Als sie seine Worte hörte, hatte Emily plötzlich Sorgen. Das Haus gehörte immer noch ihm. Sie hatte angenommen, dass er vermeintlich tot war, aber jetzt, wo das nicht mehr der Fall war, hatte er legal jedes Recht, es von ihr zurückzuholen.
Daniel kam herein, um dem Familienfrühstück beizuwohnen.
„Frühmorgenspaziergang?“, fragte Roy ihn, als er sich setzte.
Daniel fing Emilys bittenden Blick auf. „Nichts ist wie die frische Luft am Morgen“, sagte er mit einem Hauch von Sarkasmus, von dem Emily wusste, dass sie dafür verantwortlich war.
„Opa Roy hat mir gerade erzählt, dass das mal sein Haus war“, informierte Chantelle Daniel.
„Nun, das ist es eigentlich immer noch“, erklärte Emily. Sie sah besorgt zu ihrem Vater auf. „Willst du es zurück?“
Roy fing an zu lachen. „Meine Güte, nein! Ich bin überglücklich, dass du es hast, Schatz. Es ist ja nicht so, als würde ich zurück nach Sunset Harbour kommen.“
Emily hätte froh darüber sein sollen, bestätigt zu bekommen, dass ihr Vater nicht vorhatte, ihr das Haus wegzunehmen. Aber stattdessen empfand sie Traurigkeit bei seiner Bestätigung, dass er nur vorübergehend hier war. Sie war sich nicht sicher, was sie gedacht hatte, ob sie überhaupt so weit voraus gedacht hatte. Aber jetzt fühlte es sich sehr danach an, als ob er sie wieder verlassen würde.
Sie bearbeitete niedergeschlagen ihre Grapefruit und nahm einen bitteren Bissen.
„Wie lange wirst du bei uns bleiben?“, fragte Chantelle fragte in der unschuldigen Art eines Kindes.
„Nur bis nach der Hochzeit“, erklärte Roy mit sanfter Stimme, die er nur für Chantelle abzurufen schien. Eine Stimme, so erinnerte sich Emily, die er auch bei ihr benutzt hatte, als sie in diesem Alter war. „Darum bin ich hier. Um bei den Vorbereitungen zu helfen.“ Er sah zu Emily auf. „Gibt es etwas, bei dem ich dir helfen kann?“
Emily versuchte immer noch die Tatsache zu verdrängen, dass Roys Gastrolle in ihrem Leben nur kurz und flüchtig sein sollte und dass er kaum zurückkehrt, wieder gehen würde. Das Letzte, woran sie jetzt denken konnte, waren die Dinge, die organisiert werden mussten! Und außerdem war er ein wenig spät dran. Es war gerade mal noch eine Woche bis zur Hochzeit, also waren die meisten Dinge schon erledigt.
„Du könntest Chantelle im Auge behalten, wenn ich von den Vorbereitungen auf Trab gehalten werde“, sagte Emily. „Wenn es ihr nichts ausmacht?“
Chantelle grinste. „Wir können Trevors Gewächshaus reparieren!“
Roy sah interessiert aus. „Trevors Gewächshaus?“
„Trevor Mann, unser Nachbar“, begann Emily. Dann versagte ihr die Stimme. Ihr Kummer über Trevors Tod war immer noch frisch. Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie die Situation erklären sollte. „Wir sind erst kürzlich Freunde geworden und dann ist er gestorben. Er hat mir in seinem Testament sein Haus hinterlassen.“
Roys Augenbrauen hoben sich. Emily konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass seine eigene Beziehung zu Trevor nicht die beste gewesen war.
„Trevor Mann hat dir sein Haus hinterlassen?“, fragte Roy überrascht.
Emily nickte. „Ich weiß. Es war eine ungewönliche Freundschaft. Ich war am Ende für ihn da.“
„Wie ist er gestorben?“, fragte Roy leise.
„Vielleicht sollten wir das nicht bei Tisch besprechen“, unterbrach Daniel und sah zu Chantelle hinüber, die ziemlich blass geworden war.
Roy richtete seine volle Aufmerksamkeit auf Chantelle. Er ließ seine Stimme in seine beruhigende, väterliche Stimme fallen.
„Ich würde gerne das Gewächshaus mit dir reparieren“, sagte er. „Du könntest der Boss sein und mir sagen, was zu tun ist.“
Chantelles Gesicht hellte sich augenblicklich auf. Seit Trevors Tod hatte sie verzweifelt nach den Obstbäumen sehen wollen, aber Emily hatte sie immer zurückgehalten, immer noch nicht bereit, diese Wunde zu öffnen.
