Plötzlich knirschen Schritte draußen auf dem Schotter. Ich erschrecke, schubse unabsichtlich eine Flasche zur Seite und hüpfe vom Schemel. Die Flasche klirrt zu Boden, heller, klebriger Saft läuft aus. Papa ist draußen. Er beschattet die Augen mit einer Hand und versucht, durch die Scheibe zu spähen. Er sieht mir direkt in die Augen. Hat er das Klirren gehört? Drohend deutet er mit dem Finger. Er hat wohl gemerkt, dass ich durch das Fenster flüchten wollte. Aber das Klirren ist ihm anscheinend entgangen.
Ich drehe mich um, flüchte zur Tür. Ich muss jetzt wirklich dringend aufs Klo. Draußen höre ich den Traktor polternd anspringen. Dicht am Fenster vorbei rattert Papa in Richtung Hofzufahrt. Jetzt könnte Mama eigentlich kommen. Ich rüttle an der Tür, obwohl ich weiß, dass sie nicht nachgeben wird. „Mama!“, schreie ich, jetzt, wo ich Papa außer Hörweite weiß. „Mama!“ Es dauert unglaublich lange, bis ich Schritte in der Küche höre. Es ist aber nicht Mama, die die Türe aufsperrt, es ist Walter. „Führ dich nicht so auf, du dumme Gurke!“ Walter versucht mir ein Bein zu stellen, als ich aus der Speisekammer laufe, doch ich springe darüber. Ich kenne seine Tricks. „Blöde Kuh!“, schreit er mir noch hinterher.
Ich haste aufs Klo und verschließe die Tür. Als ich es endlich laufen lassen kann, wird mir ein wenig wohler. Hier bin ich auch eingesperrt, aber ich habe es selbst in der Hand, wann ich wieder hinausgehe und ob ich jemanden hereinlasse. Schön kühl ist es. Am liebsten würde ich hier bleiben.
Ich nehme den Saum meines Kleides in die Hand. Da ist wirklich ein langer Riss im Stoff. Es ist eines von meinen besseren Kleidern. Eigentlich das beste. Das, das ich an besonderen Schultagen und am Sonntag zur Kirche immer anziehe. Ich weiß selber nicht, warum ich es heute nach der Schule nicht ausgezogen habe, ich habe nicht darüber nachgedacht, auch nicht, als ich zu Minka auf den Baum geklettert bin. Gerade, als ich oben war und sie auf meinen Schoß nehmen wollte, um sie zu streicheln, ist das dumme Tier aber wieder hinuntergesprungen.
Ich stehe auf, ziehe meine Unterhose hoch, drücke den Spülknopf und setze mich wieder auf den Toilettensitz, noch während das Wasser unter mir rauscht. Manchmal wäre ich gerne ganz weit weg. Ich habe ein Buch, ein Bilderbuch, für das ich eigentlich schon zu alt bin. Es spielt im Wald, und da leben Zwerge, Insekten und Schnecken friedlich zusammen. Sie wohnen in hohlen Bäumen, in Pilzen und Rindenhäuschen. Und immer sind alle gut gelaunt und fröhlich und vor allem nett zueinander. Dort würde ich gerne wohnen. Ich würde Beeren und Pilze sammeln und mit dem Eichhörnchen und zwei Hasen zusammen in einer Rindenhütte leben. Und jede Woche würde ich zu den Bienen gehen, um Honig zu holen, und jeden Morgen zu den Kühen, um Milch im Haus zu haben.
Dass Papa einmal nett zu mir war, das ist lange her. Ich glaube, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Wenn Mama nicht immer sagen würde: „Er kann auch lieb sein! Ich hätte ihn doch nie geheiratet, wenn er nicht auch lieb sein könnte“, dann würde ich es gar nicht glauben. Und sie sagt, dass es nur die Sorgen sind, die ihn so gemacht haben, wie er jetzt ist. Und zu diesen Sorgen gehören wir auch, Walter, Tobi und ich. Ich habe jetzt zum Beispiel mein bestes Kleid zerrissen, Tobi macht ins Bett, und Walter gehört zu den ganz schlimmen Kindern in der Schule.
„Xandi! Xandi! Wo bist du denn?“ Mama ruft nach mir, und ich stehe auf, spüle noch einmal hinunter und komme aus dem Klo heraus. „Am Klo! Ich komme schon!“
Als ich in die Küche trete, steht Mama an der Anrichte und wäscht Marillen. Sie streicht mir übers Haar, als ich mich neben sie stelle. „Willst du mir vielleicht die Kerne aus den Marillen holen?“ Ich nicke und nehme mir eines der kleinen Messer, um die Marillen auseinanderzuschneiden. „Oh Gott!“, ruft Mama, „Wie sieht denn dein Kleid aus? Das ist dein bestes!“ Ich sehe betroffen an mir hinunter. „Schnell, zieh es aus, und zieh irgendwas Schmutziges an. Mit den Marillen patzt du dich sicher auch noch an. Und tu’s gleich in die Wäsche, damit es der Papa nicht sieht!“ Ich laufe in mein Zimmer und hole mir ein altes, fleckiges T-Shirt und eine kurze Hose, die zusammengeknüllt auf dem Boden liegt. Das Kleid kommt in die Wäschetonne, aber ich lasse es nicht ganz oben liegen, sondern stopfe es unter das andere Zeug, das schon drinnen ist. Papa kümmert sich zwar nie um solche Dinge wie Wäsche, aber wenn er einen Verdacht hat, wirft er vielleicht doch einmal einen Blick in die Wäschetonne.
