Emily lachte und schüttelte den Kopf. „So viele Geheimnisse.“
Sie gingen aus dem Arbeitszimmer und Roy ging in sein Schlafzimmer. Emily ging, um die Tür hinter sich zu schließen, aber er streckte die Hand nach ihr aus und gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss.
Emily blieb wie betäubt stehen. Ihr Vater hatte sie seit so viele Jahren nicht mehr geküsst, nicht einmal bevor er aus ihrem Leben gegangen war.
„Gute Nacht, Papa“, sagte sie hastig.
Sie schloss die Tür und eilte in ihr Zimmer. Sobald sie sicher drinnen waren, nahm Daniel sie sofort fest in die Arme. Das war auch dringend nötig.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er leise und schaukelte sie sanft in seinen Armen.
„Ich kann nicht glauben, dass er wirklich hier ist“, stammelte sie. „Ich denke immer noch, das ist ein Traum.“
„Worüber habt ihr geredet?“
„Über alles. Ich meine, ich weiß, dass ich immer noch alles verarbeite, aber es war befreiend. Ich habe das Gefühl, wir können jetzt all den Schmerz hinter uns lassen und von vorne beginnen.“
„Also sind das Freudentränen, die meine Schulter nass machen?“, scherzte Daniel.
Emily wich zurück und lachte über den dunklen Fleck auf Daniels Shirt. „Ups, Entschuldigung“, sagte sie. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie geweint hatte.
Daniel küsste sie sanft. „Es gibt nichts zu entschuldigen. Ich verstehe, dass das hart wird. Wenn du weinen oder lachen oder schreien musst, bin ich hier. Okay?“
Emily nickte, so dankbar, einen so wunderbaren Menschen in ihrem Leben zu haben. Und jetzt, da ihr Vater hier war, hatte sie das Gefühl, dass sich wirklich alles zusammenfügte. Endlich, nach so vielen Jahren, in denen sie ein unerfülltes Leben führte, hatte sie das Gefühl, dass sie nun endlich das verdiente Leben führen konnte.
Ihre Hochzeit war nur noch eine Woche entfernt. Und jetzt, zum ersten Mal, fühlte sie sich mit allen um sie herum, die sie liebte, wirklich bereit dafür.
Jetzt war es Zeit zu heiraten.
Am nächsten Morgen erwachte Emily früher als sonst und fühlte sich beschwingt. Sie hüpfte nach unten, um Frühstück zu machen. Sie kochte ein Festmahl aus Eiern, Toast, Speck und Pfannkuchen und summte die ganze Zeit fröhlich vor sich hin. Ein bisschen später kam auch Daniel mit Chantelle runter. Nach einer Weile schaute Emily schaute auf die Uhr und begann sich Sorgen zu machen, da ihr Vater noch nicht erschienen war.
„Warum klopfst du nicht an seine Tür?“, schlug Daniel, der die Gründe für ihre verstohlenen Blicke erkannt hatte, vor.
„Ich möchte ihn nicht stören“, antwortete Emily.
„Ich kann das machen“, sagte Chantelle und sprang von der Frühstücksbar auf.
Emily schüttelte den Kopf. „Nein, du isst. Ich werde gehen.“
Sie war sich nicht sicher, warum sie sich überhaupt Sorgen darum machte, ihren Vater zu stören. Vielleicht war es das nervende Gefühl in ihrem Hinterkopf, dass er nicht da sein würde, wenn sie klopfte, dass sich alles als Traum herausstellen würde.
Sie ging vorsichtig zu seinem Zimmer, räusperte sich und fühlte sich albern. Sie klopfte laut.
„Papa, ich habe Frühstück gemacht. Bist du bereit runter zu kommen?“
Als sie keine Antwort bekam, spürte Emily erste Panik aufwallen. Aber sie redete sich selbst ein, dass alles okay sei. Roy könnte gut unter der Dusche sein und sie deshalb nicht hören.
Sie drückte den Türgriff runter und fand die Tür unverschlossen. Sie öffnete sie und spähte in sein Zimmer. Sein Bett war leer, aber aus der offenen Badezimmertür drang kein Geräusch fließendes Wasser, es gab kein Zeichen von Roy.
Emily konnte ihre Angst nicht länger unterdrücken. Plötzlich wurde sie davon überrollt. Hatte sie ihn letzte Nacht zu sehr gedrängt? Hatte sie es ihm unerträglich gemacht zu bleiben?
