«Beruhig dich doch, Kind, beruhige dich», sagte Fräulein Honig, «wir wollen uns nicht jetzt schon gleich so aufregen.»
«Aber Sie finden das doch interessant, nicht wahr, Fräulein Honig?»
«O ja, interessant ist es schon», antwortete Fräulein Honig, «es ist mehr als interessant. Aber wir müssen von jetzt an Vorsicht walten lassen, Matilda.»
«Warum müssen wir Vorsicht walten lassen, Fräulein Honig?»
«Weil wir mit geheimnisvollen Kräften spielen, mein Kind, von denen wir nicht das geringste wissen. Ich halte sie nicht für schlecht, sie können sogar gut sein. Vielleicht sind sie sogar göttlich. Aber ganz egal, wie sie sind, vorsichtig müssen wir auf jeden Fall damit umgehen.»
Das waren weise Worte von einer klugen alten Eule, aber Matilda war viel zu aufgekratzt, um die Sache so zu betrachten. «Ich begreif nicht, warum wir so vorsichtig sein müssen», sagte sie und hüpfte immer weiter herum.
«Ich versuche dir ja gerade zu erklären», antwortete Fräulein Honig geduldig, «daß wir uns mit etwas Unbekanntem befassen. Es ist etwas Unerklärliches. Die richtige Bezeichnung dafür lautet: es ist ein Phänomen.»
«Bin ich auch ein Phänomen?» fragte Matilda.
«Es könnte durchaus möglich sein, daß du eins bist», sagte Fräulein Honig. «Aber es wäre mir sehr viel angenehmer, wenn du dir in dieser Situation nicht als etwas Besonderes vorkämst. Ich hatte mir gedacht, daß wir dieses Phänomen etwas genauer untersuchen könnten, nur wir beide, aber wir müssen uns darauf einigen, daß wir die Sache mit äußerster Vorsicht anpacken.»
«Wollen Sie, daß ich noch so was mache, Fräulein Honig?»
«Das hatte ich im Sinn, dir vorzuschlagen», erwiderte Fräulein Honig zurückhaltend.
«Toll», sagte Matilda.
«Ich selber», fuhr Fräulein Honig fort, «bin wahrscheinlich über das, was du getan hast, sehr viel mehr aus der Fassung geraten als du, und ich versuche eine vernünftige Erklärung zu finden.»
«Wie zum Beispiel?» fragte Matilda.
«Ob das zum Beispiel damit zusammenhängt oder nicht, daß du ganz außergewöhnlich frühreif bist.»
«Und was heißt das genau?» fragte Matilda weiter.
«Ein frühreifes Kind», erklärte Fräulein Honig, «läßt schon verhältnismäßig früh erstaunlich viel Intelligenz erkennen. Du bist ein unglaublich frühreifes Kind.»
«Wirklich?» fragte Matilda.
«Aber natürlich. Du mußt das doch merken. Denk doch nur an dein Lesen. Oder an dein Rechnen.»
«Wahrscheinlich haben Sie recht», sagte Matilda.
Fräulein Honig wunderte sich wieder über Matildas Mangel an Selbstbewußtsein und Eitelkeit.
«Ich muß immer darüber nachdenken», sagte sie, «ob diese plötzliche Gabe, die du nun besitzt, nicht etwas mit deiner Geisteskraft, deinem besonderen Gehirn, zu tun hat.»
«Wollen Sie damit sagen, daß es dem Hirn in meinem Schädel zu eng ist und daß es sich deshalb rausdrängelt?»
«So hab ich’s eigentlich nicht gemeint», sagte Fräulein Honig und lächelte. «Aber was auch passiert, ich muß das noch einmal wiederholen, wir müssen von nun an sehr vorsichtig damit umgehen. Ich habe nicht vergessen, wie fremd und fern dein Gesicht geschimmert hat, nachdem du das Wasserglas umgekippt hattest.»
«Glauben Sie, daß es mir schadet? Glauben Sie das, Fräulein Honig?»
«Du hast dich ziemlich merkwürdig dabei gefühlt, nicht wahr?»
«Ich hab mich herrlich gefühlt», antwortete Matilda. «Ein oder zwei Augenblicke lang bin ich auf Silberschwingen an den Sternen vorbeigeflogen. Das hab ich Ihnen ja erzählt. Und soll ich Ihnen noch etwas verraten, Fräulein Honig? Das zweite Mal ging es leichter, viel, viel leichter. Ich glaube, es ist wie bei allem anderen, je mehr man übt, desto leichter flutscht es.»