Schweigend entkerne ich eine Marille nach der anderen. Manchmal stecke ich mir eine Hälfte in den Mund. Sie sind zuckersüß und weich, von unserem eigenen Baum. Mama lächelt. „Die sind gut, gell? Ich freu mich schon auf die frische Marmelade!“ Wenig später, als Mama den Gelierzucker über die Marillen im Kochtopf gestreut hat und nun kräftig umrührt, fängt sie lautlos an zu weinen. Ich merke es nur daran, dass sie ein wenig zuckt und stoßweise atmet. Ich tu so, als würde ich gar nichts merken. Ich mag mit Mama nicht darüber reden, warum sie weint. „Kann ich raufgehen?“ Sie nickt und rührt heftig weiter.
In meinem Zimmer lege ich mich mit einem Micky-Maus-Heft aufs Bett. In Entenhausen würde ich auch gerne wohnen, obwohl dort auch nicht alle nett zueinander sind. Vor allem Onkel Dagobert, der ist manchmal so wie Papa. Wegen Kleinigkeiten rastet er völlig aus. Aber Donald, der ändert sich dadurch nicht. Er fürchtet sich auch nicht vor Onkel Dagobert, und weinen muss er auch nicht. Und das Schönste ist, dass jeder sein eigenes kleines Haus hat, in dem er wohnt und Ruhe vor den anderen hat. Micky hat eins, Minni auch, und Goofy und Donald, die wohnen auch jeder in einem eigenen Haus und müssen nicht ständig aufpassen, ob irgendwo ein Papa um die Ecke kommt, der schon wieder zu viel getrunken hat und sich furchtbar darüber ärgert, dass es alle anderen so leicht haben und er es so schwer.
Das ist eine besondere Spezialität von Papa. Alle anderen können es sich richten, haben Freunde in wichtigen Positionen und das Glück auf ihrer Seite. Nur er ist von Unglück und Pech verfolgt. Aber er kann natürlich nichts dafür. Es sind immer die anderen schuld.
Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und schalte meine Taschenlampe ein. Darunter habe ich neben dem Micky-Maus-Heft drei Bücher aufgestapelt, in denen ich heute noch lesen möchte. In einem geht es um ein Mädchen, das mit seiner Familie und seinen Freunden auf einer Insel lebt, und auch dort sind alle nett zueinander, wie bei den Tieren im Wald, kein böses Wort gibt es. Und es ist nie jemand betrunken und schreit herum, und in die Speisekammer gesperrt wird dort auch niemand. Nur einer, der Melcher Melcherson, der muss sich immer wieder furchtbar ärgern und aufregen, aber er tut niemandem was, seine Kinder lachen nur, wenn er herumschreit. Vor Melcher muss auch niemand Angst haben. Dann habe ich noch das Buch mit dem Insektendorf im Wald, wo es sogar eine Schneckenpost gibt. Und zum Schluss noch ein neues Buch, von Walter. Der hat wie jedes Jahr zu Weihnachten auch ein Buch geschenkt bekommen, gelesen aber hat er noch keines davon. Ich habe es mir einfach genommen, er wird es nicht vermissen. Da geht es um eine Reise im Raumschiff durch das ganze Sonnensystem. Es hat fast keine Bilder und ist ziemlich dick, aber ich bin schon gespannt darauf.
Alexandra war spät dran. Trotzdem parkte sie nicht direkt vor der Schule. „Ich mag aber nicht zu Fuß gehen“, maulte Annika von der Rückbank. „Die anderen …“ „Die anderen sind mir egal! Und vor der Schule stehen zu bleiben ist verboten! Ich hab dir schon oft genug erklärt, dass man da die Kinder gefährdet, die zu Fuß unterwegs sind“, schimpfte sie etwas zu laut und zu ungehalten, während sie auf den Parkplatz eines Supermarktes einbog, von dem aus Annika höchstens noch drei Minuten bis zum Schultor zu gehen hatte. „Tschüs! Und vergiss nicht, dass du mit dem Bus nach Hause fahren musst, wir haben heute im Verlag eine Besprechung.“ Annika hörte nicht auf zu maulen, murmelte Unverständliches vor sich hin und stieg grußlos aus dem Auto. Erziehung konnte manchmal schwierig sein. Vor allem bei einer Elfjährigen, die schon deutliche Anzeichen pubertärer Launen zeigte.
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