Dem Toten wurde das Kostüm ausgezogen, mit dem die Engländer den zum Tod Verurteilten bekleidet hatten. Dann wurde Akiba ins Grab gelegt und mit Erde zugeschaufelt; die Stelle bedeckten sie mit Zweigen. Mussa begab sich zu seinem Eselskarren und wartete auf Ari. Ari kniete lange am Grab seines Onkels. Das Leben Jakob Rabinskis war von seiner ersten bis zu seiner letzten Stunde Kummer und Sorge gewesen. Nun hatte er, nach so vielen Jahren der Qual, endlich Ruhe und Frieden. Eines Tages, dachte Ari, werden alle Leute wissen, wo Akiba den ewigen Schlaf schläft, und diese Stelle wird dann für alle Juden zu einem Ort der Verehrung werden.
»Leb wohl, Onkel«, sagte Ari. »Ich habe dir nicht einmal mehr sagen können, daß dein Bruder dir verziehen hat.«
Ari stand auf. Er wankte, schrie vor Schmerz laut auf und stürzte ohnmächtig zu Boden.
XVII.
Kitty und Dr. Liebermann waren bedrückt, als sie im Büro einige geschäftliche Dinge besprachen.
»Ich wollte, ich wüßte einen Weg, um Sie hier bei uns zu behalten«, sagte Dr. Liebermann.
»Das ist lieb von Ihnen«, sagte Kitty. »Es wird mir jetzt, wo es soweit ist, auch merkwürdig schwer. Ich hatte gar nicht gewußt, wie sehr ich mit Gan Dafna verwachsen bin. Ich habe den größten Teil der letzten Nacht damit verbracht, die Krankengeschichten durchzugehen. Einige von diesen Kindern haben erstaunliche Fortschritte gemacht, wenn man bedenkt, was sie hinter sich haben.« »Sie werden den Kindern fehlen.«
»Ich weiß. Und mir werden sie auch fehlen. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen noch alles genau zu ordnen. Einige der Fälle hätte ich gerne mit Ihnen persönlich durchgesprochen.«
»Ja, selbstverständlich.«
Kitty stand auf und wollte gehen.
»Vergessen Sie nicht«, sagte Dr. Liebermann, »daß Sie heute abend vor dem Essen in den Speisesaal kommen.«
»Das möchte ich eigentlich lieber nicht. Ich finde, es besteht kein geeigneter Anlaß für eine Abschiedsfeier.«
Der kleine Mann mit dem krummen Rücken hob die Arme hoch. »Alle wollten es unbedingt — was konnte ich tun?«
Kitty ging zur Tür.
»Wie geht es Karen?« fragte Dr. Liebermann.
»Nicht gut. Sie ist die ganze Zeit, seit sie Dov im Gefängnis besucht hat, sehr erregt gewesen. Und nachdem wir gestern abend von dem Überfall auf das Gefängnis in Akko gehört hatten, war es heute nacht natürlich besonders schlimm mit ihr. Das arme Kind hat wirklich für sein ganzes Leben genug gelitten. Es wird vielleicht eine Weile dauern, Dr. Liebermann, doch ich hoffe, daß es mir gelingen wird, sie in Amerika glücklich zu machen.«
»Ich wünschte, ich könnte Ihnen mit ehrlicher Überzeugung erklären, es sei unrecht von Ihnen, uns zu verlassen und nach Amerika zu gehen. Doch das kann ich nicht.«
Kitty verließ das Büro und ging den Korridor entlang. Sie war in Gedanken mit den Ereignissen beschäftigt, die eine ungeheure Aufregung in der Welt ausgelöst hatten. Von den Makkabäern waren zwanzig getötet und weitere fünfzehn gefangengenommen worden.
Niemand wußte, wieviel Verwundete sich irgendwo verborgen hielten. Ben Mosche hatte den Tod gefunden. Es schien ein hoher Preis zu sein für zwei Menschenleben. Andererseits ging es eben nicht nur um irgendwelche Menschenleben. Der Überfall auf das Gefängnis hatte auf die Moral der Engländer und ihr Bestreben, in Palästina zu bleiben, eine verheerende Wirkung ausgeübt.
Kitty blieb vor der Tür zu Jordanas Büro stehen. Der Gedanke, ihr gegenübertreten zu müssen, war ihr sehr unangenehm. Doch dann klopfte sie an und trat ein. Jordana hob den Kopf und sah sie mit kalten Augen an.