Sie eilte aus dem Zimmer in den Korridor und flog die Treppe hinunter in die Küche. Nur Chantelle, die immer noch an der Frühstücksbar saß und sie verwirrt anschaute, hielt sie davon ab, nach Daniel zu schreien. Stattdessen blieb sie stehen und schaffte es, sich zu sammeln.
„Daniel, kannst du mir schnell helfen?“, sagte Emily und versuchte zu verhindern, dass ihr Fassade zusammenbrach.
Daniel sah auf und runzelte die Stirn. Offensichtlich konnte er durch ihr aufgesetztes Lächeln hindurchsehen. „Wobei?“
„Ähm ...“ Emily fuhr herum. „Etwas Schweres zu heben.“
„Was musst du heben?“, hakte Daniel nach.
Emily platzte das erste Wort heraus, das ihr einfiel. „Toilettenpapierrollen.“
Chantelle kicherte. „Schwere Toilettenpapierrollen?“
„Daniel“, blaffte Emily. „Bitte! Hilf mir einfach für einen Moment.“
Daniel seufzte und stand vom Tisch auf. Emily griff nach seinem Arm und zog ihn in den Korridor hinaus.
„Es ist wegen Papa“, flüsterte sie. „Er ist nicht in seinem Zimmer.“
Durch die Veränderung in Daniels Ausdruck wusste Emily, dass er endlich begriffen hatte, warum sie sich so seltsam benahm.
„Er ist nicht gegangen“, beruhigte Daniel sie und rieb ihre Arme. „Er ist wahrscheinlich auf dem Gelände unterwegs.“
„Das weißt du nicht“, antwortete Emily. Sie gab ihrer Panik jetzt vollständig nach und war kurz davor, in Tränen auszubrechen.
„Ich werde den Hof überprüfen“, sagte Daniel. „Schau du im Haus nach.“
Emily nickte, froh, dass sie eine Anweisung erhalten hatte. Ihr eigener Verstand war von ihrer Angst blockiert.
Daniel eilte nach draußen, und Emily raste die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie überprüfte jedes der offenen Gästezimmer, aber ohne Erfolg. Durch die Fenster im Treppenabsatz konnte sie Daniel auf dem Hof herumeilen sehen. Also hatte er auch kein Glück gehabt.
Dann hatte Emily einen Gedankenblitz. Sie rannte zum Ende des Korridors und riss die Tür zu Roys Arbeitszimmer auf.
Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge waren zugezogen, aber die Schreibtischlampe brannte und erzeugte einen Spotlight-Effekt auf der Holzoberfläche. Hinter dem Schreibtisch zeichnete sich die unverwechselbare Silhouette von Roy Mitchell ab, der sich über etwas gebeugt hatte, an dem er herumbastelte.
Emily stieß einen großen Seufzer aus und lehnte ihre Schulter gegen den Türrahmen, so dass er sie stützen konnte, als die Spannung ihren Körper verließ.
„Oh, guten Morgen“, sagte Roy ahnungslos, als er zu ihrem geräuschvollen Ausatmen aufschaute. „Ich habe das gerade repariert.“ Er hielt eine Kuckucksuhr hoch, deren Hintertür offenstand. Er schloss sie sanft und der Kuckuck sprang aus dem Loch in der Vorderseite. Lächelnd legte er die Uhr zurück. „So gut wie neu!“
Emilys Panik verschwand und wurde genauso schnell von einem Glücksgefühl ersetzt. Zu sehen, wie ihr Vater herumgebastelt hatte, schien so seltsam vertraut. Es war, als wäre er schon immer dort gewesen. Der Anblick erfüllte sie mit Freude.
„Bist du bereit für ein Frühstück?“, fragte Emily.
Roy nickte und stand auf. Als sie zusammen nach unten gingen, klopfte Emily an das Fenster des Treppenhauses, wo sie Daniel durch den Garten hetzen sehen konnte. Er sah zu dem Geräusch auf und Emily zeigte ihm ein Daumen hoch. Sie beobachtete, wie er vor Erleichterung aufatmete.
Sie gingen in die Küche, wo Chantelle noch immer ihr Frühstück aß, ohne auf das Treiben zu achten.
„Sieht so aus, als hättest du ein Festmahl aufgetischt“, sagte Roy und gluckste, als er sich neben Chantelle auf den Platz setzte.
„Wie hast du geschlafen, Opa Roy?“, fragte Chantelle. Sie war am Abend zuvor beim Aufräumen ihres Zimmers eingeschlafen und sah ihn erst jetzt wieder.
Roy schenkte sich ein Glas Saft ein. „Wunderbar, danke meine Liebe. Das Bett war genauso bequem wie das, in dem ich geschlafen hatte, als dies mein Haus war.“
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