«, entgegnete die Frau, »und würden viele Nachtherbergen gewähren.«

»Mein Weg ruft mich morgen wieder weiter«, entgegnete Witiko.

»So genießet heute, was unser Haus vermag«, sagte Wiulfhilt.

Nach diesen Worten ging sie zu ihrem Sitze, und lud Witiko ein, sich auch nieder zu setzen.

Er tat es. Heinrich setzte sich auch.

Wiulfhilt richtete ihre blauen Augen auf Witiko, und sagte: »Ihr seid vier Jahre nicht in unserem Hause gewesen.«

»Ich habe oft an dasselbe gedacht«, entgegnete er.

»Dann gebt Ihr jenen Stunden, die Ihr da waret, ein gutes Gedächtnis«, sagte Wiulfhilt.

»Oft denkt man weniger Stunden, und vergißt vieler«, antwortete Witiko.

»Ja, so ist es«, entgegnete Wiulfhilt, »und wie Ihr in jener Zeit nicht einmal eine Nacht unter unserem Dache geblieben seid, so wollt Ihr heute auch wieder nur nach einer Nacht weiter.«

»Es hat sich alles gefügt«, sagte Witiko, »und fügt sich jetzt auch wieder.«

»Nun, so gehorcht Eurer Fügung, und möge sie immer eine günstige sein«, erwiderte die Frau.

»Es wechselt das Gute mit dem Übeln«, sagte Witiko.

»Und mit dem Ehrenvollen«, entgegnete Wiulfhilt, »Ihr seid lange bei dem böhmischen Herzoge Sobeslaw gewesen, und seid von ihm zu dem Landtage geschickt worden.«

»Ich bin ein Jahr in Böhmen gewesen, da Sobeslaw herrschte, und nur wenige Tage bei ihm, da er sich zum Sterben rüstete«, sagte Witiko, »und es ist kein Landtag gewesen, zu dem ich gegangen bin, erhabene Frau, sondern eine freiwillige Versammlung der Herren der Länder Böhmen und Mähren, um für das Sterben Sobeslaws einen Nachfolger zu wählen, obgleich sie schon dem Sohne Sobeslaws den Eid geleistet hatten. Ich bin auch nicht zu der Versammlung geschickt worden, sondern Sobeslaw, der mir traute, wollte nur wissen, was in seiner Krankheit geschehe. Ich bin selber in die Versammlung gegangen.«

»Und Ihr habt dort geredet«, sagte Wiulfhilt.

»Und sie haben mich ihren Beratungen und Beschlüssen zuhören lassen«, antwortete Witiko.

»Seid Ihr bei dem Tode Sobeslaws gewesen?« fragte Heinrich.

»Ich habe ihn sterben gesehen«, antwortete Witiko.

»Er hat sich dem Hohenstaufen Konrad verbündet, und ist ein Feind unseres verstorbenen Herzoges Heinrich gewesen«, sagte Heinrich, »aber ich habe ihn doch geehrt, und habe es ihm gezeigt, wenn ich ihn gesehen habe.«

»Habt Ihr seine Adelheid gesehen, Witiko?« fragte Wiulfhilt.

»Ich habe mit ihr gesprochen, und sie hat mir die Geschenke des Herzogs für meinen Dienst gegeben«, antwortete Witiko.

»Wie hat sie den Tod ihres Gemahles ertragen?« fragte Wiulfhilt.

»Sie hat für ihn gebetet, und ist in Trauer gestorben«, sagte Witiko.

»Wir haben davon gehört«, entgegnete Wiulfhilt; »ist für ihre Kinder gesorgt worden?«

»Der Herzog Wladislaw ist ehrfurchtvoll gegen Adelheid gewesen«, sagte Witiko, »er ist großmütig gegen ihre Kinder, und er wird selbst gegen den aufständigen Wladislaw nicht hart sein.«

»Ihr seid, da auf dem Herzogstuhle gewechselt worden, lange in dem oberen Plane gewesen, Witiko«, sagte Wiulfhilt.

»Da ist eine traurige Zeit verflossen«, entgegnete Witiko, »ich wollte dem neuen Herzoge nicht dienen, und bin in dem kleinen Hause geblieben, das wir in Plan besitzen. Ich habe nur mit den Waldleuten geredet und einmal mit einem alten Zupane und zwei kleinen Herren des Landes, ich habe meine Mutter nicht gesucht, und konnte nichts tun, als was ein Knecht bei einem kleinen Hausverwalter tut.«

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