Langsam und sichtlich müde kamen die Gäste auf das Gebäude zu. Ihre Koffer wurden derweil von dienstbaren Geistern auf knatternden Transportwägen vor dem Club abgestellt, um in die Busse verladen zu werden, sobald diese eintrafen. Ich trank ein paar Schlucke von meinem leckeren Gebräu und hielt Roberta die halb volle Tasse unter die Nase. Die niedliche Italienerin war bei uns für die Kinderbespaßung zuständig und an den Abenden Teil der Club-Show. Ihr schwarzer Wuschelkopf war heute noch ungebändigter als sonst und die runden Haselnussaugen verrieten eklatanten Schlafmangel.
»Na komm, trink, du siehst aus, als ob du es nötig hättest.«
Sie verzog nur das Gesicht. »Frag nicht. Ich hab miserabel geschlafen, und dann nach drei Stunden wieder raus, das grenzt an Folter.« Dankbar schlürfte sie den heißen Kaffee. Ich blickte noch einmal durch den Türspalt und sah, dass nun auch unser beliebtester Rettungsschwimmer Fernando am Horizont auftauchte. Der Kopf mit den langen hellbraunen Haaren, in die sich von der Sonne gebleichte blonde Strähnen mischten, war gesenkt, der Blick auf den Boden gerichtet. Wie so oft am frühen Morgen, kam Fernando noch im Halbschlaf und in Flip-Flops angeschlappt, die Hände tief in den ausgebeulten Taschen seiner Jeans versenkt. Immerhin konnte er sich dazu aufraffen, das Club-Poloshirt zu tragen, das er stets eine Nummer zu klein orderte, um seine Muskeln besser zur Geltung zu bringen. Wir argwöhnten seit geraumer Zeit, dass Fernando entweder ein Vampir war oder aber die Gene einer Fledermaus in sich trug. Mit schlafwandlerischer Sicherheit wich der Kerl jedem Hindernis aus, ohne auch nur den Blick zu heben. Er musste Schallwellen aussenden, eine andere Erklärung gab es nicht. So auch heute. Zielstrebig trabte er auf die Rezeption zu und wich in allerletzter Sekunde dem Mauervorsprung aus, auf dem diverse Blumentröge standen. Jeder andere hätte in diesem Augenblick an der Rückwand des Gebäudes geklebt, nicht so Fernando. Er fand problemlos den Eingang, und genauso problemlos fand sein Kopf Lupes Schulter.
»Gmpf!«
Lupes ausgeprägter Mutterinstinkt verhinderte, dass sie den frechen Bengel einfach abschüttelte wie ein lästiges Insekt. »Nando, ich habe dich ja auch lieb, aber wir sind alle müde, außerdem müsst ihr jetzt sofort raus, ich höre die Busse.«
Tatsächlich ertönte in der morgendlichen Stille das Geräusch der beiden großen Reisebusse.
»Na dann«, ich stupste Roberta sachte in die Rippen, »wollen wir wieder einmal ›Bye Bye‹ sagen.«
Wie von Zauberhand erschien auf unseren Gesichtern ein strahlendes Lächeln, was vor allem bei Fernando ausgesprochen amüsant wirkte, und wir traten in die Einfahrt des Clubs, wo die beiden Busse soeben fauchend ihre Türen öffneten.
»Wie viele?« Ich warf Lupe einen Blick zu. Die nahm ein Klemmbrett von ihrem Schreibtisch und blätterte durch die Liste. »Zweiundvierzig.«
Roberta und Fernando stellten sich an den Einstieg des ersten Busses, ich winkte den soeben atemlos herbeieilenden Carlos zu mir. »Konnten wir uns mal wieder nicht losreißen, was?«
Er verzog keine Miene. »Ich schon, aber sie nicht. Keine Panik, jetzt bin ich ja da.«
Aus dem Augenwinkel nahm ich ein verweintes, rotes Gesicht wahr. Eine schwere Reisetasche schleppend, war das Mädel schon wieder in Carlos‹ Richtung unterwegs.
»Achtung!«
»Danke, ich sehe sie schon.«
Carlos nahm von Lupe die Liste für Bus 2 in Empfang und wir stellten uns neben den Eingang.
Ich holte tief Luft. »Guten Morgen, liebe Gäste. Wir wissen, ihr seid müde und wollt nur eure Ruhe. Aber ihr kennt uns ja inzwischen, ein bisschen nerven müssen wir einfach, sonst sind wir nicht glücklich.« Verhaltenes Gelächter war die Antwort und ich fuhr erleichtert fort.
