Dem Barbaren hätte es genügt, Aurelius noch für ein paar Sekunden festzuhalten, dann wären seine Kameraden gekommen, hätten den Kampf beendet und so die Frage beantwortet. Doch Aurelius befreite sich, indem er ihm mit dem Kopf einen gewaltigen Stoß ins Gesicht versetzte. Er trat zurück, um einen Ausfall zu machen, rutschte aber auf dem Blut der niedergemetzelten Feinde aus und glitt zu Boden. Wulfila beugte sich über ihn, um ihm den Todesstoß zu versetzen, aber Romulus, der sich, wie gelähmt vor Schreck, bis zu diesem Augenblick krampfhaft an seine Mutter geklammert hatte, hatte in ihm den Mörder seines Vaters wiedererkannt. Nun gab er sich plötzlich einen Ruck, riß sich los und griff nach dem Schwert eines der gefallenen Soldaten, um sich damit auf Wulfila zu stürzen. Dieser wurde der Bedrohung aus dem Augenwinkel heraus gewahr und schleuderte seinen Dolch auf ihn, aber schon hatte sich Flavia nach vorn geworfen, um ihren Sohn zu schützen, und so traf er sie mitten in die Brust. Romulus fing, von Entsetzen gepackt, an zu schreien, und Aurelius machte sich die momentane Unaufmerksamkeit des Gegners zunutze, um ihm einen Stoß zu versetzen. Wulfila drehte den Kopf nach hinten und entging so dem Tod, nicht aber einem gewaltigen Hieb, der ihm das Gesicht vom linken Ohr bis zur rechten Wange aufschlitzte. Er brüllte vor Wut und Schmerz, schwang aber weiter das Schwert, während Aurelius den Jungen von der Leiche seiner Mutter fortriß und ihn dieselbe Treppe hinunterzog, die zuvor seine Angreifer benutzt hatten.
Ambrosinus schickte sich an, ihnen zu folgen, aber als er einen größeren Trupp Wachsoldaten auftauchen sah, zog er sich schleunigst wieder in den Schatten des Bogens zurück und verschwand durch die Tür. Nun befand er sich auf der langen, aus Marmor errichteten Empore, die auf das Mittelschiff der Basilika schaute; dieses wurde beherrscht von einem großen Mosaik in der Apsis mit dem Bild eines Pantokrators, das im schwachen Widerschein des Goldes kaum erkennbar war. Mit raschen Schritten stieg er bis zu den Brüstungen hinab, durchquerte den Chorraum und die Sakristeien und bog dann in den schmalen Korridor ein, den man in den Hohlraum der Außenmauer der Kirche gebaut hatte. Er überlegte, wo wohl Aurelius hinausgeschlüpft war, und stellte sich vor, wie er versucht hatte zu fliehen, und bei dem Gedanken bangte er um das Schicksal des Jungen, der einer tödlichen Gefahr ausgesetzt war.
Aurelius war in der Tat nur noch eine einzige Fluchtmöglichkeit geblieben: der Weg, der durch die Bäder des Palastes führte. Er betrat einen großen Saal mit einem Tonnengewölbe, der von ein paar Öllampen nur spärlich erleuchtet wurde. In den Fußboden war ein großes Becken eingelassen; es war mit Wasser gefüllt, das infolge der Nachlässigkeit der neuen Herren schon ganz trüb und mit einem Algenteppich bedeckt war. Aurelius versuchte, die Tür zu öffnen, die auf die Straße führte, aber sie war von außen verschlossen. Dann wandte er sich an den Jungen: »Kannst du schwimmen?« Romulus nickte, während er mit Widerwillen auf die übelriechende Kloake starrte.
»Dann folge mir, wir müssen den Abflußkanal, der mit dem Kanal draußen verbunden ist, hinaufschwimmen. Nicht weit davon steht mein Pferd. Das Wasser wird gleich ganz schwarz und kalt werden, aber du kannst es schaffen, ich helfe dir. Nur zu, halt den Atem an, es geht los.«
Er stieg in das Becken und half Romulus, ihm zu folgen, dann tauchten beide ins Wasser, und Aurelius begann, den Abflußkanal hinaufzuschwimmen. Schon bald berührte er mit den Händen das Schott, das das Bassin vom Zuflußkanal trennte. Es war geschlossen. Er glaubte sich schon verloren und dachte, daß er es allein versuchen müsse. Nur wenige Sekunden noch, und der Knabe würde ertrinken: Er spürte durch das schwarze Wasser bereits das Zittern seiner verzweifelten Panik. Es gelang ihm, die Hände unter das Schott zu schieben, und er begann, es unter Aufbietung all seiner Kräfte nach oben zu stoßen, bis er merkte, daß es sich langsam bewegte. Da packte er den Knaben auf gut Glück und drückte ihn nach unten und hinüber auf die andere Seite; dann kroch er selbst durch die Öffnung hindurch und ließ das Schott hinter sich wieder nach unten fallen. Kurz darauf tauchte er mit beinahe schon platzender Lunge neben Romulus wieder über der Wasserfläche auf. Der Junge klapperte vor Kälte mit den Zähnen und schien einer Ohnmacht nahe; aber er konnte ihn nicht allein im Wasser warten lassen, bis er mit dem Pferd zurückkam. Deshalb schob er ihn naß und zitternd ans Ufer, dann zog er sich selbst nach oben und brachte den Jungen rasch hinter der Südecke des Palastes in Sicherheit.