„Kann ich es Opa Roy jetzt zeigen?“, fragte Chantelle und sah zuerst zu Daniel und dann zu Emily.
Daniel zeigte auf Emily und überließ ihr die Entscheidung. Sie hatte ihm so oft gesagt, dass sie noch nicht bereit war, das Haus zu betreten. Er hielt es für das Beste, sie die Entscheidung treffen zu lassen, anstatt Chantelle etwas zu versprechen, das sie nicht halten konnten.
„Sicher, okay“, sagte Emily.
Sie zögerte ein wenig, in das Haus des Verstorbenen zu gehen, aber mit ihrem Vater und ihren Lieben an ihrer Seite würde es vielleicht nicht so schmerzhaft sein, wie sie befürchtete.
*
Emily holte tief Luft und drehte den Schlüssel in Trevors Tür. Sie schwang auf und die abgestandene Luft, die sich monatelang im Haus gesammelt hatte, strömte heraus. Der Flur lag im Dunkeln und Emily zitterte und war verunsichert.
Sie ging zuerst hinein und ging voran. Hinter ihr hielt Daniel Chantelles fest bei der Hand und beruhigte das kleine Mädchen.
Während sie den Korridor entlangging, erinnerte sich Emily bruchstückhaft an die Gespräche, die sie mit Trevor geführt hatte. Als sie den Anblick des Tisches wahrnahm, an dem sie gesessen und Tee getrunken hatten als ein Stück Putz von der Decke gefallen war, während ein Sturm das Haus durchschüttelte, überrannten sie die Erinnerungen. Dieser Ort war voller Erinnerungen an Trevor. Daran zu denken, eines Tages diesen Ort beräumen zu müssen, war überwältigend.
„Zum Gewächshaus geht es hier entlang“, sagte Chantelle.
Emily trat zurück und erlaubte dem Mädchen, das Kommando zu übernehmen. Sie alle folgten ihr durch den Hinterausgang und durch die Glastür des Gewächshauses.
Obwohl Trevor es in seinen letzten Wochen genossen hatte, hier draußen zu sitzen, war das Gewächshaus in einem schrecklichen Zustand. Alle schauten sich um und erkannten die enorme Menge an Arbeit, die getan werden musste, um diesem Ort wieder seinen früheren Glanz zu verleihen.
Chantelle zog ihren Notizblock heraus und fing an, sich Notizen zu machen. „Ich denke, wir brauchen einen Brunnen“, sagte sie. „Und Bänke, damit wir im Sommer hier sitzen und lesen können. Eine Schaukel. Einen Platz, an dem Papa sein Gemüse anbauen kann. Und ein Blumengarten.“
„Ich weiß alles darüber, welche Pflanzen in welchen Klimazonen wachsen“, erzählte Roy Chantelle. „Ich kann dir helfen, die richtigen Sorten auszuwählen.“
Er nahm Chantelle sehr ernst, was Emily erfreute. Er trug sogar ihren Notizblock und den dazu passenden Stift mit der rosa Feder, mit denen er nun die benötigten Sachen aufschrieb.
„An welches Farbschema hast du gedacht?“, fragte Roy sachlich.
„Gelb und Pink“, sagte Chantelle. „Oder Regenbogenfarben.“
„Alles ausgezeichnete Möglichkeiten.“ Er schrieb ein paar Notizen in den Block. „Wir werden neues Glas brauchen“, fügte er hinzu. „Um sicherzustellen, dass dieser Ort wasserdicht ist und um ihn warm zu halten. Willst du einen Ausflug in den Baumarkt machen?“
Chantelle nickte aufgeregt. „Dann können wir zu Raj gehen und die Samen für die Blumen holen.“
„Sag mal, hast du deine eigenen Gartengeräte? Handschuhe? Eine Schürze?“
Chantelle schüttelte den Kopf.
„Dann müssen wir all das auch einkaufen“, erklärte Roy. „Jeder Gärtner braucht sein eigenes Outfit. Du würdest in einem grün-karierten ziemlich großartig aussehen.“
Chantelle grinste und Emily stellte fest, dass sie selbst genauso breit lächelte. Als sie sah, wie sich ihr Vater mit dem Kind durch das Gewächshaus verband, war das ein Moment, den sie für immer schätzen würde. Sie dankte Trevor im Stillen dafür, dass er ihr so ein großzügiges Geschenk gemacht hatte, das nun einen so schönen Moment ermöglichte.
Daniel zerzauste Chantelles Haar. „Komm schon! Ich werde dich und Opa Roy in die Stadt fahren.“
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