»Wir hoffen, ihr habt noch ein vernünftiges Frühstück bekommen, sofern man um diese Zeit überhaupt etwas hinunterbringt. Abgesehen davon müssen wir uns nun von euch verabschieden. Es hat uns allen großen Spaß mit euch gemacht, wir wünschen eine gute Heimreise und hoffen, dass ihr uns in guter Erinnerung behalten werdet, trotz allem, was wir mit euch angestellt haben.«
Da alle applaudierten – Müdigkeit hin, früher Morgen her –, schien ihr Aufenthalt den Erwartungen gerecht geworden zu sein.
»Carlos und ich werden nun die Namen all derer aufrufen, die in Bus 2 einsteigen müssen, um uns dann um euer Gepäck zu kümmern, Roberta und Fernando tun das Gleiche bei den Gästen, die für Bus 1 vorgesehen sind.«
Abwechselnd und zügig hintereinander riefen wir die Namen der Passagiere auf, hakten ab, drückten Hände, umarmten lieb gewonnene Gäste, wobei ein Paar Arme länger als nötig Carlos Hals umklammerte, ehe er sie vorsichtig löste und beruhigend auf das todtraurige Mädchen einredete. Endlich war auch es im Bus, die beiden Fahrer grüßen, wir nickten, die Türen schlossen sich, was immer nach Raumschiff klang, und schon fuhren sie langsam aus der Einfahrt.
Wieder einmal entschwanden zweiundvierzig Menschen, die eine kleine Weile unser Leben begleitet hatten, auf wahrscheinlich Nimmerwiedersehen.
3
Lupe steckte ihren Kopf durch die Eingangstür. »Ihr Lieben, ich bereite schon mal alles für diejenigen vor, die heute im Laufe des Tages kommen. Sind immerhin schon wieder zweiunddreißig. Seht zu, dass ihr noch ein wenig Schlaf bekommt. Bis später.« Die Tür klackte ins Schloss und auf dem Vorplatz herrschte, bis auf das Gezwitscher zahlreicher Vögel, wieder absolute Ruhe.
Carlos wandte sich uns mit zufriedenem Lächeln zu. »Na, amigos, was ist? Kaffee, Kippe, Sonnenaufgang, oder?«
Wir sahen uns nur kurz an und antworteten mit einhelligem Nicken. Roberta hakte sich bei mir unter, Carlos und Fernando gingen voraus, und so verließen wir eiligen Schrittes das Clubgelände und strebten dem kleinen Fischerhafen von Santa Eulalia entgegen. Um diese Zeit befanden sich die Fischer entweder bereits auf dem Meer oder waren soeben dabei abzulegen.
Und dann war da noch die kleine, urige Bar unseres Freundes Tikko, die täglich von vier Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags geöffnet war. Wie immer wurden wir freundlich begrüßt. Die derben Witze, die unweigerlich folgten, waren liebevoll auszulegen und Roberta und ich waren nicht um eine Antwort verlegen.
»Cara, Mädel, wenn du nicht endlich den Schönling da ranlässt, dann muss ich denken, dass du doch lieber mich wählen würdest, einen ganzen Mann.«
Ich drehte mich langsam um und musterte Pablo, der grinsend mit den Fingern durch seinen Vollbart pflügte, mit sorgenvoller Miene.
»Pablo, im Ernst jetzt? Deine Frau, vier Kinder und dann auch noch ich? Glaub mir, das schaffst du nie im Leben.« Ich klopfte ihm auf den imposanten Bauch, über dem sich die Fischerhose spannte. »Aber für den Fall, dass ich mich eines Tages umentscheiden sollte, lass ich es dich sofort wissen, in Ordnung?«
Pablo lachte und tätschelte mir mit seiner riesigen Pranke gutmütig die Schulter. »Pass auf dich auf, Mädel, du bist doch unser Sonnenschein.«
Ich fühlte, wie ich am Arm ergriffen und sachte mit fortgezogen wurde.
»Keine Angst, Pablo. Das mit dem Aufpassen übernehm dann mal ich.« Carlos schob mich zu der weißgetünchten Mauer, auf der wir oft saßen, und half mir hinauf. Er musterte mich besorgt. »Alles klar bei dir?«
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