»Der Nebel steigt auf«, sagte er zu ihm. »Wir haben Glück. Nur Mut, wir können es schaffen! Jetzt rühr dich bloß nicht von der Stelle!«
Zunächst antwortete der Knabe nicht. Er schien keinen Bezug zur Realität mehr zu haben. Dann sagte er mit kaum hörbarer Stimme: »Wir müssen auf Ambrosinus warten.«
»Der ist erwachsen«, erwiderte Aurelius, »und wird schon wissen, wie er seine Haut rettet. Es ist schon allerhand, wenn es uns gelingt, hier herauszukommen. Draußen sind die Barbaren bereits auf der Suche nach uns.« Tatsächlich hörte man, wie die Verfolger aus den Stallungen im Nordflügel des Palastes herausritten, um die Straßen zu durchkämmen. Aurelius lief durch eine Gasse, bis er seinen Juba fand, der im Inneren eines alten, halbverfallenen Fischgeschäfts angebunden war.
Er nahm ihn am Zügel, und während er auf dem gleichen Weg zurückkehrte, versuchte er, nicht das leiseste Geräusch zu machen, doch als er schon ganz nahe war, hörte er plötzlich einen Ruf in der Sprache der Heruler: »Da ist er! Stehenbleiben! Stehenbleiben!« Und gleich darauf sah er, wie Romulus aus seinem Versteck herausrannte und an der Ostseite des Palastes entlanglief. Sie hatten ihn entdeckt!
Aurelius sprang auf das Pferd und sprengte über den weiten offenen Platz vor dem Kaiserpalast, der von vielen brennenden Fackeln beleuchtet war, und sah Romulus außer Atem rennen, gefolgt von einer Gruppe herulischer Krieger. Er trieb sein Pferd noch mehr an, ritt mitten durch die Verfolger hindurch und mähte dabei zwei von ihnen mit dem Schwert nieder - der eine fiel nach rechts, der andere nach links - , und ehe die anderen überhaupt bemerkten, was vor sich ging, war er an ihnen vorbeigesaust. Er holte Romulus ein, faßte ihm mit einer Hand unter die Achsel, hob ihn vom Boden hoch und feuerte zugleich sein Pferd an: »Los, Juba! Los, los!« Doch noch während er im Begriff war, den Jungen vor sich auf den Sattel zu ziehen, nahm ihn einer der Verfolger mit dem Bogen aufs Korn, schoß und traf ihn mit seinem Pfeil in die Schulter.
Aurelius biß die Zähne zusammen und versuchte durchzuhalten, doch die Kontraktion der Muskeln verursachte ihm einen stechenden Schmerz, und er mußte den Knaben loslassen. Romulus fiel zu Boden, aber Aurelius gab nicht auf: Er preßte die Beine gegen die Flanken seines Pferdes, zwang es zu einer Rückwärtsdrehung und machte kehrt, um den Jungen mit dem anderen, dem unverletzten Arm aufzuheben. Doch genau in diesem Augenblick stürzte Ambrosinus aus einer Seitentür ins Freie, warf sich auf Romulus und drückte ihn zu Boden, um ihn mit dem eigenen Körper zu schützen. Aurelius begriff, daß er keine Wahl mehr hatte, bog mit einem letzten Sprung zur Seite in eine schmale Nebengasse ein, überquerte mit einem akrobatischen Satz einen Kanal, der ihm im Weg lag, und ritt in wildem Tempo zu einer Stelle des Mauergürtels, wo eine alte, niemals ganz wieder geflickte Bresche es ihm ermöglichte, die Anhöhe so zu erreichen, als würde er eine Rampe hinaufklettern, und er gelangte unter großen Mühen auf die andere Seite.
Eine Gruppe barbarischer Krieger ritt, brennende Fackeln schwingend, aus einem der Tore heraus, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden. Aurelius gelang es, als erster auf den Damm, der über die Lagune führte, einzubiegen, wobei er versuchte, den größtmöglichen Abstand zwischen sich und seine nächsten Verfolger zu legen; den Rest würde der Nebel bewerkstelligen. Aber der stechende Schmerz in seiner Schulter erlaubte ihm nicht mehr, sein Pferd zu lenken, das zu lahmen begann. In der Dunkelheit erkannte er verschwommen ein Dickicht aus Bäumen und Büschen, zog die Zügel an, glitt zu Boden und versuchte, sich dort zu verstecken, indem er vom Damm aus ins Wasser stieg. Er hoffte, daß seine Verfolger weiter- und an ihm vorbeireiten würden, aber sie sahen seine Bewegung voraus und hielten nun ihrerseits inne. Es waren mindestens ein halbes Dutzend: Schon bald würden sie ihn aufspüren, und dann würde es kein Entrinnen mehr geben.
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