Fräulein Honig ging langsam, so daß das kleine Kind mit ihr Schritt halten konnte, ohne zu schnell traben zu müssen, und jetzt, wo sie den Ort hinter sich gelassen hatten, war es hier draußen auf der Landstraße friedlich und ruhig. Es war einer dieser goldenen Herbsttage, in den Hecken wuchsen Brombeeren und Ziegenbart, und die Früchte des Schlehdorns begannen rot und reif zu werden für die Vögel, die sie sich im kalten Winter holen würden. Auf beiden Seiten der Straße standen hohe Bäume, Eichen und Bergahorn und Eschen und hie und da eine echte Kastanie. Fräulein Honig, die für den Augenblick das Gesprächsthema wechseln wollte, nannte Matilda alle Namen und erklärte ihr, wie man sie an der Form ihrer Blätter und am Borkenmuster erkennen konnte. Matilda nahm das alles in sich auf und legte die Kenntnisse im Geiste sorgfältig ab.
Schließlich stießen sie an der linken Straßenseite auf eine Lücke in der Hecke, die mit einem Gattertor aus fünf Querbrettern versperrt war. «Hier entlang», sagte Fräulein Honig, wobei sie das Tor öffnete, Matilda durchließ und es hinter ihr wieder verschloß. Sie gingen jetzt einen schmalen Gartenpfad entlang, der nicht viel mehr als ein ausgefahrener Karrenweg war. Auf beiden Seiten wuchsen hohe Haselnußhecken, und man konnte ganze Büschel von reifen braunen Nüssen in ihren grünen Hüllen sehen. Die Eichhörnchen würden sich bald ans Einsammeln machen, sagte Fräulein Honig, und sie sorgsam verstecken für die kargen Monate, die vor ihnen lagen.
«Heißt das, daß Sie hier wohnen?» fragte Matilda.
«Ja», antwortete Fräulein Honig, ohne jedoch mehr dazu zu bemerken.
Matilda hatte noch nie einen Gedanken darauf verschwendet, wo Fräulein Honig wohnen mochte. Sie hatte sie immer nur als Lehrerin betrachtet, als eine Person, die aus dem Nichts auftaucht, in der Schule Unterricht gibt und dann wieder verschwindet. Hält sich irgendeins von uns Kindern damit auf, überlegte sie, darüber nachzudenken, wo unsere Lehrer nach dem Schulschluß bleiben? Denken wir darüber nach, ob sie alleine wohnen oder ob zu Hause eine Mutter auf sie wartet, eine Schwester oder ein Mann oder eine Frau? «Wohnen Sie ganz alleine, Fräulein Honig?» fragte sie.
«Ja», antwortete Fräulein Honig, «ganz alleine.»
Der Weg führte an den Karrenspuren im Lehm entlang, die von der Sonne fest und hart gebacken waren, und wenn man sich nicht den Knöchel verknacksen wollte, mußte man gut aufpassen, wohin man die Füße setzte. In den Haselnußzweigen hüpften ein paar kleine Vögel herum, und das war alles.
«Es ist nur eine Kate, die Hütte eines Landarbeiters», erklärte Fräulein Honig, «du darfst dir nicht zuviel erwarten. Wir sind auch gleich da.»
Sie kamen an eine kleine grüne Pforte, die rechts halb von der Hecke überwuchert war und sich hinter den überhängenden Haselnußzweigen fast versteckte. Fräulein Honig blieb stehen, die eine Hand auf der Pforte, und sagte: «Hier wären wir. Hier wohne ich.»
Matilda erkannte einen schmalen ungepflasterten Pfad, der zu einem Häuschen aus roten Backsteinen führte. Es war so klein, daß es mehr wie ein Puppenhaus als wie eine menschliche Behausung wirkte. Die Backsteine, aus denen es gemauert war, sahen alt und brüchig aus, und ihr Rot war schon sehr verblaßt. Die Hütte hatte ein graues Schieferdach, einen kleinen Schornstein und vorn zwei kleine Fenster. Jedes Fenster war nicht sehr viel größer als eine zusammengefaltete Zeitung, und es war klar zu erkennen, daß es in diesem Haus keinen ersten Stock gab. Zu beiden Seiten des Gartenwegs wucherten Nesseln und Brombeerranken und hohes braunes Gras wild durcheinander. Eine gewaltige Eiche überschattete die Hütte. Ihre kräftigen, knorrigen Äste schienen das winzige Häuschen zu umarmen und zu behüten, vielleicht auch vor dem Rest der Welt zu verbergen.
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