»Ich hätte Sie gern gefragt, Jordana — wissen Sie zufällig, ob es Dov Landau gestern gelungen ist, zu entkommen? Sie verstehen, da Karen so sehr an dem Jungen hängt, wäre es für sie eine sehr große Beruhigung —.«
»Ich weiß nichts darüber.«
Kitty wollte bereits gehen, doch dann drehte sie sich noch einmal um. »War Ari eigentlich an der Sache beteiligt?«
»Ari gibt mir keine Liste der Aktionen, an denen er teilnimmt.«
»Ich dachte, Sie wüßten es vielleicht.«
»Woher sollte ich es wissen? Es war eine Aktion der Makkabäer.«
»Nun, es ist mir bekannt, daß euch immer Mittel und Wege zur Verfügung stehen, um Dinge zu erfahren, die ihr zu wissen wünscht.«
»Selbst wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen nicht erzählen, Mrs. Fremont. Sehen Sie, ich möchte nicht, daß Sie irgend etwas daran hindern soll, rechtzeitig auf dem Flugplatz zu sein und sich an Bord der Maschine zu begeben, mit der Sie Palästina verlassen wollen.«
»Ich fände es sehr viel netter, wenn wir uns in Freundschaft getrennt hätten, aber ich habe nicht den Eindruck, als ob Sie mir dafür auch nur die geringste Chance geben wollten.«
Kitty wandte sich rasch ab, verließ Jordanas Büro und ging durch den Haupteingang nach draußen. Vom Sportplatz her, auf dem ein Fußballspiel stattfand, konnte sie die Kinder lärmen hören. Draußen auf der Grünfläche vor den Verwaltungsgebäuden spielten einige der jüngeren Kinder, einige der älteren lagen auf dem Rasen, in ihre Bücher vertieft.
Das ganze Jahr über blühten in Gan Dafna die Blumen, mußte Kitty denken, und immer war die Luft von ihrem Duft erfüllt.
Kitty ging die Stufen der Treppe vor dem Verwaltungsgebäude hinunter und überquerte den Rasen. Sie war sehr bedrückt, als sie auf die Krankenabteilung zuging. Es fiel ihr schwerer, von Gan Dafna fortzugehen, als sie gedacht hatte.
In ihrem Büro machte sie sich daran, die Karten der von ihr angelegten Krankenkartei durchzusehen.
Eigentlich sonderbar, dachte sie; als sie ihre Tätigkeit im Waisenheim von Saloniki beendet hatte, war dieses Gefühl in ihr nicht so stark gewesen. Auch in Gan Dafna hatte sie nie wirklich versucht, ein »Freund« zu werden. Warum drang jetzt alles auf einmal so auf sie ein?
Vielleicht lag es daran, daß dieser Abschied das Ende eines Abenteuers war. Sie würde Ari ben Kanaan vermissen, und sie würde noch lange an ihn denken, vielleicht ihr ganzes Leben lang. Aber mit der Zeit mußte doch wieder alles normal und vernünftig werden, und eines Tages würde sie Karen all das geben können, was sie sich für das Mädchen wünschte. Karen sollte auch wieder mit ihrem Tanzunterricht anfangen, den sie damals so plötzlich abbrechen mußte. Das Bild Ari ben Kanaans würde mit der Zeit verblassen, genau wie die Erinnerung an Palästina.
Kitty hörte, wie die Tür ihres Büros geöffnet wurde. Sie drehte sich um — und es verschlug ihr den Atem. Ein Araber stand in der Tür. Sein Aufzug war sonderbar. Er trug einen schlechtsitzenden westlichen Kammgarnanzug, dazu auf dem Kopf einen roten Fez, der mit einem weißen Tuch umwickelt war. Sein schwarzer Schnurrbart war lang und an den Enden zu scharfen Spitzen gezwirbelt.
»Ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte der Mann. »Darf ich hereinkommen? «
»Bitte«, sagte Kitty, die überrascht war, ihn englisch sprechen zu hören. Sie nahm an, daß er von einem Dorf in der Nähe kam. Wahrscheinlich wollte er melden, daß irgend jemand krank war.
Der Araber kam herein und machte die Tür hinter sich zu. »Sie sind Mrs. Fremont?«
»Ja.«
»Mein Name ist Mussa. Ich bin ein Druse. Wissen Sie Bescheid über die Drusen?«
Kitty erinnerte sich dunkel daran, gehört zu haben, daß die Drusen eine mohammedanische Sekte waren, deren Angehörige in Dörfern südlich von Haifa auf dem Karmelberg lebten und daß sie den Juden gegenüber loyal waren.
»Sind Sie nicht reichlich weit von zu Hause fort?« fragte sie.
»Ich bin Angehöriger der Hagana.«
Kitty sprang vom Stuhl hoch. »Sie kommen wegen Ari!« sagte sie. »Ja, er ist in Daliyat el Karmil untergetaucht, dem Dorf, in dem ich wohne. Er hatte die Führung des Überfalls auf das Gefängnis in Akko. Er bittet sie, zu ihm zu kommen.«
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